Zeitgeschehen

Ein Wendepunkt der Geschichte – vor 75 Jahren begann für die Menschheit das Atomzeitalter

Morgen vor 75 Jahren, am 16. Juli 1945, explodierte in den USA ein Plutonium-Sprengsatz. Mit «Trinity» trat die Menschheit ins Atomzeitalter ein.

Am 16. Juli 1945 frühmorgens begann das Atomzeitalter. Unangekündigt, dafür mit einem Knall. In einem Test­gelände in der Wüste von New Mexico bei der Stadt Alamogordo explodierte ein nuklearer Sprengsatz. Es war der erste Nukleartest der Geschichte mit dem Decknamen «Trinity» (Dreifaltigkeit) und erinnerte wohl nicht zufällig an TNT. Das ist Trinitrotoluol, ein herkömmlicher chemischer Sprengstoff, aber was da explodierte, übertraf alles, was man bisher an Zerstörungskraft gesehen hatte.

Der Zweite Weltkrieg in Europa war zu Ende. Hitlerdeutschland hatte am 8. Mai 1945 kapituliert. Japan im Pazifik kämpfte noch. Es eilte mit dem Test. Vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 wollten sich in Potsdam die «Grossen Drei», die Staatschefs der alliierten Siegermächte USA, Sowjetunion und Grossbritannien, über die Neuordnung Europas und der Welt unterhalten. Das Wissen um ein erfolgreiches Funktionieren der Atomwaffe würde die Verhandlungsposition der USA entscheidend verbessern. Dachte man.

Die Super-Waffe, die den Lauf der Welt ändert

Darum beginnt mit «Trinity» das Atomzeitalter. Über die theoretische Möglichkeit, aus der Spaltung von Urankernen Energie zu gewinnen, wussten die Physiker schon seit 1939 Bescheid. Man wusste auch, dass die Kettenreaktion nur mit U235, einem bestimmten Uran-Isotop, funktioniert. Weil dies aber in Natururan nur zu 0,7­ Prozent vorkommt und schwer abzutrennen ist, glaubte die grosse Mehrheit der Physiker nicht, dass es je gelingen würde, die Energie aus der Materie zu befreien.

Bis im März 1940 in Birmingham die Physiker Otto Frisch und Rudolf Peierls die Sache noch einmal durchrechneten. Auf drei Seiten fassten sie ihre Erkenntnisse zusammen: Doch, es ist möglich, die kritische Grösse entspricht etwa einem halben Kilogramm. Es braucht nicht Unmengen von Tonnen U235, sondern nur eine Menge von einer Grössenordnung, die produzierbar ist.

Frisch und Peierls waren vor den Nationalsozialisten geflohen und in England gelandet. Ihr Memorandum verfassten sie, weil sie sich Sorgen machten, dass Hitlerdeutschland die Super-Waffe bauen könnte. Als Ausländer wollten die Engländer sie zuerst nicht einmal bei der Kommission dabei haben, die sie sofort gegründet hatten.

In den ersten Kriegsjahren wurde das Bombenprojekt vorerst nur in England konkret verfolgt. Ab 1942 übernahmen die USA die Führung. Denn es war längst keine Laborangelegenheit mehr, sondern eine industrielle Grossveranstaltung, welche die Kapazität der Engländer – und wie man sehen sollte, auch die anderer Länder – weit überstieg. Und jetzt – nach knapp drei Jahren  – war das Manhattan Projekt ans Ziel gelangt.

Und das Ziel konnte nur ein Knall sein. Denn neben dem industriell sehr anspruchsvollen U235-Weg hatte sich noch eine andere Möglichkeit eröffnet. «Verbrannte» man Uran langsam in einem ­Reaktor, entstand ein neues Element Plutonium (Pu94). Und das war auch spaltbar. Und viel leichter herstellbar als das spaltbare Uran. Allerdings gab es hier technische Schwierigkeiten. Das Material war so brisant, dass man es sehr schnell zu einer kritischen Masse zusammen­fügen musste, damit die Kettenreaktion in Gang kam. Bei U235 genügte es, unterkritische Massen aufeinander zu schiessen (Gun-Prinzip), bei Pu94 funktionierte das nicht. Die unterkritischen Teile mussten durch eine Implosion in ein Zentrum komprimiert werden. Das erreichte man, indem man konventionelle Sprengladungen um den Kern herum anordnete wie die Teile eines Fussballs und dann synchron zündete. Mathematisch und technisch sehr anspruchsvoll.

Der Welt wollte man die Wirkungen der Bombe zeigen

Und diese Methode musste man testen. Die U235-Bombe («Little Boy») würde funktionieren, aber beim Pu94-Modell («Fat Man») war man nicht sicher. Nach «Trinity» war klar, dass die internationale Lage sich völlig verändert hatte. Das Manhattan-Projekt stand unter dem Zeichen «Keine Atomwaffe für Hitler». Aber es war nun abzusehen, dass die Bombe auch noch gegen die Japaner eingesetzt werden würde. Die Welt (oder die Sowjetunion) sollte sehen, nicht nur davon lesen. US-Präsident Harry Truman, der Nachfolger des im April 1945 verstorbenen Präsidenten Franklin D. Roosevelt, konnte am 24. Juli 1945 Stalin in Potsdam vorerst unter der Hand mitteilen, sie hätten da eine neue sehr wirkungsvolle Waffe. Die Szene muss bizarr gewesen sein. Denn Stalin antwortete beiläufig: Wunderbar, hoffentlich macht ihr guten Gebrauch davon gegen die Japaner.

Über das Manhattan Projekt hatte man den Verbündeten gegen Nazi-­Deutschland noch im Dunkeln gelassen. Aber Stalin wusste trotzdem Bescheid. Truman hatte man nach der Vereidigung über die Bombe noch ins Bild setzen müssen. Stalin wusste es vor ihm. Sein Geheimdienst hatte die wichtigsten Informationen bereits beschafft.

Und hier kommt Klaus Fuchs ins Spiel. Eine der rätselhaftesten Gestalten des Kalten Kriegs. Fuchs, geboren 1911, hatte als Student und kommunistischer Agitator vor den Nazis fliehen müssen und fand in England Unterschlupf. Als brillanter Mathematiker und Physiker wurde er 1941 von Peierls angestellt, um ihm «bei besonderen Aufgaben» zu helfen. Er bot den Russen an, sie über die neue Waffe zu informieren. Je länger er über die Bombe und ihre politischen Implikationen nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass es nicht sein konnte, dass nur eine Macht die Kontrolle über diese Waffe haben würde. Er verriet den Russen alles, was er wusste. Und das war viel. «Zwei, drei Jahre» hätte er den Sowjets erspart, vermutet man. Die USA versuchten, das Atomgeheimnis zu monopolisieren. Fuchs verhinderte das und arbeitete so ab 1947 auch für England.

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