Mister Bond, sind Sie ein Sexist?

James Bond: Darauf antworte ich, sobald ich mehr weiss.

Was heisst «mehr»?

Definieren Sie Sexist, und Sie bekommen eine Antwort.

Ein Sexist ist alles, was Sie verkörpern: Zynismus, ein Leben als Poker, egal ob mit Menschen, Politik oder Würfeln, das Gefühl der Unverwundbarkeit, das Gefühl, ein Mann müsse vor allem handeln, und sei es töten, die Selbstherrlichkeit oder Einsamkeit …

(Hebt die Braue, lächelnd) Und den Sex im Sexisten? Unterschlagen Sie den jetzt, oder haben Sie ihn vergessen?

Ihre albernen Sprüche vergessen die Leute nicht mehr, wenn Sie mal Sex haben.

Hören Sie, ich bin Engländer. Franzosen labern im Bett ohne Ende.

Im Film «Die Welt ist nicht genug» (1999) sagen Sie zu Christmas Jones: «Ich habe mich getäuscht in dir.» Darauf sagt Christmas: «Ja, und wieso denn das?» Da antworten Sie …

«Ich dachte, Christmas käme nur einmal im Jahr» – klar, ich erinnere mich. Sie machen mich im Ernst dafür verantwortlich, welche Namen die Bond-Girls haben?

Was hat Süffisanz mit Namen zu tun?

Namen verraten ein Muster – das werde ich Ihnen gleich erläutern. Zunächst aber müssen wir eins klarstellen: Als Tagesjournalist gehören Sie einer Spezies an, die verwandt ist mit der Eintagsfliege. Sie halten sich in einem Milieu auf, das Ihnen vorkommt wie Wind, der grosse Atem der Zeit.

In Tat und Wahrheit ist es ein Hauch, ein Luftzug der Tageswitterung. Ich bin ein Dinosaurier, der seit sechzig Jahren lebt. Der auf allen Kanälen zu jeder Saison durchmarschiert und alle Quoten bricht. Bond lebte nicht bloss zweimal. Sechs Typen haben mich bisher verkörpert. Nächstes Jahr komme ich zum 25. Mal neu auf die Leinwand. Und bleibe immer gleich alt.

Und warten wieder mit faulen Sprüchen auf wie 1974. Da sagten Sie, als «Mann mit dem goldenen Colt» zu einer Miss Anders …

«Ich habe Sie gar nicht erkannt, Miss Anders, ohne Ihre Kleider an» – klar, erinnere mich. Sie erwarten hoffentlich nicht von einem Agenten des MI6, der keinen Kalten Krieger fürchtete, der Männern mit Magnet-Stahlzähnen aufs Maul schlug, dass ich heute die Hosen voll hätte wegen eines Cocktailflirts.

Eben – Liebe ist für Sie blosser Cocktail, geschüttelt, sicher nie gerührt.

Vorsicht, jetzt fangen auch Sie an mit Kalauern. Sie vergessen, dass James Bond einmal geliebt hatte, dass er verheiratet war.

1969, «Im Geheimdienst Ihrer Majestät».

Herz und Empathie – sehen Sie? «Ein moderner Mann», schreibt die Tagespresse heute, fünfzig Jahre danach. Damals wurde ich gespielt von George Lazenby. Lazenby spielte mich nur einmal. James Bond – verliebt und verheiratet (schüttelt den Kopf) … und Lazenby ist der einzige Bond-Schauspieler, der wirklich vergessen ist. Dünkt mich nur logisch.

Sie meinen, Sie müssen frauenfeindlich sein, um erfolgreich weiterzumachen, um überhaupt am Leben zu bleiben?

Hören Sie auf mit solchen Vorhaltungen aus dem Kindergarten! Frauenfeindlich – wie läppisch. Erinnern Sie sich, was ich 2006 zu Vesper Lynd gesagt hatte, in «Casino Royale»?

Sie sagten, Vesper Lynd sei nicht Ihr Typ. Darauf fragte sie, ob es wegen ihres Hirns sei?

Wegen ihres «halben Hirns», um genau zu sein. Bond-Girls hatten immer Grips. Die waren ständig hellwach, mussten es auch sein: als feindliche oder freundliche Agentinnen, wenn sie eine Information von mir wollten im Bett oder umgekehrt.

Noch mehr als Freundin von Bösewichten, die Sympathien für mich hegten, was augenblicklich Lebensgefahr bedeutete. Da schaltet keine Seite den Kopf aus, nur weil man Sex hat. Das war bei den ersten Bondfilmen fast der wichtigste Kick beim damaligen Publikum: wie cool Mann und Frau Sex haben konnten. Wie casual, frei von Lametta, wie elegant.

Dafür bewunderte Sie nicht zuletzt Hugh Hefner, der Gründer des «Playboy». Ihm schwebte ein solcher Männertyp als Ideal vor.

Ach mein alter Freund Hugh … Der jetzt in ewiger Nacht neben Marilyn Monroe liegen kann. Auch eine Frau, die heute zum Dummchen gestempelt wird, obwohl sie alles andere als ein Dummchen war. Man achte doch mal genauer auf die Dialoge zwischen Mann und Frau in den Klassefilmen der späten fünfziger und sechziger Jahre.

