Familienplanung

Ein männliches Tabu: So fühlt sich eine Sterilisation an

Nils Pickert: «Ich mache mir nur über die Schmerzen Gedanken und nicht darüber, was der Eingriff wohl bedeutet.

Nils Pickert: «Ich mache mir nur über die Schmerzen Gedanken und nicht darüber, was der Eingriff wohl bedeutet.

Die Sterilisation ist eine sichere Verhütungsmethode. Doch nur wenige Männer wagen den Eingriff. «Warum eigentlich?», fragt sich unser Autor, noch während er unter dem Messer liegt.

Die Frau lächelt mich an, während ihre Finger über meine Hoden gleiten. Was klingt wie der Auftakt zu einer sexuellen Erkundungstour meiner Midlife Crisis ausserhalb der gewohnten Beziehungsmuster, hat tatsächlich etwas mit Familienplanung zu tun. Mit meiner Familienplanung als Mann. Ich bin 36 Jahre alt und habe mit meiner Langzeitlebensgefährtin vier Kinder. Das jüngste davon ist keine zwei Monate alt.

Die freundliche Urologin, die nun vorsichtig meine Samenleiter ertastet und anschliessend einen Ultraschall vornimmt, hat mit mir ausführlich über meinen Schritt gesprochen und mich über die Risiken aufgeklärt. Ich mache mir also keine grösseren Sorgen. Stattdessen höre ich interessiert zu, wie mir die Urologin erklärt, dass manche Männer nur einen Samenleiter haben, oder beide auf der gleichen Seite verlaufen. «Wir bestimmen zunächst die Position, dann erleben wir später keine Überraschungen.»

Ich nicke liegend. «Haben Sie noch Fragen?», erkundigt sie sich, nachdem ich mir die Hose wieder angezogen habe. «Nur eine», entgegne ich. «Können Sie mir ungefähr sagen, wie intensiv die Schmerzen werden?» «Nein», sagt sie und grinst. «Ich persönlich habe mich noch nie an den Hoden operieren lassen. Aber Sie schaffen das sicher.»

Ich will keine Kinder mehr

Davon gehe ich auch aus. Tatsächlich mache ich mir nur über die Schmerzen Gedanken und nicht darüber, was der Eingriff wohl bedeutet. Zuvor aber habe ich mich sehr lange mit den Folgen einer Vasektomie beschäftigt. Meine Partnerin und ich wollten immer Kinder, aber nie mehr als vier. Sie wollte mit 35, ich mit spätestens 40 Jahren fertig mit Kinderkriegen sein. Ein Eingriff zur Sterilisation bei Frauen ist ungleich invasiver und mit mehr Risiken behaftet als eine Vasektomie. Das geht schon bei der Narkose los.

Für eine Vasektomie genügt eine örtliche Betäubung und Mann kann danach gleich nach Hause gehen. Ganz recht: Gehen! Ausserdem wollte ich für meine eigene Familienplanung Verantwortung übernehmen. Ich will keine Kinder mehr. Ich will diesen Eingriff. Allerdings finde ich die Zweifel der anderen an meiner Entscheidung nachvollziehbar.

«Obwohl die Sterilisation des Mannes eine der sichersten Methoden zur Verhinderung einer ungewollten Schwangerschaft ist, entschliessen sich nach wie vor nur relativ wenige Männer zu diesem Eingriff», steht auf der Website meiner Urologiepraxis. Ein wunder Punkt. Sich als Mann über Familienplanung Gedanken zu machen, bedeutet immer auch, Mannsein neu auf den Prüfstand zu stellen und zu verhandeln. Mit Platzpatronen schiessen, nur noch Luft im Sack haben – Männer haben diverse Formulierungen für die angstbesetzte Vorstellung, ihre Zeugungskraft einzubüssen.

«Ich werde sterben»

Das Gegenteil von Kraft ist Schwäche. Und Schwäche dürfen sich Männer nicht erlauben. Deshalb finden sich in der Presse zwar kaum Artikel darüber, dass und warum Männer Vasektomien vornehmen lassen, dafür aber zahlreiche Beispiele von später Vaterschaft jenseits der fünfzig. Diese oszilliert zwischen einem Luxusphänomen alter Männer, die ihre unverwüstliche Virilität vermittelte einer sehr viel jüngeren Frau und ihrer Zeugungskraft zur Schau stellen, und der erstmalig empfundenen Möglichkeit, Kindererziehung in einer stabilen Lebenssituation mit Gelassenheit und Interesse zu begegnen.

