Seit ein paar Wochen sind Schweizerinnen und Schweizer neuen Strahlungsquellen ausgesetzt: Die ersten Antennen für das 5G-Netz, die neuste Mobilfunkgeneration, wurden im April in Betrieb genommen. Das geht manchen Bürgern viel zu schnell.

Die Einführung der neuen Technologie sei ein «gigantisches Experiment an Mensch, Tier und Pflanze», heisst es in einer Broschüre des Kollektivs «Stop 5G», das ein nationales 5G-Moratorium fordert. Gestern Mittwoch hat sich das Kollektiv mit seinen Anliegen an die Medien gewandt, morgen Freitag will es seinen Bedenken mit einer Kundgebung in Bern Nachdruck verleihen.

Das Kollektiv fordert, dass keine Grenzwerte erhöht werden und dass die 5G-Technologie gestoppt wird, bis unabhängige wissenschaftliche Studien die Unbedenklichkeit nachweisen. Die Ängste richten sich hauptsächlich auf die menschliche Gesundheit.

Von Kritikern werden Symptome und Krankheiten von Kopfschmerzen über ADHS bis hin zu Diabetes und Krebs mit Mobilfunkstrahlung in Verbindung gebracht. Auf der anderen Seite haben in den vergangenen Monaten verschiedene Experten für Strahlenschutz moniert, eine Gesundheitsschädigung durch Mobilfunkstrahlung sei äusserst unwahrscheinlich.

Was sind Fakten, was sind Mythen? Und welche Fragen sind ungeklärt? Eine Übersicht.

1. Erhöht sich mit der 5G-Technologie unsere Strahlenbelastung?

Unklar. Einerseits überträgt das 5G-Netz Daten effizienter als ältere Technologien. Dieselbe Datenmenge kann also mit weniger Strahlung übertragen werden. Anderseits werden dank des schnelleren Netzes auch neue Anwendungen möglich, die den Datenverkehr erhöhen. Insgesamt wird dieser Effekt denjenigen der Effizienz wohl bald übertreffen. Allerdings lassen sich die bisherigen Strahlenbelastungen ohnehin nicht direkt mit den künftigen vergleichen. Unter anderem sollen mit dem 5G-Netz auch höhere Frequenzen genutzt werden, und diese wirken sich anders auf den Körper aus als die bisher genutzten (siehe Fragen 5 und 6).

2. Werden für die Einführung des 5G-Netzes die Strahlungsgrenzwerte erhöht?

Jein. Im Prinzip sind die Grenzwerte des Strahlenschutzes allgemeinverbindlich, und eine Lockerung wurde vom Ständerat bereits zweimal abgelehnt. Nun will aber der Bundesrat für einen neuen Antennentyp, der mit 5G zum Einsatz kommt, die Regelung aufweichen. Diese sogenannten adaptiven Antennen strahlen gezielt in Richtung des aktiven Mobilfunknutzers, während die Umgebung weniger stark bestrahlt wird. Für diesen Antennentyp sollen mit einer Verordnung, die am 1. Juni in Kraft tritt, höhere maximale Strahlungen zugelassen werden. Noch ist aber nicht festgelegt, wie die Strahlenbelastung in solchen Fällen gemessen werden soll.

3. Braucht es für 5G zusätzliche Handyantennen?

Ja. Zwar können die bestehenden aufgerüstet werden. Doch um die ganze Schweiz zu versorgen, müssten dabei die Strahlengrenzwerte aufgeweicht werden. Durch zusätzliche Antennen können hingegen die Strahlungswerte niedrig gehalten werden. Hinzu kommt, dass die höheren Frequenzen, deren Nutzung für die Zukunft vorgesehen ist, geringere Reichweiten haben.