Das hatte Pfiff, Glanz, Witz, das hatte trotz Tempo eine unerhörte Geschliffenheit. Frau und Mann gingen intellektuell absolut ebenbürtig miteinander um. In der Kleidung unterschieden sie sich gewaltig. Hier der Planet Mann, dort der Planet Frau, erkennbar auf ersten Blick – und dazwischen nichts als das schwarze Loch von Abstossung oder Anziehungskraft.

Ich sage nicht: Das damals war die wahre Genderrealität. Ein Agent weiss, wo der Schurke sitzt und welches die Guten sind. Die Genderwahrheit kennt er nicht. Dafür sind Küchenpsychologen zuständig wie Sie, gewiss nicht der MI6.

Sie lenken ab. Vesper Lynd hatte Sie gefragt, ob Sie ihr Hirn fürchten?

Natürlich nicht. Ich sagte zu Vesper, sie sei nicht mein Typ, weil sie Single war. Jedermann weiss, wie viel pfeffriger eine Affäre ist mit einer liierten Frau. Am würzigsten natürlich mit der Frau des Bösewichts.

Immerhin hatten Bond-Girls endlich vernünftige Namen bekommen von den Drehbuchschreibern – nun komme ich darauf zurück: Früher waren die Namen unwahrscheinlich, um nicht zu sagen idiotisch. Etwa Pussy Galore in «Goldfinger». Xenia Onatopp in «Golden Eye». Oder Holly Goodhead in «Moonraker». Sonst änderte sich im Grunde nichts.

Das macht man Ihnen ja gerade zum Vorwurf, dass sie als 007 weiter an einem überholten Männerbild festhalten.

Jeder Einzelne, auch jede Einzelne soll sich fragen: Wer hält am Ende wirklich an Bildern fest? Das Publikum strömt in jeden neuen Bond-Film und erwartet gar nicht, den alten Pappenheimer plötzlich zeitgemäss handeln und sprechen zu sehen. Das Publikum will den ewigen James Bond haben.

Die Mauer ist weggefallen, die Atombombe mit dem roten Stern muss nicht mehr entschärft werden. Neue Bösewichte und Verschwörungen bringen neue Bedrohungen. Aber 007 soll die neue Welt nach wie vor nach alter Fasson retten.

Mit dem gleichen chauvinistischen Grinsen?

Was die Leute in ihrem Tagesdampf nicht kapieren, weil sie nur immer den Tag wichtig nehmen, ist Folgendes: Im Film, in Romanen, in Erzählungen geht es nicht um freundliche Gepflogenheiten, es geht um Muster.

Muster machen sich einzelne Figuren zunutze, um sich zu tradieren. Muster sind möglicherweise die zäheren Lebewesen als Menschen. Vielleicht gilt das nicht mal nur für den Film, sogar fürs Leben. Das mögen Sie, als nicht fiktive Figur, besser beurteilen.

Vom Leben her gesehen, kann es sicher nicht angehen, Muster sakrosankt für alle Zeiten zu übernehmen. Ohne sie auch verändern zu wollen.

Man darf ihre Stärke aber auch nicht unterschätzen. Das Bond-Muster kann man kulturell fast beliebig, wenn Sie wollen beinahe maschinell reproduzieren. Es funktioniert einfach. Seit 1970 verspricht man, James-Bond-Filme zu revolutionieren. Und tut das Gegenteil bis Sankt Nimmerlein.

Die Menükarte für den Plot steht geschrieben: Girls, Gadgets, Gewalt und exotische Schauplätze. Bond-Girls haben wenig zu husten, ja. Aber nicht in Bezug auf mich, den Chauvinisten, sondern in Bezug auf das Display von 007. Selbst eine eigenständige starke Spionin wie Halle Berry als Jinx in «Stirb an einem anderen Tag» musste sich von mir retten lassen, als ein Laser auf ihre kirschenäugige Schönheit zielte. Die Bond-Girls halten das Publikum an Bord und treiben den meist wirren Plot voran. Das sind die Gesetze des Musters.

Die Hoffnung sollte doch dahin gehen, dass man Muster allmählich ändert, was sich zu guter Letzt dann eventuell niederschlägt in den Köpfen.

In den Köpfen vielleicht, nicht bei James Bond. Da schalten die Leute ungerührt wieder um ins Muster. Das Muster des smarten Action-Spions ist dermassen kristallin, so zeitlos gültig, dass es problemlos auch ausserhalb des Systems «James Bond» mit Erfolg angewendet und erweitert werden konnte.

Es gibt inzwischen zahllose weibliche Action-Heldinnen, die jeden Bösewicht zur Strecke bringen und weit besser schiessen als ich. Es wird darum auch keine Revolution bedeuten, sollte Bond bald eine weibliche Agentin sein. Sie dürfte kaum anders ins Bett gehen mit Mitstreitern oder Gegenspielerinnen, als dies eine Agentin im Dienst der Krone halt tun kann.

Nämlich ohne dass für die Sache der Frau oder für den Mann irgendetwas Neues oder Wahrhaftigeres gewonnen wäre. Noch einmal: Die Matrix des James-Bond-Stoffes ist kein Gender-Geheimschlüssel, sondern bloss ein ziemlich verlässliches Narrativ. Wollen Mann und Frau zurande kommen miteinander, sollten sie das vielleicht besser versuchen, ohne auf Filme zu schielen.

Man kann also keinen James-Bond-Film säubern von Ihnen, selbst wenn man Sie herausschneiden würde, wie man das mit Sexisten heute zu tun pflegt?

In meiner fiktiven Welt ist das schon mal ein Quantum Trost.