Sehhilfe

Ein Blinder kann Velo fahren – dank einer speziellen Technik

Das menschliche Echolot: Daniel Kish demonstriert, dass er unfallfrei radfahren kann, obwohl er mit den Augen nichts sieht. Thatcher Cook

Das menschliche Echolot: Daniel Kish demonstriert, dass er unfallfrei radfahren kann, obwohl er mit den Augen nichts sieht. Thatcher Cook

Sogar Blinde können ohne Probleme auf der Strasse Velo fahren. Dank einer neuen Technik erkennen sie Gegenstände im Voraus. Sie wurde den Fledermäusen abgeschaut.

Man nennt ihn auch den Fledermausmann: Seit er denken kann, klickt Daniel Kish mit der Zunge. Er bewegt sich schnell und sicher, denn Hauswände, Autos, Bäume und Ampeln erkennt er anhand der Echos. Kish hat die Technik derart perfektioniert, dass er auch Rad fährt und wandern geht.

Mit 13 Monaten verliert der 50-Jährige Kalifornier sein Augenlicht und lernt mit den Ohren zu sehen: «Indem ich klicke, frage ich meine Umgebung: Wer bist du? Was bist du? Wo bist du?», sagt Kish. Da sich alle Geräusche durch Schallwellen ausbreiten, prallen sie, wenn sie auf einen Gegenstand wie etwa einen Laternenpfahl treffen, daran ab. Mithilfe dieser Echos lokalisiert Kish die Richtung, die Grösse und auch die Struktur des Objekts – lange bevor sie im Weg stehen. Der Blinde vergleicht die Technik mit dem Blitzlicht einer Kamera: Plötzlich «erhellt» sich die Dunkelheit und gibt die Details der Umgebung preis. Ein guter Echoorter erhält so eine sehr präzise Vorstellung seiner Umwelt – wenn auch Farben und Gegenstände, die kleiner als 2 Zentimer sind, nicht erkannt werden. 

Blind Velofahren: «Batman» Daniel Kish in Aktion.

Blind Velofahren: «Batman» Daniel Kish in Aktion.

«Die Echoortung beim Menschen funktioniert ähnlich wie bei Fledermäusen und Delfinen und ist ein eigenständiger Sinn», sagt Lore Thaler von der Durham Universität in England. Thaler, die führende Forscherin auf dem Gebiet, leitete 2011 die Studie, die zeigen konnte, wo im Gehirn, die Echos bei Blinden verarbeitet werden. Mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie – einem bildgebenden Verfahren – verglichen sie und ihre Kollegen die Gehirnaktivität von blinden Echoortern und Sehenden. Das Ergebnis überraschte: Bei Blinden werden die Echos nicht wie erwartet in dem Teil des Gehirns verarbeitet, der für das Hören zuständig ist, sondern im so genannten visuellen Cortex, dem Sehzentrum des Gehirns. 

Methode noch wenig genutzt

Eine aktuelle Studie aus Kanada bestätigt, dass es sich bei der Echoortung um einen eigenständigen Sinn handelt: Probanden mussten drei gleichschwere, aber unterschiedlich grosse Würfel an einem Seil hochziehen. Drei Gruppen nahmen daran teil: Blinde, die keine Echos orten, Blinde, die Echos orten und Sehende. Nur die Blinden ordneten das Gewicht richtig zu. Die Sehenden und die echoortenden Blinden gaben an, dass der grösste Würfel am leichtesten war. Beide Gruppen unterlagen der Grössengewichtstäuschung, nach der das grössere Objekt leichter wirkt. Das passiert, weil man der Grösse wegen unbewusst mehr Kraft einsetzt und das Gewicht deswegen leichter erscheint. «Die Echolokalisation kann andere Sinne beeinflussen und damit die Wahrnehmung», sagt der Studienleiter Gavin Buckingham von der Universität Edinburgh.

