Kaum ein Politiker lügt so systematisch wie Donald Trump. In nur 500 Tagen seiner Amtszeit hat er laut einer Zählung der Zeitung Washington Post 3250 falsche Aussagen im Netz verbreitet. Die Liste beinhaltet nur nachweislich Falsches: abenteuerliche Statistiken, geplatzte Dementis, wilde Unterstellungen. Lügen gehört für Trump zum täglichen Geschäft.

Dem gegenüber steht eine Bewegung, die genau das Gegenteil will: radikale Ehrlichkeit bis an die Schmerzgrenze. Der Berliner Jakob Eichhorn gibt Workshops, in denen man übt, einander schonungslos die Meinung zu sagen. Eichhorn schrieb denn auch eine Liste mit dreissig Namen von Leuten, mit denen er nicht im Reinen war. Die er angelogen hatte, auf die er sauer war oder bei denen er sich entschuldigen wollte. Er kontaktierte sie alle und schenkte ihnen reinen Wein ein – ein Akt der Befreiung.

Der amerikanische Psychotherapeut und Buchautor Brad Blanton gilt als Begründer von «Radical Honesty». Der selbst ernannte Wahrheitsdoktor behauptet, dass die Welt ein besserer Ort wäre, wenn alle Menschen immer die Wahrheit sagen würden. Statt manipulativ und verlogen, soll man wieder direkt sein wie ein Kind. Radikale Ehrlichkeit verursache zwar Missstimmungen. Aber wenn die erst einmal verraucht seien, stelle sich eine Intimität ein, die ohne diese Eklats nicht möglich wäre.

«Dieser Mann will nur provozieren», sagt Jana Nikitin, Professorin für Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie an der Universität Basel. Man solle sich hüten, jedem sein Herz auszuschütten. «Wenn ich allen erzähle, ich hätte Depressionen, mache ich mich verletzlich. Nicht alle Menschen sind an meinem Wohl interessiert.» Für Blanton sind Lügen die Hauptursache für menschliches Leiden. Auf ehrliche Leute könne man sich verlassen, sie gaukelten einem nichts vor. Und sie seien glücklicher, meint er.

Sieben Tage ohne Lügen

Jim Carrey spielt in der Komödie «Der Dummschwätzer» einen Yuppie-Anwalt, der lügt, bis sich die Balken biegen. Weil er den Geburtstag seines Sohns vergessen hat, belegt dieser ihn mit einem Fluch: Er kann 24 Stunden nicht mehr lügen. Für Anwalt Fletcher beginnt damit der schlimmste Tag seines Lebens. Weder die Bluffs vor Gericht kommen ihm über die Lippen noch die Alltagsflunkereien. Stattdessen ruft er im Lift, nachdem er gefurzt hat: «Das war ich!» und im Bett, nachdem seine Frau fragt, wie es war: «Ich hatte schon mehr Spass.»

Wer den ganzen Tag ehrlich ist, sagt dem Bürokollegen, dass man ihn für einen faulen Hund hält, und der Freundin, dass sie einen fetten Hintern hat, und den Leuten in der Bar, dass einem ihr Geschnatter auf den Zeiger geht. Genau das hat Jürgen Schmieder, Journalist der «Süddeutschen Zeitung», in einem Sieben-Tage-Experiment getan. Worauf ihn seine Frau auf die Couch verbannte und ein Freund nichts mehr von ihm wissen wollte. Auch Schläge kassierte er. Schmieder fragte einen Kollegen, ob er sich denn nicht schäme, in einem derart scheusslichen und schlechtsitzenden Anzug zu einem Termin zu erscheinen. Seine Antwort: «Immer noch besser als du in deinem zu grossen T-Shirt.» Als ihm eine Kollegin von einem Thema erzählte, das sie gerade anrecherchierte, war sein Kommentar dazu: «Puuuah, wieder so ein Ding, das keine alte Sau interessiert. Gleich schlaf ich ein!» Ihre Antwort: «Stimmt, aber der Chef will es so.» Schmieders Erkenntnis: Je ehrlicher man mit Menschen umgeht und ihnen auch taktlose Kommentare an den Kopf wirft, desto ehrlicher werden sie.

