Heftige Regengüsse geben derzeit einen Vorgeschmack auf den Herbst. Zum Leidwesen vieler besteht dieser nicht nur aus goldenem Licht und roten Blättern. Mit dem hartnäckigen Nebel und der früheren Dämmerung nimmt er öfters auch die Gestalt einer grauen Suppe vor dem Fenster an.

All jene, denen der Abschied von den hellen Sommerabenden und dem gleissenden Mittagslicht schwer fällt, finden vielleicht Trost in Ergebnissen von Studien, die sich mit dem Effekt von Licht auf die Persönlichkeit befassen. Denn: Im trüben Herbstlicht können wir eher unser kreatives Potenzial ausschöpfen.

Helligkeit fördert analytisches Denken

Wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtet, macht Dämmerlicht kreativ. Helles Licht hingegen fördert das planerische und analytische Herangehen an Aufgaben. Dies hat die Psychologin Lioba Werth von der Universität Hohenheim in Experimenten nachgewiesen. Im Dunkeln kämen von den Augen andere Informationen an als im Hellen, sagt Werth.

Bei guten Lichtverhältnissen sieht man alles scharf und deutlich: Dies erleichtert dem Gehirn das analytische Denken. Im Dämmerlicht hingegen ist die Sicht auf grosse Distanz schlechter, auch Naheliegendes wirkt weniger scharf. Das Gehirn scheine deshalb alles abstrakter zu interpretieren - und dies sei förderlich für die Kreativität.

Die Helligkeit der Umgebung beeinflusst aber nicht nur die Herangehensweise an eine Aufgabe, sondern hat auch einen grossen Einfluss auf die Persönlichkeit. Die Lichtintensität entscheidet auch mit darüber, wie Menschen denken und was sie sich zutrauen und bewältigen.

Bei starkem Licht tugendhaft

Ein Experiment der Wirtschaftswissenschaftlerin Francesca Gino von der Harvard-Universität zeigt diesen Effekt auf: Teilnehmende sollten sechs Dollar zwischen sich und einem Fremden aufteilen. Die Wissenschaftler änderten nichts an den Lichtverhältnissen, liessen aber einen Teil der Probanden eine Sonnenbrille tragen. Das Resultat: Diejenigen mit den dunklen Gläsern waren eigennütziger. Sie gaben ihrem Gegenüber weniger ab als die Kontrollgruppe. Weniger Licht im Auge förderte offenbar ein Gefühl der Anonymität und senkte die Hemmschwelle.

Bei hellem Licht hingegen überwiegt das Gefühl, besonders gut wahrgenommen zu werden: Entsprechend verhalten sich Menschen bei starker Lichtintensität eher tugendhaft.

Diese Resultate sind nicht zuletzt auch für die Medizin von Interesse: Werth und ihre Kollegen zeigten in einer Studie auf, dass Bulimiekranke in heller Umgebung weniger Fressattacken erleiden als in dunklen Räumen.

Für den Bürobereich liesse sich ebenfalls einiges optimieren: Im typischen (deutschen) Büro liege die Lichtstärke zwischen 500 und 700 Lux, sagte Werth gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Am analytischsten und damit am leistungsfähigsten sei man aber ab 750 Lux. Hingegen wäre eine Lichtstärke von nur 150 Lux besonders anregend für kreative Berufe.