Zwischen Prominenten wie Pablo Picasso (mit 68), Anthony Quinn (mit 81) und Luis Trenker (mit 96), die in beeindruckend hohem Alter noch einmal Vater geworden sind, und Durchschnittsmännern, die ein paar Jährchen älter sind als ihre neue Lebensgefährtin und sich auf dieses Abenteuer neu oder erstmalig einlassen.

Mit über fünfzig Jahren Vater zu werden bedeutet auch, dass Mann die Möglichkeit des Erstarrens von überschaubarer Ordnung zu Stillstand gegen lebendiges Chaos eintauscht. Eine Vasektomie ist in diesem Zusammenhang auch ein Bekenntnis. Ein Eingeständnis, das gerade für traditionell sozialisierte Männlichkeit schwer auszuhalten ist: Ich verabschiede mich von meinen Heldenfantasien. Ich bin nicht unverwundbar. Ich bin nicht zeit- und alterslos. Und ja: Ich werde sterben.

Sacktrommeln im OP

Das denke ich allerdings nicht, als ich mich in der Klinik umziehe. Vielmehr verzweifle ich an dem verdammten Kittel. Wie soll ich den bloss hinter meinem Rücken auf Nackenhöhe zuknöpfen? Irgendwann klappt es doch. Ich liege noch ein bisschen auf dem Stationsbett, dann werde ich zum OP gefahren und steige auf die Operationsliege um. Ich werde grossflächig desinfiziert, was sich zuerst sehr kalt und dann erstaunlich warm anfühlt.

Der Arzt beginnt mit dem rechten Samenleiter. Der Narkose-Piks ist aushaltbar, zieht aber unangenehm in die Leiste. Anschliessend macht der Chirurg sich an die Arbeit. Ab und an durchzuckt mich ein befremdlicher Schmerz, aber er ist nie intensiv. Meist fühlt es sich so an, als würde jemand mit seinen Fingern schnell auf meinem Sack herumtrommeln.

«Was machen Sie beruflich?», erkundigt sich der Arzt.

«Ich bin Journalist. Und was machen Sie so?»

Er lacht. «Worüber schreiben Sie denn?

«Feminismus und Familie.»

«Oha! Etwa freiwillig?!»

«Na klar.»

«Wie viele Töchter haben Sie denn?»

«Zwei. Und zwei Söhne.»

«Verstehe.»

«Der Linke ist für die meisten ein bisschen schlimmer», sagt er ein paar Minuten später und hat recht damit. Der Piks ist heftiger und zieht richtig fies in die Leiste. Aber nur kurz. Dann wieder Sacktrommeln.

«Sie machen das grossartig», lässt er mich wissen.

«Ach, ich häng hier doch bloss rum.»

«Aber Sie stören uns nicht. Da gibt es ganz andere Kandidaten.»

Nach einer halben Stunde ist alles vorbei. Ich werde aus dem OP gefahren und kann alleine auf das Stationsbett umsteigen. Das sagt praktisch alles darüber, wie schlimm eine Vasektomie ist. Eine weitere Stunde später sitze ich mit einem Eisbeutel auf dem Sofa und kühle wie verlangt die Narben. Die Narkose klingt ab.

Der Schmerz fühlt sich dumpf an, nie scharf. So als hätte man mir vor einer Weile in die Eier getreten. Die Frage, ob ich noch erektionsfähig bin, erübrigt sich von selbst, als mir meine schöne Frau in einem roten Kleid mühelos die Kinder vom Leib hält und mich dabei anstrahlt.

Es geht doch auch kabellos

Am nächste Tag gehe ich zur Wundkontrolle und trage wie empfohlen sehr enge Unterhosen, damit nichts schaukelt. Alles sieht gut aus. «Die Rechnung bekommen Sie dann die Tage», lässt die Arzthelferin mich wissen. Anschliessend legen wir die Termine für die zwei anstehenden Spermiogramme in drei Monaten fest und die Praxisassistentin beschriftet die Becher.

«Sie können das entspannt zu Hause machen und innerhalb einer Stunde vorbeibringen.» Die Zeit kann ich mir lassen, weil es unerheblich ist, ob meine Spermien sich noch bewegen. Es dürfen einfach keine mehr vorhanden sein.

«Betätigen Sie sich schön, damit das ordentlich durchgespült wird», gibt sie mir noch mit. «Je mehr, desto besser.»

Damit kann ich leben, denke ich. Genau wie mit meiner Vasektomie. Dieser seltsam tabuisierten, eigentlich aber gar nicht so grossen Sache. Aushaltbare OP-Schmerzen. Ein paar Tage langsam gehen, kein Sport, kein Bad. Das wars.

Im Prinzip habe ich nur ein gewünschtes Update für eine neue Lebensphase bekommen – ich funktioniere jetzt kabellos.

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