Wer den Schwarzer Apollo beobachten möchte, muss hoch hinaus, mitunter bis auf 2500 Meter über Meer. Es heisst, in den Schluchtenwäldern des Berner Oberlands, in der Gegend um Gstaad, könne man den seltenen Falter noch regelmässig antreffen. Also mache ich mich auf in das mondäne Chaletdorf in der Gemeinde Saanen – mit Ziel Lauenensee. Dort, so heisst es, tummle sich der sehr standorttreue, nur noch in ausgewählten Alpenregionen vorkommende Parnassius mnemosyne.

Das artenreiche Naturschutzgebiet am südlichen Ende des Lauenentals mit seiner besonderen Flora bietet dem Schwarzen Apollo ein perfektes Refugium. Der bei einer Flügelspannweite von etwa 60 Millimeter nicht eben grosse Schmetterling ist auf den ersten Blick der unscheinbarste aller Apollofalter. Seine weissen Flügel sind von dunklen Adern durchzogen, deren Spitzen grau und durchscheinend.

Der Schwarze Apollo hat eine Lebensdauer von nur 14 Tagen und ist aufgrund seiner hohen Ansprüche an sein Habitat sehr selten geworden. Er benötigt garantiert gleichbleibende Feuchtigkeit, das gesicherte Vorhandensein seiner Futterpflanze – Lerchensporn-Arten – sowie an Mischwälder angrenzende Gebirgshänge in Laubwaldzonen. Unter Hobby-Sammlern ist der Schwarze Apollo inzwischen eine heiss gehandelte Ware.

Die männlichen Falter fliegen vormittags umher auf der Suche nach zu begattenden Weibchen, die es zumeist erst am Nachmittag hinauszieht, um Blüten zu besuchen. Sie gelten als sehr störungsanfällig und reagieren bei Belästigung mit einem interessanten Reflex: Wie ein angeschossener Vogel lassen sie sich jäh ins Gras fallen.

Zwischen Wasserfall und Blüten

Nachdem das Postauto wieder hinunter ins Tal verschwunden ist, bewege ich mich blickhungrig durch die mit ihren Magerwiesen und die herabstürzenden Kaskaden des nahen Wasserfalls paradiesisch anmutende Gegend. Nach einer halben Stunde in der atemberaubenden Landschaft wird meine entomologische Suche belohnt: Auf den sattgrünen Blättern eines Himbeerstrauchs sitzen mit weit geöffneten Flügeln zwei Schwarze Apollos und sonnen sich. Durch die breiten, glasigen Ränder ihrer gespreizten Flügel ist die Struktur des Blattes jeweils klar zu erkennen, als blicke man durch ein Fenster auf schäumendes Grün.

Die Flügel des Schwarzer Apollo wirken glasig und sind fast durchsichtig.

Die Flügel des Schwarzer Apollo wirken glasig und sind fast durchsichtig.

Dieser Ort nahe Gstaad ist wie geschaffen für den Schwarzen Apollo, der träge von Blüte zu Blüte flattert, um sie genüsslich abzuweiden. Es ist feucht, der Blumenbestand ist riesig und die nahen, sich nach Südwesten hin zu einer Art Schlucht verengenden Steinhänge strahlen die gespeicherte Sonnenwärme ungefiltert ab. Ich zücke mein Smartphone und filme den Falter fast zehn Minuten lang.

Er macht es mir leicht, denn grössere Flugradien sind seine Sache nicht. Diesen seltenen Schmetterling in seinem natürlichen Umfeld derart lange und ungestört beobachten zu können, ist ein Hochgenuss: Die Anmut, mit welcher er sich über das reichhaltige Mal hermacht. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit welcher er sich dabei über den Blütenkranz bewegt. Als sei es sein alleiniges Vorrecht, hier zu sitzen und zu sein.

Nachts im Wald zu Besuch

Am nächsten Tag geht es weiter nach Sils Maria im Kanton Graubünden. Dort will ich mich auf die Suche nach dem vom Aussterben bedrohten Schmetterling namens Engadiner Bär machen. Ich nehme den Mittagszug, treffe nach gut sechseinhalb Stunden in Sils Maria ein und beziehe mein Zimmer im schönen «Silserhof» in der Via da Baselgia. Von dort ist es nur ein zehnminütiger Fussweg in die nahen Anhöhen, wo der Engadiner Bär mit ein wenig Glück anzutreffen ist.

