Sie mischt schamlos ein Mainstream-Shirt zur Haute-Couture- Jacke, steckt sich einen Fingerring an die Zehe oder trägt Highheels zu Hotpants, ohne jemals vulgär zu wirken. Keine andere ist derart elegant und selbstsicher wie die Parisienne, die sich noch heute mehrmals täglich je nach Anlass umzieht. Sie auf einen einheitlichen Stil zu reduzieren, würde ihr jedoch nicht gerecht.

Eine jede Parisienne widerspiegelt ihre eigene Identität und Herkunft sowie die Kultur ihres Quartiers. Zieht sie von einem Stadtteil zum nächsten, passt sie ihren Look dem lokalen Dresscode an. Im hippen Saint-Germain-des-Prés konnte ich etwa problemlos im bodenlangen, tiefschwarzen Yohji-Yamamoto-Mantel in die Quartierkneipe.

Niemand drehte sich um. Als ich diesen opulenten Mantel jedoch einmal überzog, um an der Hermès-Modeschau eine passable Figur abzugeben, blickten mich meine neuen Nachbarn schräg an. Denn in meinem aktuellen Wohnviertel in Paris Ost gibt man sich weit bescheidener.

Von der Mutter zur Tochter

Den guten Geschmack – und die Attitüde – haben allerdings alle im Blut. Ob auf dem Gemüsemarkt oder in der Metro, die Parisenne wirft ihr Haupt arrogant in den Nacken, als wäre es das Normalste der Welt. Ihr sagenhaftes Auftreten geht von der Mutter zur Tochter über und wird dank unzähliger Identifikationsfiguren aus Literatur und Geschichte bereits in der Schule geprägt.

Als Vorbilder gelten die verschwenderische Königin Marie-Antoinette, deren üppige Turmfrisur auch in Aristo-Kreisen einzigartig war, aber auch die schlichte, androgyne Grazie einer Simone de Beauvoir im Trenchcoat. Dass Mode vergänglich ist, der Stil aber bleibt, haben die Parisiennes Coco Chanel oder Sonia Rykiel längst bewiesen. Ganz zu schweigen von der Kinokultur, in deren Genuss die kleine Pariserin schon als Kleinkind kommt.

Bereits im Kindergartenalter lernt sie, dass nur Lackschuhe zum wippenden Rock passen. Als Jugendliche besitzt sie zudem die Qual der Wahl: In Paris sind alle erdenklichen Marken aus aller Welt nicht nur im Zentrum, sondern in den meisten Quartieren vertreten. Einmal erwachsen, ist die Parisienne entsprechend stolz. Sie weiss, dass sie in der schönsten Stadt der Welt wohnt und ein Ass in Multitasking ist, die – mal charmant, mal schroff – Job, Kinder, Haushalt und Finanzen schmeisst. In einer nonchalanten Selbstverständlichkeit.

Flipflops als Modesünde

Schönheit ist sie ihrer Umgebung einfach schuldig. Die einen verlassen das Haus nie, ohne sich die Brauen zu bürsten oder die Wimpern zu tuschen – sei es auch nur, um den Briefkasten zu leeren. Andere würden nie den Asphalt in Flipflops betreten. «Fettiges Haar, ungepflegte Fingernägel oder flache Schuhe zum knielangen Rock sind für mich unverzeihbare Fehltritte», meint Alix Leduc in ihrer grossen Wohnung im typischen Pariser Haussmann-Stil nahe dem Ostbahnhof.

Obwohl die Sachbuch-Autorin und Mutter von drei Knaben zwischen Buchstaben, Windeln und Rendezvous jongliert, wäscht und föhnt sie sich das lange, kastanienbraune Haar täglich; Verführung wird in der Stadt der Liebe grossgeschrieben. Sie ist aber nicht überall willkommen. Rund um den Ostbahnhof drängt sich wegen der herumlungernden Männer ein Dresscode ohne Sexiness auf. «Mit einem tiefen Décolleté in einem Café zu sitzen, gleicht hier einer Provokation oder einer feministischen Forderung», bedauert die 42-Jährige.

In Belleville am Rande der Buttes Chaumont dominiert die saloppe Bobo-Mode. Thy Van Nguyen (39), die sich selbst als echte Bobo (Bourgeois-Bohème) definiert, liebt dieses Viertel mit Wohnblocks, Einfamilienhäusern und zu Lofts umgebauten Werkstätten, weil sich hier Arbeiter, Einwanderer und Künstler seit mehr als hundert Jahren den Lebensraum teilen.

In Kenzos spitze Mokassins schlüpft die 1,78 m grosse Pianistin dennoch nur für ein Dejeuner im In-Bistro Le Jourdain. Sonst kombiniert sie bunte Pluderhosen oder Jeans mit Eric Bompar’s Kaschmirpullis. Ihre beiden Chanel-Handtaschen hängt sie sich in diesem Stadtteil nie um. «Zu overdressed.»

Fast alles ist hingegen im 20. Arrondissement, rund um den prominenten Friedhof Père Lachaise, möglich. «Hier herrscht ein Parfum wie in Berlin: Man misst sich nicht am Look. Das erlaubt grosse Freiheiten, was die Extravaganz oder das Fehlen jeglicher modischer Bemühungen betrifft», erzählt die Journalistin Cécile Montreuil in einem der vielen Cafés, wo kokett gekleidete ältere Damen oder junge Mütter im Bohème-Look sitzen.

Maghrebinerinnen in Djellabas und Afrikanerinnen in bunten Boubous aus Waxprints gehen vorbei. Junge Kaderfrauen in Blusen und Bleistiftrock haben hier ihre erste Wohnung erstanden. Für Montreuil, die den Chic und die Nonchalance einer Charlotte Gainsbourg besitzt, gelten allerdings ein geblümter Zigeunerrock und kanariengelbe Mocassins als «pièces maîtresses» ihrer Sommergarderobe.

Highfashion beim Turm

Im vornehmen Passy hingegen, gegenüber dem Eiffelturm, fehlt jeder kunterbunte Ausdruck. Hier trägt die Parisienne so gut wie nur Highfashion. Sie drückt ihren BCBG (bon-chic-bon-genre) mit gut sichtbarem Goldschmuck und Edelsteinen aus. Ihre Sandaletten sind garantiert silbrig oder goldig im antiken Stil.

Das Must in diesem Sommer: Riesige Sonnenbrillen, durch deren flache, fünf Zentimeter breite, blaue Gläser die Parisienne erhaben auf mich blickt, als wäre mein Reportage-Look in lockerer Leinenhose völlig fehl am Platz.