Nachrichtenlose Vermögen

Ein Fall bereitet Kopfzerbrechen: Was passiert mit dem vergessenen Erbe des jüdischen Ehepaars Kamber?

© Christian Mensch

Die nachrichtenlosen Vermögen bewegten vor zwanzig Jahren die Schweiz. Doch das Kapitel ist nicht abgeschlossen, wie ein Fall aus Basel zeigt.

Wer etwas über den Verbleib von Shimon und Lea Kamber sagen kann, der soll sich bis Ende Monat beim Amt für Beistandschaften und Erwachsenenschutz des Kantons Basel-Stadt melden. Vor Jahresfrist erfolgte der erste Aufruf, ohne Rückmeldung. Wenn sich auch beim neuen niemand meldet, wird das Paar für verschollen erklärt.

Die Meldung im Basler Kantonsblatt ist Ausgangspunkt für eine Zeitreise. Sie führt nach Litauen, in die Zeit des Nationalsozialismus und der Judenverfolgung. Sie macht Halt in der Schweiz um die Jahrtausendwende, als die Affäre um die nachrichtenlosen Vermögen das Land erschütterte. Und sie endet in der Gegenwart, in der die Basler Verwaltung auf ein Stück Geschichte stösst und ihr nur mit Mühe gerecht werden kann.

Shimon und Lea Kamber sind längst tot. In den 1870er-Jahren geboren, lebte das Paar in Kaunas, der zweitgrössten Stadt Litauens, eine Postadresse hatten sie in Wilkowischki. Er betrieb wohl eine Schiffswerft auf der Memel, dem Fluss, der Kaunas durchzieht.

© United States Holocaust Memorial Museum / Leicia Black

Wenig ist vom Ehepaar bekannt. Etwa, dass es an der grossen Freiheitsallee gegenüber dem Rathaus wohnte oder ihre einzige Tochter Miriam hiess und Kinderärztin wurde. Und bekannt ist, dass die litauische Gestapo Shimon und Lea Kamber 1941 erschoss.

Das Baltikum war in der Zeit ein Schlachtfeld. Zunächst überzog die Rote Armee das Land mit Mord und Deportation. 1941 marschierten die Deutschen ein. Über 200 000 jüdische Einwohner wurden in Litauen ermordet.

In Pogromen wurden viele von ihnen von Landsleuten umgebracht, die Angehörigen der deutschen Wehrmacht standen daneben, bevor sie die Säuberung selbst fortsetzten. Auch Miriam überlebte den Zweiten Weltkrieg nicht. Sie wurde 1943 oder 44 im Aussenlager Ereda des estnischen Konzentrationslagers Vaivara letztmals gesehen.

Zehn Jahre vor ihrer Ermordung reiste das Ehepaar in die Schweiz, am 11. Dezember 1931 eröffnete es in Basel das Wertschriftendepot Nr. 37457 sowie ein laufendes Wertschriftenkonto. Was mag die Kambers in die 1400 Kilometer entfernte Stadt gebracht haben?

Ausser dass der Basler Germanist Josef Ehret in dieser Zeit in Kaunas lehrte und aktiv für ein freies Litauen politisierte, scheint die Städte nichts zu verbinden. Gemäss vorliegenden Informationen hatten sie ihr Vermögen der Basler Kantonalbank anvertraut, was die Bank mit Verweis auf das Bankkundengeheimnis nicht bestätigen mag.

Für eine Generation verliert sich die Spur des Geldes

Noch während des Krieges stellte die Bank fest, dass sie mit den Kontoinhabern keinen Kontakt mehr hatte. Sie erkundigte sich beim litauischen Generalkonsulat. Das Konsulat tischte eine währschafte Lügengeschichte auf und lastete ihr Verschwinden der sowjetischen Roten Armee an. Sie hätte die Kambers 1941 nach Russland deportiert.

Und Juden des litauische Gettos von Kaunas wurden 1942/43 in ein Arbeitslager deportiert.

© United States Holocaust Memorial Museum / George Kadish, Zvi Kadushin

Die Bank hatte offensichtlich kein Interesse an einer politischen Verwicklung und übergab die Konten im Mai 1946 treuhänderisch der Basler Fürsorgebehörde. Miriam, so teilte die Bank dem Amt mit, sei am 15. September 1945 verstorben. Ein Beleg dafür ist nicht ersichtlich. Im Oktober 1965 schloss die Bank das Wertschriftendepot. Für eine Generation verliert sich die Spur des Geldes.

Vor der Jahrtausendwende standen die nachrichtenlosen Vermögen plötzlich auf der politischen Tagesordnung. Vor allem in den USA lebende Juden machten sich auf die Suche nach dem Vermögen ihrer verschollenen Angehörigen und fanden die politische Unterstützung der US-Regierung.