Der schöne, nachtaktive Falter benötigt bis zu drei Jahre Entwicklungszeit und fliegt gern künstliche Lichtquellen an – ein für Bärenspinner typisches Verhalten. Ihren Namen tragen die Bärenspinner wegen der starken und ungewöhnlich langen Behaarung ihrer Raupen. Die überwiegende Zahl von ihnen ist auffallend gefärbt. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Warnfärbung.

Da der Engadiner Bär nachtaktiv ist, breche ich gegen zwanzig Uhr auf und arbeite mich so lange durch die dicht stehenden Tannen bergan, bis ich auf die ersten leicht vereisten Wiesen treffe, die der Engadiner Bär gern aufsucht. Auf einer kleinen Lichtung stelle ich meine Halogen-Lampen auf – und warte. Hier oben ist es deutlich kühler. Trotzdem wagen sich schon nach wenigen Minuten die ersten Schmetterlinge ins Licht: zunächst eine scheue Klosterfrau (Panthea coenobita). Wenig später gesellen sich eine Gelbe Bandeule (Noctua fimbriata), eine hellere Verwandte der bei uns häufig anzutreffenden Hausmutter (Noctua pronuba) sowie ein kleiner Gelber Fleckleibbär (Spilarctica lutea) hinzu.

Auf ein Stelldichein mit dem deutlich grösseren Gelben Bären, wie der Engadiner Bär auch genannt wird, warte ich vergebens. Und so schalte ich nach fast zwei Stunden, die ich dort oben verbringe, meine heiss gewordenen Lampen leicht frustriert aus, verstaue sie und mache mich an den Abstieg.

Als ich wieder im «Silserhof» eintreffe, ist es kurz nach zehn. «Und? Erfolg gehabt?», fragt mich die Hotelwirtin, als ich die Lobby betrete. «Ich habe ein paar schöne Sachen gesehen, doch vom Gelben Bären keine Spur. Leider!»

Ein Bär an der Laterne

Am nächsten Morgen bezahle ich nach dem Frühstück meine Rechnung und denke mit Bedauern an den unter entomologischen Gesichtspunkten eher erfolglosen Vorabend zurück. Doch als ich wenig später über den kleinen Vorplatz des Hotels laufe und auf die Laternen zusteuere, die in regelmässigen Abständen die kleine, zum Bahnhof führende Dorfstrasse säumen, kann ich mein Glück kaum fassen. Am Pfahl einer der Laternen sitzt doch tatsächlich ein männliches Exemplar vom Gelben Bären!

Ich hole mein Smartphone hervor und beginne, den in Ruhestellung reglos verharrenden Falter zu filmen. Seine zusammengeschobenen Deckflügel, welche die sattgelben Hinterflügel verdecken, erinnern an das charakteristische braun-weisse Fleckmuster einer Giraffe: Zwei helle Flächen, die von brauen, unterschiedlich grossen dunkelbraunen Quadern und Rauten durchsetzt sind.

Die dichte, und für Bärenspinner typische dunkle Behaarung, welche deren Oberkörper normalerweise komplett überzieht, fehlt bei diesem Exemplar, was darauf schliessen lässt, dass es schon eine hohe Zahl von Flugstunden auf dem Buckel hat. Somit fehlt auch der an sich auffallend rot leuchtende Nackenstreifen welcher den Oberkörper nach vorn zu den Fühlern hin segmentiert.

«Das ist so einer? So ein Gelber Bär?», fragt die Hotelwirtin, die herauskommt und den Falter interessiert betrachtet. «Ja, ein wenig ramponiert zwar, aber immerhin.» – «Jetzt sind Sie zufrieden, oder?» – «Ja!» sage ich, rücke die Sonnenbrille wieder vor die Augen und setze mich in Richtung Bahnhof in Bewegung.

Wege zu den Schmetterlingen