Der Abgang muss nicht gleich so radikal sein wie derjenige des Mannes aus dem Werbespot eines Outdoor-Bekleiders. Er verabschiedet sich mit einem «ich bin raus» von all den Facebook-Farmern und Urbangardenern, den Opinionleadern und Meilenmillionären – und marschiert in die Wildnis. Angesichts der unsicheren Weltlage ist das gar nicht so unverständlich.

Fundiertes Wissen, wie man in der Wildnis überlebt, kann da von grossem Nutzen sein. Dieses vermittelt zum Beispiel Gion De Salugo in seinen Survival-Trainings – allerdings nicht etwa als mussevolle Freizeitbeschäftigung, sondern als Überlebenscamp. «Survival ist Alltag», sagt der durchtrainierte Mittdreissiger mit Rossschwanz, Tattoo und Hüfttasche mit ernster Miene. Für ihn auf jeden Fall.

Doch wie ein Weltuntergangstyp sieht er nicht aus, auch wenn er ganz in Schwarz gekleidet ist. Auf Panikmache verzichtet er ebenso, obwohl man im Gespräch schnell erkennt, dass seine Ansichten sehr wohl Hand und Fuss haben. «Viele Menschen haben es verlernt, mit und aus der Natur zu leben. Diese Kunst möchte ich den Leuten wieder näherbringen.»

Abhängigkeit von der Zivilisation

Seit drei Jahren zieht der ehemalige Servicefachangestellte und Handwerker als Survival-Trainer mit Managern, Hausfrauen und Studenten durch den Wald und zeigt ihnen, wie man mit dem Vorrat aus dem Fluchtrucksack überlebt. Die Szenarien, auf die er seine Kunden vorbereitet, seien absolut realistisch. Zum Beispiel ein längerer Stromausfall oder ein heftiges Gewitter. «Spätestens dann realisieren viele, wie abhängig sie von der Zivilisation sind. Heute fehlt den meisten das Know-how, wie man eine solche Situation meistert.»

De Salugos Kurse passen in eine Zeit, in der es vielen nicht mehr reicht, die grosse Sehnsucht nach der Natur als kontemplativen Akt zu geniessen. Sie muss erlebt werden – mit allen Sinnen, mit jeder Pore. Es wird geangelt und gejagt und immer öfter auch das Überleben in der Wildnis trainiert. Um diese neuentdeckte Naturverbundenheit hat sich mittlerweile eine ganze Industrie entwickelt, die uns mit passenden Produkten beliefert. Outdoor-Läden boomen an jeder Ecke. Als «Kuriositätenkabinette der Jetztzeit» werden sie im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» bezeichnet. Schliesslich findet man dort nicht nur Allwetterjacken, Rucksäcke und Wanderschuhe, sondern für jede Eventualität das Notwendige: vom Trinkschlauch über die Solardusche bis zum Feuerstein.

Die Freizeitabenteurer, die dorthin strömen, huldigen Aussteigern wie Christopher McCandless oder David Thoreau. McCandless’ Abenteuer, die im Film «Into the Wild» verewigt wurden, sind Kult. Thoreau klinkte sich für zwei Jahre aus der Zivilisation aus und schrieb danach das Buch «Walden». So lautet auch der Name einer Neulancierung, die seit diesem Jahr neben «Free Mans World» oder «Outdoor» um Leser buhlt. «Walden» zeigt Männern, wie sie zu richtigen Kerlen werden. Zum Beispiel indem sie lernen, wie man mit der Axt umgeht und richtig Holz fällt. Oder wie man die Original-Walden-Hütte zimmert, in der einst Thoreau als Einsiedler hauste. Oder wie man im Winter draussen übernachtet.

Wir lassen uns lieber persönlich vom Survival-Trainer in die Grundlagen des Überlebens einführen. Wir stehen im Camp 2 hoch über dem Zürichsee. Es ist so gut versteckt, dass dort niemand hinkommt – ausser Gion De Salugo in seinem Allrad Nissan Pathfinder. Über einen holprigen Waldweg, dann einige Meter zu Fuss und schon stehen wir mitten in seinem Reich mit einer Feuerstelle und Notunterkünften. Erst auf den zweiten entdeckt man Stühle, Tische, Kleiderbügel, Bratwerkzeuge – alles aus Holz hergestellt. «Auch in der Not will es der Mensch möglichst bequem haben.»

