Ich konnte meinen Augen nicht trauen – wer das sagt, traut dann allerdings doch. Am Schluss ist immer klar: Ich habe gesehen, was ich gesehen habe. Natürlich wissen wir, dass es jede Menge Sinnestäuschungen gibt, welche vor allem der Gesichtssinn liefert.

Besonders beim räumlichen Sehen (welcher Strich ist länger? – dabei sind immer beide gleich lang, auch wenn es überhaupt nicht so aussieht) spielen uns die Augen, aber vor allem die Verarbeitung der Sehimpulse im Gehirn jede Menge Streiche. Trotzdem bleibt: Ich habs doch gesehen – mit meinen eigenen Augen.

Lassen wir die Sinnestäuschungen mal beiseite. Es wird noch komplizierter. Das Auge «sieht» nämlich nicht einfach, was es sieht. Die visuelle Wahrnehmung, also das, was man meint gesehen zu haben, hängt auch davon ab, was ich tue oder wie sich das verhält, was ich sehe.

Ein berühmtes Beispiel sind die Baseball-Hitter. Das sind die Männer mit dem Schlagholz. Hitter, die gut schlagen, meinen einen grösseren Ball zu sehen, der auf sie zufliegt, als solche, die öfter danebenhauen. Oder das Experiment mit dem Rucksack: Je schwerer beladen man einen Berg hinaufläuft, desto steiler kommt er einem vor. (Das Experiment funktioniert auch, wenn man Leute mit schlechter Fitness den Berg hinaufjagt, aber moralisch sind solche Experimente höchst fragwürdig.)

Jessica Witt, Psychologie-Professorin an der Colorado State University, hat mit ihren Forschungsergebnissen viel Lob eingeheimst und mehrere Preise gewonnen. «Vision is action-specific» – Die visuelle Wahrnehmung hängt davon ab, was um sie herum so läuft, ist eine steile These und widerspricht der Alltagserfahrung.

Gibt es den Effekt wirklich?

Neben dem Applaus gab es auch Kritik. Frau Professor Witt sei einem psychologischen Phänomen aufgesessen: der sogenannten «Erwartete-Antwort-Verzerrung» (response bias). Oder etwas konkreter: Ein einigermassen wacher Mensch merkt, dass man in einer bestimmten Situation eine bestimmte Antwort von ihm erwartet.

Schickt man einen Psychologie-Studenten (und die sind nicht abgeneigt, an solchen Experimenten teilzunehmen, weil es dafür leicht verdientes Geld gibt) einen Hügel hinauf und lädt ihm zuvor einen schweren Rucksack auf, dann wird er sofort draufkommen, worum es in diesem Experiment geht. Und er wird brav bestätigen, dass sich der Berg um vieles steiler anfühle, je schwerer der Rucksack ist.

Der Minarett-Fail

Dem gleichen Phänomen fallen oft auch unsere Umfrageinstitute zum Opfer, wenn sie vor Abstimmungen die Leute befragen. Claude Longchamp, der die gfs-Umfragen durchführte, kriegte ordentlich Haue, als er im Herbst 2009 erklärte, für die sogenannte Minarett-Initiative würden nur 37 Prozent der Wähler stimmen. Schliesslich wurde die Minarett-Initiative mit 57,5 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Longchamp war vorsichtig. Er sagte bei seiner Prognose, dass er einen Trend sehe, dass die Befürworter zulegten. Aber die Häme war ihm trotzdem sicher.

Dabei ist es fast unmöglich, dass eine auch nur einigermassen seriös durchgeführte Befragung derart danebenliegt. Es kann Fehler geben bei der Stichprobe. Sie kann zu klein sein oder die Auswahl der Leute war nicht repräsentativ. Oder neue Argumente können einen Umschwung auslösen in der öffentlichen Meinung. Das ist selten, hat es aber auch schon gegeben. Aber hier lag eindeutig ein «response bias» vor. Offenbar fanden es ein paar Befragte doch nicht so opportun, Überfremdungsängste via eine Bauvorschrift auszudrücken. Sie sagten «Nein» und stimmten dann doch Ja.

Schwarz-weiss flimmert besser

«Response bias» kommen nicht nur bei verbalen Antworten auf bestimmte Fragen vor, sondern können auch das Verhalten von Probanden bei Experimenten beeinflussen. Das kann unbewusst passieren, aber auch mindestens halbgewollt. Professor Witt musste die Kritik also ernst nehmen. Das Phänomen existiert und lässt sich nicht wegerklären. Was tun? Wie kann man ein Experiment designen, das nicht in die «Response-Bias-Falle» tappt?

