Familieninterview

«Echter Glaube führt über Atheismus»

Delia Zumbrunn und Timon Richner sprechen auf einem Spaziergang am Thun ersee über Erfahrungen mit Gott und ihrem Glauben.

Delia Zumbrunn und Timon Richner sprechen auf einem Spaziergang am Thun ersee über Erfahrungen mit Gott und ihrem Glauben.

Delia Zumbrunn zog es für Studium und Beruf aus Auenstein AG in den Kanton Bern. In Spiez arbeitet sie als Pfarrerin und findet ihre Arbeit in der schrumpfenden Landeskirche spannend.

Heute Morgen habe ich den Zug verpasst, weil zu Hause die Wanduhr im dümmsten Moment stillstand. Wäre es dir recht, wenn vor Jahren die Zeit stillgestanden wäre?

Delia Zumbrunn: Was die Kirche anbetrifft, möchte ich das nicht. Heute wird Theologie ohne Scheuklappen betrieben. Man verknüpft die theologischen Fragen mit den Erkenntnissen anderer Wissenschaften. Und die Ansichten der Kirche sind geerdeter geworden. Früher hatte man viel engere Ansichten. Ohne die Freiheit von heute würde ich mich in dieser Institution nicht wohlfühlen. 

Früher hatte die Kirche ihr Publikum auf sicher. Heute muss ein Pfarrer um Aufmerksamkeit kämpfen.

Ich finde genau das spannend. Begegnungen mit Menschen, die nichts mehr mit der Kirche am Hut haben, sind für mich eine Herausforderung.

Und wie gelingt es dir, jemanden für die Kirche zurückzugewinnen?

Wenn ich jemanden kennen lerne und erzähle, dass ich Pfarrerin bin, beginnen Personen oft zu erklären, weshalb sie nicht mehr in die Kirche gehen. Ich höre oft von Situationen, von denen ich mich auch distanzieren würde. Wenn die Menschen dann merken, dass ich als Pfarrerin ihren Unmut verstehen kann, sehen sie, dass Kirche auch etwas anderes sein kann. Leute zurückgewinnen kann man aber nicht einfach. Es geht nur über Beziehung und Gespräch. 

Wie siehst du die Zukunft der reformierten Kirche? Die Mitgliederzahlen schrumpfen.

Ich habe viele Ideen, die Frage ist nur, ob diese in der grossen und daher trägen Kirche umsetzbar sind. Wenn man genau so weitermacht wie bisher, dann ist unsere Arbeit quasi Sterbebegleitung für eine alte Institution. Man muss lernen, mehr auf die Fragen von heute einzugehen. Man muss mehr auf die Menschen zugehen.

Was wird breit geschätzt und könnte ausgebaut werden?

Genau das ist eine Illusion. Wenn man versucht, etwas zu erschaffen, das allen passt, wird es schliesslich niemandem gefallen. Angebote sollten persönlich sein. Die Menschen brauchen keine Events von der Kirche. Sie brauchen echte Beziehungen und echte Gemeinschaft.

Ich bin auch so ein Abtrünniger. Als Kind bin ich immer in die Sonntagsschule gegangen. In den letzten drei Jahren musste ich mir aber eingestehen, dass ich nicht an den Gott aus der Sonntagsschule glaube. An was für einen Gott glaubst du?

Nicht an einen Gott als alten Mann mit grauem Haar, der im Himmel die Fäden des Weltgeschehens in der Hand hält. Diesem Bild begegne ich oft. Gott ist für mich auch keine Wunschmaschine, die Gebetswünsche erfüllt oder alles auf der Welt gut macht. Gott ist für mich vergleichbar mit Liebe. Man spürt sie und sie verändert einen positiv. Man könnte sagen, ich glaube an den Gott, der im Mensch Jesus fassbar geworden ist.

Ich habe in der Sonntagsschule den Ich-kann-beten-und-dann-wird-alles-gut-Gott kennen gelernt. Gelingt es dir, Kindern und Jugendlichen ein differenzierteres Gottesbild zu vermitteln?

Ich versuche es. Aber dieser Sonntagsschulgott ist natürlich klarer und speziell für Kinder vermittelbarer. Geschichten aus dem Neuen Testament sind oft sehr aktuell und einfach mit einem Kinderleben zu verknüpfen. Ausserdem ist es ganz normal, dass Kinder einen weniger differenzierten Glauben, einen Kinderglauben, haben. Das ist die beste Voraussetzung, um sich als Jugendlicher oder später zu hinterfragen. Darf ich dazu mehr ausholen?

Gern.

In meiner Masterarbeit habe ich mich mit dem Philosophen Emmanuel Levinas auseinandergesetzt. Er hat im Zweiten Weltkrieg seine gesamte Familie verloren. Nach diesen Erlebnissen glaubte er auch nicht mehr an einen Gott, der auf der Welt zum Rechten schaut, Wunder tut und Gebete erhört und dann gezielt eingreift. Er sagte, dass ein Mensch nur zu einem echten Glauben finden kann, wenn er einmal Atheist war.

