Kurt Lauber (57) blickt hinauf zum Matterhorn. Der Berg war für ihn lange das Zentrum des Lebens. «Ich habe eigentlich gar nicht daran gedacht, aufzuhören», sinniert der weltweit bekannte Hüttenwart, Bergführer und ehemalige Rettungsspezialist. 23 Sommer hat er auf der Hörnlihütte am Fuss des berühmtesten Schweizer Berges verbracht. Jeweils 1. Juli bis Mitte September von 3.30 Uhr morgens bis 22.30 Uhr abends. Jetzt bricht bald die letzte Saison an. Der Wächter des Matterhorns tritt ab.

«Wächter des Matterhorns» wird er spätestens genannt, seit 2012 ein Buch mit diesem Titel erschien, in welchem er Geschichten aus dem Leben in der Hörnlihütte erzählt. Es wurde mit 40'000 verkauften Exemplaren zum Bestseller im deutschsprachigen Raum und auch auf Japanisch übersetzt.

     

Selber sieht er sich nicht als Wächter des Bergs, das töne überheblich. Aber gepackt hat Kurt Lauber der Zauber des «Horu» schon früh. Er erzählt: «Zum zwanzigsten Geburtstag schenkte mir mein Onkel Richard Andenmatten diese Tour. Mit 800 Matterhornbesteigungen war er ein sehr erfahrener Bergführer und ich zum ersten Mal auf einem Viertausender. Die Magie der Berge packte mich.» Mit 24 Jahren war er dann ebenfalls Bergführer, obwohl ihm sein Grossvater und seine Mutter von diesem unsicheren Broterwerb abgeraten hatten.

Ein Erlebnis aus seinem ersten Berufsjahr bleibt ihm unvergessen: Mit einem deutschen siebzigjährigen Gast war er am «Horu» unterwegs. «Wohl viel zu langsam, doch sein Wille und seine Lebensgeschichte waren aussergewöhnlich», erinnert sich Lauber. Im Zweiten Weltkrieg war der Gast durch einen Kopfschuss schwer verletzt worden, danach in russische Gefangenschaft geraten und später nach Deutschland zurückgekehrt. «Leider hatte er sein Gedächtnis verloren, die ganze Vergangenheit war ausgelöscht und so konnte er in seinem Leben nur noch nach vorne und nie zurücksehen.»

Erst spät, was ein Fehler war, näherten sich Lauber und der Gast wieder der Hörnlihütte. Doch sie gerieten in einen Steinschlag, der durch andere Bergsteiger ausgelöst worden war. Der Gast verletzte sich am Kopf. Lauber konnte ihn halten und die Air Zermatt alarmieren. «Einige Tage später besuchte ich ihn im Spital Visp und wir sprachen lange über die Erlebnisse am Berg und sein zweites Leben.»

1994 übernahm Lauber dann die Hörnlihütte. «Meine damalige Frau hatte schon eine Saison lang in der Hörnlihütte gearbeitet, schwärmte von diesem Arbeitsort, und als die Stelle für ein Hüttenwartehepaar frei wurde, sagten wir zu.» Eigentlich wollte er damals alle zehn Jahre den Job wechseln. «Doch es kommt oft anders, als man denkt», schmunzelt er.

Die Jahre vergingen, Sohn Kevin war bereits als Dreijähriger auf der Hütte und als er mit acht Jahren zusammen mit seinen Eltern aufs Matterhorn stieg, wurde die Bindung an den Berg noch stärker. «Das war für uns ein ganz spezielles Gipfelerlebnis: zu dritt dort oben, stahlblauer Himmel, Emotionen pur und bei Kevin ein grosses Staunen. Er hatte sein Ziel erreicht und später bei der Hütte zurück spielte er wieder mit seinen Steinen.» Für den Sohn sei die Kindheit während der Sommermonate am Fuss des Matterhorns prägend gewesen.

Scherz lockte Besucher an

Der Berg hat aber auch den Vater geprägt: Etwa die Erlebnisse im Jahrhundertsommer 2003, als am 13. Juli um acht Uhr morgens 200 Meter oberhalb der Hütte ein Felssturz die Hörnligratroute verschüttete. Zum Glück nicht einige Stunden früher, als viele Bergsteiger dort aufgestiegen waren, es wäre zu einer Katastrophe gekommen. Dennoch mussten rund siebzig Personen mit Helikoptern evakuiert werden.

Es folgte ein globaler Medienhype. Kurt Lauber hatte täglich über hundert Anfragen von Zeitungen und Radio- und Fernsehstationen. «Immer wieder musste ich betonen, dass Zermatt und die Hörnlihütte nicht gefährdet seien, doch man glaubte mir vor lauter Sensationshascherei nicht. Und so meldete ich den Medien spasseshalber, dass das Matterhorn nächstens komplett zusammenfalle und dass dies an Ort und Stelle am besten zu sehen sei, was weltweit für zusätzliche Aufmerksamkeit und Werbung sorgte», blickt Kurt Lauber schmunzelnd zurück.