Der Druck auf die Schweiz und die Schweizer Banken stieg. Ein Abgeltungsfonds mit 1,25 Milliarden Dollar mussten die Finanzhäuser äufnen. Die Bergier-Kommission, mit der Historiker die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs erforschte, war eine Folge der Debatte um diese nachrichtenlosen Vermögen.

Unverhofft tauchte das Erbe Kamber wieder auf. Bereits 1999 erkundigte sich ein Shimon Galperin nach einem Konto seiner Verwandten. Er erzählte, er sei mit Miriam im estnischen Konzentrationslager gewesen, als sie ihm vom Geld in der Schweiz erzählte. Galperin machte detaillierte Angaben und machte Ansprüche geltend; seine Grossmutter mütterlicherseits sei die Schwester von Lea Kamber gewesen.

Zwei Jahre später erhielt seine Forderung Nahrung. Die nach ihrem Präsidenten Paul Volcker benannte Kommission (Independent Committee of Eminent Persons, ICEP) publizierte im Februar 2001 auf 433 Seiten Namen von Inhabern nachrichtenloser Konti.

Paul Volcker Vorsitzender des Komitees, das nach nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken gesucht hatte

Paul Volcker Vorsitzender des Komitees, das nach nachrichtenlosen Vermögen auf Schweizer Banken gesucht hatte

Darauf fanden sich auf Seite 179 aus Kaunas die drei Kambers in verschiedenen Schreibweisen; Shimon/Schimel/Simelis Kamberis (männliche Form), Lea/Leja Kamberyte (Form für verheiratete Frau) und Miriam Kamberiene (Form für unverheiratete Frau).

Im Schatten der Geschichte

Shimon Galperin und seine Schwester Etel Shprintze Bronsteter klagten beim dafür geschaffenen Claim Resolution Tribunal (CRT), um als legitime Erben anerkannt zu werden. Als Fall CV 96-2829 nahm sich das Tribunal der Klage an und publizierte 2003 seinen Entscheid. Darin finden sich eine Vielzahl der Informationen, die in diese Recherche eingeflossen sind. Im siebenseitigen Urteil wird die Erbberechtigung der Geschwister anerkannt, auch wenn die Verwandtschaft nicht wirklich nachgewiesen wurde.

Das Tribunal hatte herausgefunden, dass die Konten nach dem Krieg treuhänderisch der Basler Fürsorge übergeben und 1962 das Wertschriftendepot aufgelöst worden sei. Was es nicht eruierte, war die Summe. Die pauschale Annahme: Die Banken hätten über Jahrzehnte die Konti geplündert, Spesen abkassiert, aber keine Zinsen gutgeschrieben.

So gingen sie von 15 140 Franken aus, die im Durchschnitt bei Kriegsende auf solchen Konten lagen, und multiplizierten diesen Betrag mit einem theoretischen Zinsfaktor zwölf. Der Anspruch, der sich daraus ergab, machte genau 181 680 Schweizer Franken. Es ist anzunehmen, dass das Geld überwiesen wurde, bezahlt aus dem Topf, den die Schweizer Banken gespeist hatten.

Das Konto der Kambers, das bei der Fürsorge deponiert war, blieb aus nicht nachvollziehbaren Gründen unangetastet. Erst eine Reorganisation des Amtes spülte das Dossier vor vier Jahren wieder an die Oberfläche. Die neue Leiterin Sarah Thoenen wollte das Geschäft bereinigen, ohne zu wissen, was überhaupt auf den Tisch gekommen war.

Eine litauische Anwältin wurde beauftragt, Nachforschungen anzustellen. Bei den dortigen Behörden wurde sie nicht fündig, doch bei einer einfachen Internetsuche tauchte bei ihr das CRT-Urteil auf. Die Lösung war nicht in Litauen, sondern in der Schweiz zu finden.

Zwei Menschen, die heute 150 Jahre alt wären, für verschollen erklären zu wollen, ist an sich eine Groteske. Das Wissen, dass sie vor 80 Jahren ermordet worden sind, steigert sie ins Absurde. Doch anders sind die administrativen Mühlen nicht in Gang zu setzen. Erst Verschollene können für tot erklärt werden. Erst dann kann die Beistand- und Erwachsenenschutzbehörde das Dossier ab- und an das Basler Erbschaftsamt weitergeben.

Damit sind die Probleme nicht bereinigt. Das Erbschaftsamt wird Erben zu suchen haben. Ob nach ordentlichem Schweizer Recht die Geschwister Galperin/Bronsteter erneut als erbberechtigt taxiert würden, ist offen. Etel Bronsteter ist zudem mutmasslich vor fünf Jahren in Toronto gestorben, ihr Bruder wäre heute 95-jährig. Steht ihnen oder ihren Nachkommen das Erbe zu, obwohl sie schon einmal ausbezahlt worden sind? Das Ende der Geschichte ist nicht abzusehen.

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Christian Mensch

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