Dschungel-Erfahrung

Der Zürcher weiss, wovon er spricht. Erfahrung bringt er mit aus mehrmonatigen Expeditionen in der Wildnis Mittelamerikas und Thailands, wo er teilweise wochenlang ohne jegliche Hilfsmittel unterwegs war. Das haben wir nicht vor. Aber wer weiss, vielleicht werden uns seine Tipps auch hier einmal nützlich sein. Etwa, dass es die überlebenswichtigste Priorität ist, zuerst eine Notunterkunft zu bauen – «damit wir ein Dach über dem Kopf haben und uns wärmen können». Oder wie man nach Wasser sucht. Nicht etwa oben am Berg, lehrt uns der Trainer. «Orientiert euch an den Feuchtpflanzen, denn dort hat es auch Wasser!» Und schon entdeckt er Binsenpflanzen. Erst an dritter Stelle folgt die Nahrungssuche. Nur ein paar Meter vom Camp entfernt stösst er auf Vogelmieren. «Mmh, die schmecken wunderbar und sind einiges gesünder als Salat», erklärt er. Einiges besser jedenfalls als Regenwürmer oder sonstige gruselige Tiere. Es gibt schliesslich über tausend essbare Wildpflanzen in unseren Wäldern.

In seinen Workshops, die man ab 290 Franken buchen kann, führt er auch in die Survival-Psychologie, Trinkwassergewinnung, Messerkunde, natürliche Orientierung oder das Feuermachen ein. Dies steht als Nächstes auf dem Programm. Zurück an der Feuerstelle packt De Salugo zu unserer Überraschung einen Tampon aus seinem Bauchbeutel. Davon hat er auch als Mann möglichst immer ein Stück dabei. «Das ist perfektes Zunder-Material, als natürliche Alternative sind Birkenrinde und Flusen von Disteln sehr geeignet», sagt er, beginnt den Tampon auseinanderzuzupfen und darüber feine Ästchen aufzutürmen. Nun zückt er den Feuerstahl hervor und entfacht ein kleines Feuer.

Sieht alles ein bisschen nach Bear Grylls aus, dem Star in Sachen Überlebenskunst. Auch wenn er gern als «Bear Grylls der Schweiz» betitelt wird, distanziert er sich klar vom britischen Ex-Soldaten, der medial inszeniert in Mäuse beisst oder durch Schlamm watet. «Grylls ist ein Entertainer und Showman.» Vieles in seinen Shows sei unrealistisch und manches gar fahrlässig. «Er ist immer am Rennen, das ist in einer Notsituation nicht angebracht, weil das zu viel Energie verbraucht», erklärt der Zürcher.

Dass mittlerweile auch Prominente wie Jake Gyllenhaal, Ben Stiller oder sogar Barack Obama bei Grylls Überlebens-Trainings absolvieren, entlockt De Salugo nur ein müdes Lächeln. Prominente lassen sich auch von ihm unterrichten, allerdings wollen diese strikt anonym bleiben. Nur so viel lässt er sich entlocken, dass es sich um international tätige Wirtschaftsleute und Spitzenpolitiker handle. «Leute eben, die wissen, wie es um die Lage der Nation steht.»

Das wiederum klingt nicht gerade beruhigend. «Unsere Welt ist fragil. Es braucht wenig und wir werden unsere Komfortzone verlassen müssen», meint er nachdenklich. Ein längerer Stromausfall, Cyber-Attacken oder Finanzkrisen reichten schon aus, um das Gleichgewicht zum Wanken zu bringen. Das habe nun nichts mit Schwarzmalerei zu tun. Doch Notvorrat anzulegen, ist für ihn so natürlich wie der Umgang mit der Waffe. Gion De Salugo ist überzeugt: «Wenn man weiss, dass man besser vorbereitet ist als der Grossteil der Bevölkerung, dann gibt dieser Vorsprung ein gutes Gefühl von Sicherheit.»