Blinde produzieren Echos auf verschiedene Weise: Manche Blindenstöcke haben Metallkappen an den Spitzen, andere schnippen mit den Fingern. Laut Wissenschaftern ist aber die Klicksonar-Technik, also das Zungenschnalzen, den anderen Methoden überlegen: Denn der Winkel zwischen Sender (Zunge) und Empfänger (Ohren) bleibt allzeit konstant. Langfristig erleichtert das dem Gehirn die Verarbeitung der feinen Echonuancen.

Obwohl die Methode Blinden ein Plus an Autonomie verleiht – ohne jedoch den Blindenstock zu ersetzen – wird sie in den meisten Ländern bis heute nicht systematisch gelehrt. Statistiken, wie viele Blinde die Methode zur Orientierung nutzen, fehlen. Es ist Daniel Kish zu verdanken, dass sie einer breiten Öffentlichkeit überhaupt bekannt wurde: Als Meister der Echolokalisation entwickelte er die Klicksonar-Technik für Sehbehinderte weiter, hält weltweit Vorträge und unterrichtet Blinde über seine gemeinnützige Organisation «World Access for the Blind». (2005 und 2006 war Kish in der Schweiz zu Gast).

Der deutsche, spendenfinanzierte Partnerverein «Anderes Sehen» kämpft im deutschsprachigen Raum für die Verbreitung der Methode. Seit 2011 hat «Anderes Sehen» über 100 sogenannte Mobilitätstrainer in der Methode ausgebildet. In Österreich wurde Klicksonar inzwischen vom Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur auf breiter Basis eingeführt. In der Schweiz hielt der Verein 2014 einen ersten Workshop ab.

Hartes Training

Auf den Internetseiten der Schweizer Blindenorganisationen wird die Methode nicht erwähnt. Sowohl der Schweizer Blinden- und Sehbehindertenverband (SBV) als auch der Schweizerische Zentralverein für das Blindenwesen (SZB) geben keine konkrete Auskunft zum Thema.

Steffen Zimmermann, Initiant von «Anderes Sehen», kennt die zögerliche Haltung der Blindenorganisationen auch aus Deutschland: «Viele Blinde sind überzeugt, dass sie die Technik schon kennen. Dass das ein alter Hut ist.» Thaler stellt jedoch klar: «Es ist ein grosser Unterschied, ob man die Technik bewusst mit der Zunge trainiert oder ob man sie eher rudimentär betreibt. Bei den einen entsteht ein unscharfes Bild, bei den anderen ein sehr präzises.»

Die Forscherin plädiert dafür, blinde Kinder so früh wie möglich spielerisch an die Methode zu gewöhnen. An vielen Blindenschulen in der Schweiz geschieht das schon: «Viele blinde Kinder nutzen Echoortung von sich aus. Ich helfe ihnen, ihre Fähigkeit zu verfeinern. Ich frage etwa: Haben wir ein Dach über dem Kopf oder nicht? Oder: So tönt ein Baum, so klingt ein geparktes Auto», sagt Christine Hofstetter, Lehrerin für Orientierung und Mobilität von der Blindenschule Zollikofen. Um die Technik perfekt zu beherrschen, müssen Blinde aber mehrere Jahre trainieren. Was nicht bedeutet, dass Erwachsene nicht auch davon profitieren: «Die Lernkurve ist sehr steil», sagt Zimmermann.

Manchen Blinden ist die Vorstellung unangenehm, mit schnalzender Zunge durch die Strasse zu laufen. Doch Sehende nehmen es wegen der geringen Lautstärke kaum wahr. «Hier in Durham hat sich das Klicken schon mehr etabliert», sagt Thaler. «Es ist nützlich, viele Leute kennen es und niemand wird deswegen stigmatisiert.»

Schweizer Fernsehen für Seh- und Hörbehinderte: Das steckt dahinter.

Schweizer Fernsehen für Seh- und Hörbehinderte: Das steckt dahinter.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1