4. Was bringt uns das 5G-Netz?

Mit der neuen Technologie können mehr Daten in weniger Zeit übertragen werden. Das Herunterladen eines Spielfilms in hoher Auflösung soll nur noch Sekunden dauern. Die 5G-Technologie soll aber auch das Internet der Dinge ermöglichen, also die Vernetzung alltäglicher Gegenstände wie Kühlschränke und andere Haushaltgeräte. Auch industrielle Anwendungen sind vorgesehen, etwa die Vernetzung von Transportcontainern. Eine weitere Stärke des 5G-Netzes ist die schnelle Reaktionszeit. Diese ist beispielsweise für autonome Autos entscheidend, die innert Sekundenbruchteilen auf veränderte Verkehrssituationen reagieren müssen.

5. Löst Mobilfunkstrahlung Krebs aus?

Unklar. Die Weltgesundheitsorganisation hat die Strahlung 2011 als «möglicherweise krebserregend» eingestuft. Im Fokus stehen Hirntumoren, da sich das Handy beim Telefonieren oft am Kopf befindet. Tatsächlich zeigen Statistiken eine Zunahme bösartiger Hirntumoren seit der Einführung von Mobiltelefonen. Doch erstens ist nicht klar, ob tatsächlich die Tumoren häufiger geworden sind oder ob sie nur rascher erkannt werden. Zweitens: Falls es sich um eine tatsächliche Zunahme handelt, ist unklar, ob sie von Mobilfunkstrahlung hervorgerufen wird. Die geografische Verteilung stimmt nicht mit der Handynutzung überein, was auf andere Ursachen hindeutet. Auch zeigt sich kein Zusammenhang mit der Kopfseite, auf der das Handy beim Telefonieren gehalten wird. Mit der 5G-Technologie könnte sich das Risiko tendenziell verringern, da Strahlung mit höheren Frequenzen genutzt werden soll, die weniger tief ins Gewebe eindringt.

6. Ist Mobilfunkstrahlung schädlich für die Haut?

Nein. Bis jetzt sind keine derartigen Probleme bekannt. Die höheren Frequenzen, die künftig genutzt werden sollen, werden aber stärker von der Haut absorbiert als die bisherigen. Ob das Hautirritationen auslösen kann, wurde noch nicht untersucht.

7. Gibt es überhaupt gesicherte Auswirkungen von Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper?

Ja. Beim mobilen Telefonieren wärmt sich das Hirn geringfügig auf. Dieser Effekt wurde bislang aber nicht mit gesundheitlichen Problemen in Verbindung gebracht.

8. Sind negative langfristige Auswirkungen der Handynutzung auf den Menschen bekannt?

Ja. Am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut wurde dazu eine Studie mit 700 Schülerinnen und Schülern aus der Schweiz durchgeführt. Es zeigte sich, dass Jugendliche, die einer hohen Strahlenbelastung ausgesetzt waren, ein schlechteres Gedächtnis hatten. Besonders betroffen war jeweils ein Hirnbereich in der Nähe jenes Ohres, an dem die Jugendlichen ihr Handy beim Telefonieren hielten.

9. Gibt es elektrosensible Menschen?

Unklar. Das Kollektiv «Stop 5G» hat an der gestrigen Medienkonferenz von 800 000 elektrosensiblen Personen in der Schweiz gesprochen – betroffen wäre also jede und jeder Zehnte. In Studien zeigte sich jedoch, dass die Erwartungshaltung bei dieser Frage eine grosse Rolle spielt. In diversen sogenannt doppelblinden Studien – wo die Beteiligten nicht wussten, welche Versuchspersonen tatsächlich Strahlung ausgesetzt waren – konnte die Elektrosensibilität nicht nachgewiesen werden. Für viele Beschwerden ist vermutlich also nicht die Strahlung, sondern die Angst davor verantwortlich.

10. Kann ich mich schützen, ohne mich zurückzuziehen?

Ja. Der grösste Teil der Strahlenbelastung kommt nicht von den Antennen, sondern vom eigenen Smartphone. Sie ist umso stärker, je näher das Gerät am Kopf ist und je schlechter der Empfang ist. Wer auf Nummer sicher gehen will, telefoniert deshalb mit Freisprecheinrichtung oder Lautsprecherfunktion und vermeidet die Nutzung des Geräts bei schlechtem Empfang – etwa im Auto oder im Zug.