Das heisst, ich bin auf dem richtigen Weg?

(Lacht) Genau! Auf dem direkten Weg zu Gott quasi. Laut Levinas Schema startet man das Leben mit einem Kinderglauben und fällt dann in eine Phase des Atheismus, aus der sich ein differenzierter Glaube entwickeln kann.

Das heisst, du hattest auch mal eine Phase des Atheismus? Sonst hättest du ja noch einen Kinderglauben.

Die Phase hatte ich. Aber ich war immer interessiert an Glaubensthemen und gläubige Menschen haben mich fasziniert. Genau in dieser Zeit entschied ich mich dafür, Theologie zu studieren. Ich wollte mich mit meinen Glaubensfragen detailliert auseinandersetzen.

Was wolltest du früher werden?

(Lacht) Zuerst wollte ich Zahntante werden, weil mich diese grosse Zahnbürste und das grosse Gebiss faszinierten. Danach Serviertochter, weil ich es toll fand, wie Servicepersonal immer so in diesem Münzfach herumscharrte. Vor dem Schwenk zur Theologie wollte ich dann noch lange Zeit Lehrerin werden.

Apropos Münzfach: Als Pfarrerin der Landeskirche verdienst du vermutlich deutlich mehr als ein Pfarrer in einer Freikirche?

Das ist so. Nach einem sechsjährigen Studium kommt man beim Staat in eine relativ hohe Lohnklasse.

In unserer Kindheit gingen wir in die Evangelisch-Methodistische Kirche (EMK). Bist du wegen des Geldes zur Landeskirche?

Das war mir so was von egal! Das belastet mich eher. Ich finde es fast schon komisch, denn meine Tätigkeiten sind für mich grösstenteils Herzensangelegenheiten. Aber es ist schön, wenn man davon leben kann.

Bei der EMK würde es aber auch zum Leben reichen.

Für die Ausbildung der EMK hätte ich nach Deutschland studieren gehen müssen. Das konnte ich mir mit 20 überhaupt nicht vorstellen. Zudem hat man in freikirchlichen Kreisen oft gehört, dass man an der Uni seinen Glauben verliert. Genau das hat mich gereizt. Ich sagte mir, wenn mein Glaube der Uni nicht standhält, dann brauche ich ihn auch nicht. An der Uni kam ich dann vermehrt mit der Landeskirche in Berührung und merkte, dass ich dort ein viel spannenderes Publikum habe. Ein Publikum, das oft sehr kritisch eingestellt ist.

Wie hat sich für dich Weihnachten verändert, seit du Pfarrerin bist?

Es wurde schwierig, Zeit für die Familie zu finden. Weil Weihnachten für uns Pfarrpersonen Hochsaison bedeutet. Aber die Hochsaison ist natürlich wichtig. Weihnachten finde ich einen grossartigen Event. Nur schon die Aktualität und Brisanz, die in der Weihnachtsgeschichte stecken, faszinieren mich. Maria und Josef müssen mit ihrem Neugeborenen, Jesus, kurz nach der Geburt aus einem Stall, einer Notunterkunft, flüchten. Sie werden verfolgt, suchen in einem anderen Land Zuflucht. Lesen wir nicht genau Solches täglich in der Zeitung? Da sehe ich schon spannende Parallelen.

Was findest du besonders toll an Weihnachten?

Ich kann mich gut an die Zeit erinnern, in der ich etwa 20 war. Damals hat mich Weihnachten angewidert. Ich wollte rausgehen, weg von all diesem Pompösen, und mit Obdachlosen Weihnachten feiern. Jesus ist auch immer zu den Armen und Randständigen gegangen, nicht zu den Reichen.

Mit 20 Jahren . . . und heute?

Heute bin ich gespalten. Ich finde es toll, wenn Weihnachten eine Zeit für die Familie ist. Definitiv! Doch macht mich die Zeit auch nachdenklich. Denn viele Menschen haben nun mal keine Bilderbuchfamilie und für sie ist diese heile Zeit oft besonders schwierig. Doch genau für diese Menschen war Jesus immer da. Mir gefallen offene Weihnachtsfeiern besonders gut. In Spiez zum Beispiel laden wir von der Kirche jedes Jahr ein zu einer Weihnachtsfeier, an der jeder teilnehmen kann. Solche Feiern sind für mich mit am schönsten und am echtesten. Jesus ist auch oft in offenen Runden mit allerlei Leuten zusammengesessen und hat mit ihnen getrunken und gegessen. Deshalb wurde ihm auch nachgesagt, er sei ein Fresser und Säufer. So bin ich überzeugt, dass es in Gottes Sinne ist, wenn wir an Weihnachten gemeinsam fressen und saufen.

Weitere Familieninterviews finden Sie hier unter der Rubrik Leben.

Meistgesehen

Artboard 1