Hatten wir das nicht schon? Kinder, denen keine Schranken gesetzt werden, die tun können, wozu sie gerade Lust haben? Und ist dieser Erziehungsansatz der Alt-68er nicht gescheitert?

André Stern wirbt in seinem neuen Buch dafür, die Kinder ungestört spielen zu lassen. Stern wuchs in Paris auf, ist nie zur Schule gegangen und hat darüber bereits 2013 ein Buch geschrieben («. . . und ich war nie in der Schule. Geschichte eines glücklichen Kindes»).

Sein neues Buch ist ein 136-seitiges Plädoyer, der natürlichen Wissbegierde der Kinder zu vertrauen und ihnen Zeit zu lassen, alles selber zu entdecken. Und so das Spielen nicht vom Lernen zu trennen.

Stern nimmt sich selbst und seinen Sohn als Beweis, dass das funktioniert und gut kommt. Die Vermarktung seiner eigenen Lebensgeschichte wirkt zuweilen missionarisch. Doch seine Argumente regen zum Nachdenken an in einer Zeit, in der viele Eltern befürchten, ihre Kinder könnten nicht genug fit werden für die heutige Wirtschaft.

Hauptsache motiviert

Bewiesen ist, dass wir uns etwas viel leichter merken können, wenn es uns berührt. Stern zitiert den deutschen Neurobiologen Gerald Hüter, der sagt: «Wir wissen, dass ein 85-jähriger Berliner in sechs Monaten Chinesisch lernen wird – vorausgesetzt, seine emotionalen Zentren sind aktiviert: Zum Beispiel, wenn er sich verliebt hat in eine junge 70-jährige Chinesin!»

Es ist also nie zu spät, etwas zu lernen, Hauptsache, der richtige Zeitpunkt und die Motivation dazu sind da. Es gilt also, den Taumel der Kinder von einer Begeisterung zur nächsten auf keinen Fall zu zerstören. Im Spiel ist die Begeisterung immer da und nicht nur das: Kinder sind im Spielen unglaublich ausdauernd und konzentriert. Sie legen ihre Ziele dabei selbst immer höher und bleiben hartnäckig dran.

Stern liess seinen Sohn Antonin ohne Anleitung Geige spielen lernen. Dieser hielt zuerst den Bogen falsch, doch der Vater korrigierte ihn nicht. Er wusste, dass Antonin den Geigenspielern lange zugeschaut hatte, und ist überzeugt, dass Kinder Erwachsene immer genau imitieren wollen. Denn sie wollen dazugehören. Knalliges, für Kinder «um-gestaltetes» Spielzeug findet Stern deshalb falsch. Er schildert, wie er als Bub enttäuscht war, wenn sich die Türen des Spielzeugautos nicht öffnen liessen oder die Sitze die falsche Farbe hatten. Mit Antonin –  der den Geigenbogen übrigens nach ein paar Tagen von allein korrekt hielt – baute er eine Saturn-V-Rakete mit einem Modellbausatz naturgetreu nach. Sein Sohn spielte alle Phasen des Starts unzählige Male durch, die Familie machte mit. Am Ende wussten sie alles über Apollo 13, Neil Armstrong und Triebwerke.

Andererseits kann ein Stück Holz im Spiel alles sein. Eine Kaffeetasse, ein Steuerrad oder Apollo 13. Vater und Sohn schauten auf Youtube unzählige Videos von startenden Raketen, bis der Sohn einen Film stoppte und den Start nachspielen ging. Mit Kugelschreibern, Flaschen, Legosteinen. Auch den Fall mit dem kaputten Rasenmäher hat Antonin am nächsten Tag mit seinem Spielzeug-Traktor nachgeahmt.

Attraktiv wie ein Computerspiel

Wenn der Kleine Fehler machte, sagte der Grosse also nichts. «Lassen wir Platz für das Vertrauen in den Prozess», schreibt Stern. «Er wird nachhaltiger sein und tiefer reichen als Fakten, die das Kind auswendig lernt und wiedergibt, ohne sie zu begreifen.»

Werde das Kind korrigiert, kriege es ausserdem vermittelt: «Du genügst noch nicht.» Es dürfe nicht zu viele Frustrationsmomente in einem Kinderleben geben, findet Stern. Das sei verheerend, denn es gelte, die Schulwelt und die Welt zu Hause attraktiv zu machen. So attraktiv, dass die virtuelle Computer-Game-Welt dem Kind nicht verlockender erscheine. Es müsse auch in der realen Welt ein Held sein können.

André Stern distanziert sich vom Laisser-faire der Alt-68er, das sei nicht sein Prinzip. Zwar lässt er seinen Sohn gewähren und korrigiert ihn nicht, doch er kümmert sich darum, was Antonin tut, er macht mit, regt an. Sterns neues Buch ist auch kein Pamphlet gegen die Schule. Es ermuntert einfach, mehr Vertrauen in die Kinder zu haben, damit sie das Vertrauen in sich selbst nicht verlieren.

André Stern «Spielen, um zu fühlen, zu lernen und zu leben», Elisabeth Sandmann Verlag, 2016, 136 S.