Wie immer, wenn guter Rat teuer ist, greift man ganz tief in die Mottenkiste. In den Urzeiten der Computerspiele gab es eine primitive Version eines Tennis-Games. Es galt, einen Ball auf dem Bildschirm hin- und herzuspielen. Der Schläger wurde als Balken dargestellt, der mittels eines Drehknopfs auf und ab bewegt werden konnte. Besonders geschickte Spieler schafften es, dem Ball einen Twist mitzugeben, sodass er an die Bande prallte und so schwerer zu nehmen war, als wenn er einfach zurückgeblockt wurde. Der Sound war geisttötend, das Spiel aber trotz seines flimmernden Grusel- Designs eigentlich perfekt.

Jessica Witt liess nun spielen. Sie veränderte die Grösse des Balken-Schlägers und machte so die Aufgabe schwieriger oder leichter. Nach dem Spiel befragte sie die Probanden, wie schnell der Ball «geflogen» sei. Die Probanden hatten den Eindruck, dass der Ball schneller gekommen sei, je kleiner der Balken war, mit dem er getroffen werden musste. In Tat und Wahrheit war der Ball immer gleich schnell.

Professor Witt und ihr Team nannten das den «Pong-Effekt». Er bestätigte die These, dass die Wahrnehmung handlungsabhängig ist. Je schneller am Knopf gedreht werden musste, desto höher wurde die Geschwindigkeit des Balles geschätzt.

Jetzt musste Witt den «response bias» ausschalten. Sie befragte die Probanden, ob ihnen klar gewesen sei, worum es im Experiment gegangen sei. Und vor allem, ob das ihre Wahrnehmung der Geschwindigkeit des Balls beeinflusst habe. Nur wenige hatten das Experiment (grösserer Balken – Ball scheint langsamer zu kommen) durchschaut. Der «Pong-Effekt» stellte sich aber gleichermassen ein, ob die Probanden das Experiment durchschaut hatten oder nicht.

«Der ‹Pong-Effekt› stellte sich ein», kommentierte Witt «und zwar genau so, wie es frühere Experi- mente vorausgesagt hatten.» Im Klar- text: Auch wenn man weiss, dass der Rucksack die Wahrnehmung der Steil- heit des Hügels beeinflusst, stellt sich der Effekt ein, dass man ihn steiler einschätzt.

Die Angst des 11-Meter-Schützen

Jeder Amateur-Fussballer weiss, wie gross das Fussballtor ist. Auch die Grösse des Torhüters kann er zuverlässig einschätzen. Sie variiert zwar um 20 bis 30 Zentimeter, aber das ist vernachlässigbar. Warum kommt es, dass beim Anlauf zum entscheidenden Elfmeter das Tor so klein und der Torhüter drin so gross erscheint? Ein klassischer «Pong-Effekt».

Man mag das alles für ein belangloses Psychologen-Spielchen halten. Aber das Experiment zeigt, wie unser Geist funktioniert. Wahrnehmung hängt von Action ab. Das erinnert an eine These, wie Soziologen die 1968er-Ereignisse erklärten. Wie kam es, dass sich auf einmal die Jugend in grosser Anzahl auf die Strasse locken liess? Die Erklärung stützt sich in einem gewissen Ausmass auf den «Pong-Effekt».

«Aufklärung durch Action» – so lautete die Strategie der «Neuen Linken» damals. Die Einsicht, dass der Vietnam-Krieg nicht primär eine Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Kommunismus sei, sondern ein antikolonialistischer Befreiungskampf, also ein Unrecht; wurde gestützt durch die Wahrnehmung der Gewalt, die sich einstellte, wenn man demonstrierte und protestierte. Theoretische Einsicht durch Lektüre und Vorträge bleibt oberflächlich, Betroffenheit und Identifikation stellen sich erst ein, wenn man die «Aufklärung» auf der Strasse gewissermassen «Realität» werden lässt. Action schafft Identifikation: mit der Bewegung und mit ihren Inhalten.

Das Phänomen wird noch greifbarer, wenn man sich an die «antiautoritären» Provokationen erinnert. Sit-ins waren eigentlich gewaltfrei. Dass der Protest gegen ein autoritäres System gerechtfer- tigt ist, sahen die Protestierer gerade darin, wie massiv das System in der Regel darauf reagierte.