Robotik

Ein Roboter für einsame Stunden: Jeder Dritte kann sich Beziehung vorstellen

Noch sind sie wichtige Werkzeuge in der Industrie oder erleichtern uns den Alltag. Doch Roboter werden echten Menschen immer ähnlicher und könnten bald zu unseren emotionalen Partnern werden. Viele wären einer solche Beziehung nicht abgeneigt.

Sie bauen Autos zusammen, verpacken Lebensmittel oder transportieren Paletten von A nach B: In der Industrie sind Roboter längst zu unverzichtbaren Hilfsmitteln geworden. Auch im Privatbereich hält die künstliche Intelligenz je länger, je mehr Einzug, mäht unsere Rasen, saugt Staub im Wohnzimmer oder putzt unsere Fenster. Selbst elektronische Haustiere gibt es, die echten Lebewesen immer ähnlicher werden und zu denen Menschen nicht selten eine tiefe emotionale Bindung aufbauen.

Innige Beziehung zum Smartphone 

Auch wenn wir Roboter heute vor allem als entlastende Werkzeuge schätzen, könnten sie in einiger Zukunft unsere emotionalen Partner sein. Dass dieser Gedanke keineswegs abwegig ist, zeigen die Zahlen einer repräsentativen Umfrage, die im Auftrag der Online-Partneragentur parship.ch durchgeführt wurde. 1000 Personen in der deutschen und französischen Schweiz zwischen 18 und 69 Jahren haben an der Meinungsumfrage teilgenommen  – mit erstaunlichem Ergebnis.

So kann sich mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten eine emotionale Beziehung zwischen Mensch und Maschine vorstellen. Bei den Teilnehmern unter 30 Jahren hält sogar fast jeder Zweite (47 Prozent) die Liebe zu einem emotional intelligenten Roboter im Falle von Einsamkeit für eine mögliche Alternative zu einer menschlichen Beziehung. Als Grund dafür geben sie an, ja bereits heute eine innige Beziehung zu ihrem Smartphone oder ihrem Tablet-PC zu haben.

Bei der neuen Studie mitgearbeitet hat auch der Schweizer Zukunftsforscher Georges T. Roos. Er ist sich sicher, dass uns emotional-intelligente Maschinen schon in wenigen Jahrzehnten als virtuelle Partner durch den Alltag begleiten werden: «Sie werden unsere ständigen Gesprächspartner sein, unsere Vorlieben kennen und sogar an unseren Stimmen hören, wie es uns geht und entsprechend darauf reagieren.»

Zwar sind aktuelle Geräte heute noch weit davon entfernt, Gefühle lebensecht zu simulieren. Dennoch können sie schon heute bei den Nutzern eine tiefe emotionale Bindung hervorrufen. «Es gelingt dem Menschen leicht, sich auf eine gute Simulation einzulassen», erklärt Roos und fügt an: «So können wir beispielsweise auch beim Flirten im Online-Chat Gefühle entwickeln, obwohl vom Gegenüber lediglich einige Zeichen zurückgesendet werden.»

Menschliche Gefühle simulieren

Die Technik, an deren Entwicklung derzeit intensiv geforscht wird und einst die menschliche Interaktion mit einer Maschine äusserst echt gestalten könnte, heisst «cognitive computing». Also selbstlernende und selbsthandelnde Roboter, die dem menschlichen Vorbild sehr nahe kommen. Diese Computersysteme basieren nicht mehr auf Programmen, sondern trainieren über künstliche Intelligenz und Lernalgorithmen ihre Wahrnehmung, Kognition und Reaktion. «Durch Spracherkennung und selbstständiges Suchen nach Antworten lernen solche Maschinen auch über unsere menschlichen Gefühle dazu und können so simulieren, was in einer Beziehung für uns wichtig ist», sagt der Zukunftsforscher.

Für ein Zusammenleben von Mensch und Maschine erkennt Roos sowohl positive als auch negative Aspekte: «Intelligente emotionale Roboter sind sicher kein Ersatz für eine menschliche Beziehung. Für Personen, die unfreiwillig – beispielsweise wegen einer Krankheit – alleine sind, könnte diese Technologie aber viel für deren Wohlbefinden tun.»

Liebes-Trainer der Zukunft

Skeptisch gegenüber der Studie ist Emanuele Arielli, Psychologieprofessor an der Universität Venedig. Für ihn ist die Forschungsfrage der Parship-Studie zu allgemein formuliert. «Eine emotionale Bindung kann leblose Gegenstände einschliessen – schliesslich haben wir manchmal auch Hassgefühle gegen ein Objekt», so Arielli. «Jedoch begehren wir einen künstlichen Gegenstand nicht so, wie wir einen Menschen begehren.» Der Psychologe ist sicher, dass das Ergebnis anders ausgefallen wäre, hätte man die Frage im Sinne von «sich verlieben» oder «ein Paar sein» gestellt.

Auch er kann sich vorstellen, dass Roboter in Zukunft unter uns leben. Dass sie uns die Fähigkeit rauben, eine Beziehung zu einem Menschen zu führen, glaubt Arielli jedoch nicht. Hingegen könnten sie uns als Trainingswerkzeug dienen, um unsere Fähigkeiten zu verbessern – auch als Beziehungspartner. «Bereits heute spielen Computer wesentlich besser Schach als Menschen. Dennoch verzichten Spieler nicht darauf, gegen Menschen zu spielen», erklärt der Psychologe. «Viel mehr benutzen sie die Programme, um sich bessere Spielzüge gegen menschliche Mitspieler anzueignen. So wird es vielleicht einst Trainingssimulationen geben, welche die oft jämmerliche Beziehungsfähigkeit des modernen Menschen verbessert.»

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