Es sei kein sinnvolles Verhalten, «einander die nassen Lumpen um die Ohren schlagen», sagt die Arbeitspsychologin Marlen Bolliger. «Wer immer offen ist, ist nicht ganz dicht.» In Kursen für Führungskräfte sei Authentizität angesagt, verbunden mit Ehrlichsein. «Es ist gut, zur eigenen Meinung zu stehen – aber mit der Schwesterntugend der Rücksichtnahme», sagt Marlen Bolliger. In einem Vorstellungsgespräch würde man sich mit zu viel Ehrlichkeit selbst schaden. «Wer klarstellt, dass er ein psychisches Problem hat oder dass sie schwanger ist, wird nicht eingestellt.» Wer zum Chef sagt: «Ich habe keinen Bock», wird kaum befördert. Je nach Hierarchiestufe haben nicht alle gleich lange Spiesse. Ein Chef kann problemlos allen die Meinung sagen – ein Praktikant eher nicht.

Die Ehe aufs Spiel setzen

Auch in einer langfristigen Liebesbeziehung ist radikale Ehrlichkeit schwierig. Sollte ein Mann seiner Frau gestehen, dass er auf ihre Schwester steht? «Das würde ich nicht tun», sagt Entwicklungspsychologin Jana Nikitin. «Was soll die Frau mit dieser Information anfangen? Es würde sie nur unglücklich machen und verunsichern.» Denn es sei normal, dass Menschen sich vergucken; das verflüchtige sich meistens wieder. «Deswegen sollte man seine Beziehung nicht in Gefahr bringen. Einander alles zu erzählen, ist eine Zumutung.» Das könne auch einfach nur schädlich und irrelevant sein. «Man will nicht alles wissen, was anderen durch den Kopf geht.»

Ehrlichkeit ist also nicht immer eine Tugend. Gewohnheit, Pflichtgefühl und gesellschaftliche Erwartungen hindern einen aber allzu oft daran, den Mund aufzumachen und Stellung zu beziehen. Lieber heuchelt man Freude über die selbst gestrickten kratzigen Socken unter dem Weihnachtsbaum. Oder geht zerknirscht an ein Nachtessen, obwohl man keine Lust auf gequält höfliche Gespräche mit langweiligen Leuten hat. Warum haben Menschen so viel Angst, bei anderen in Ungnade zu fallen? «Weil wir soziale Wesen sind. Wir brauchen unterstützende Beziehungen», sagt Jana Nikitin.

Natürlich kann es sich lohnen, Position zu beziehen und der Freundin zu sagen, dass einem ihr Gejammer auf die Nerven geht. Oder zu sagen, dass die Suppe versalzen ist. Die meisten Menschen scheuen aber Konflikte und Dissonanzen. Die Aussicht, das gute Verhältnis zu anderen aufs Spiel zu setzen, die Harmonie zu stören und sich Kritik und Ablehnung einzuhandeln, verschliesst manchen Mund. «Wer immer ehrlich wäre, würde sozial isoliert werden und an den Rand der Gesellschaft geraten», sagt Jana Nikitin. «Das halten nur die wenigsten aus.»

Auch Jim Carrey manövriert sich in der Komödie «Der Dummschwätzer» mit seiner kompromisslosen Aufrichtigkeit ins Abseits. In einer Sitzung bezeichnet er einen Geschäftsmann als «Stinkstiefel, Bastard, mieser Stinkhaufen». Am Ende wird er gefeuert und landet im Gefängnis. Dafür gelingt es ihm, seine Frau zurückzuerobern – mit radikaler Ehrlichkeit.