Nicht immer geht es so glimpflich aus wie bei jenem Felssturz. So kamen in den letzten Jahren immer mehr Eltern, Frauen und Verwandte von Abgestürzten bei der Hütte vorbei, um nach dem Warum zu fragen. Aber meistens kennt Lauber die genauen Umstände der Unfälle nicht, und Trost zu spenden, ist schwierig. «Im Gegensatz dazu hört man von den Geretteten fast nie etwas», sagt Lauber, «obwohl Rettungseinsätze nicht ohne Risiko sind.»

Hoch war das Risiko etwa bei der Bergung eines Verunfallten mit Schädel-Hirn-Trauma in der Nordwand auf 4200 Meter über Meer. «Der Helikopterpilot konnte uns zwei Bergführer trotz schlechter Sicht beim Verunglückten absetzen», erzählt Lauber. Doch dann begann es zu schneien und der Wetterbericht versprach für die nächsten drei Tage nichts Gutes. Banges Warten, bis sich endlich eine kleine Nebellücke auftat und der Verletzte zusammen mit den Bergführern zurücktransportiert werden konnte.

«Es ist nicht der Berg, der gefährlich ist, es sind die Leute, die ihn gefährlich machen», sagt Kurt Lauber. So auch letztes Jahr, als abends um sechs eine Amerikanerin am Grat unterhalb des Gipfels vom Blitz getroffen wurde. Früh auf und früh zurück, heisst die Regel, bevor der Berg zuschlägt. Zudem ist es wesentlich sicherer, mit einem Bergführer unterwegs zu sein.

Wasser aus der WC-Schüssel

Neben all den Schicksalen gab es aber auch heitere Momente. Lauber erzählt: «In der alten Hörnlihütte war die Wasserversorgung immer ein Problem. Vor Jahren sass ich auf der Terrasse und beobachtete vier Spanier, die Wasser abkochten. Ich machte mir nicht viele Gedanken, fragte mich nur, woher die Wildcampierer es hatten. Als ich sah, dass sie das Wasser der WC-Schüssel entnahmen, wurde ich stutzig und wies sie darauf hin, dass das keine gute Idee sei. Ich solle mich nur um meine Probleme kümmern, war ihre prompte Antwort.»

Am folgenden Nachmittag erhielt er von der Air Zermatt einen Anruf für einen Rettungseinsatz. Vier spanische Bergsteiger harrten mit Bauchkrämpfen auf dem Matterhorngipfel aus. «Meine Vorahnung bestätigte sich. Als ich mit der Seilwinde vor ihnen abgesetzt wurde, reichten mir zwei Sätze: ‹So schnell ändert sich die Situation. Gestern habe ich mich um meine Probleme kümmern müssen und heute seid ihr mein Problem.›» Wortkarg seien sie mit Lauber zur Hütte hinab geflogen.

Immer wieder wurde Kurt Lauber gefragt, wie lange er noch Hüttenwart bleibe. Für ihn war klar, dass er diesen Entscheid Jahr für Jahr neu treffen will. Doch auf dieses Jahr wurde die Pacht für die Mountain Lodge «Ze Seewjinu», das ehemalige Berghaus Grünsee, mitten im Zermatter Ski- und Wandergebiet auf 2316 Meter frei. Einen Tag später bewarb sich Lauber mit seiner Lebenspartnerin Stéphanie Mayor darum. «Bis jetzt hatte ich als Bergführer und Hüttenwart auf 3260 Meter über Meer kaum einen richtigen Sommer erlebt. 2019 wird das anders», schwärmt Lauber.

Doch zuerst wird er mit einem ganz speziellen Gefühl die letzte Hüttensaison am Fuss des Matterhorns verbringen. Die Nachfolger, Martin und Edith Lehner, ein Zermatter Bergführerkollege mit seiner Frau, müssen eingeführt werden.

Den Blick aufs Matterhorn wird Lauber nach wie vor haben. Und weniger im Rampenlicht zu stehen, entspricht ihm. «Natürlich werde ich weiterhin zwischendurch als Bergführer mit meinen Gästen in der Hörnlihütte übernachten. Nur heisst es nach den Touren nicht wie bis anhin, als Hüttenwart gleich der Arbeit nachzugehen, sondern auszuruhen und zu geniessen.»

Um den 20. September wird Kurt Lauber die Hütte das letzte Mal schliessen, Erinnerungen zu Tale tragen und den inoffiziellen Titel «Wächter des Matterhorns» mit «ehemaliger» ergänzen. Die internationale Gästeschar wird auch 1000 Meter tiefer in der Mountain Lodge «Ze Seewjinu» nicht fehlen. Die spezielle Ambiance an einem Hüttenabend inmitten von Bergführern wird er schon eher vermissen. «Ja, den letzten Sommer hier oben werde ich viel bewusster erleben», sagt Lauber. War da nicht doch ein wenig Wehmut in Kurt Laubers ruhiger Stimme herauszuhören?