Familieninterview

«Dinosaurier wie wir wissen, was im Hotel passiert»

Kommunikation via über Skype oder per Handy: So bleibt Roman Seiler auf dem Laufenden, wie sein Bruder Felix im kanadischen Grande Prairie gerade drauf ist.

Kommunikation via über Skype oder per Handy: So bleibt Roman Seiler auf dem Laufenden, wie sein Bruder Felix im kanadischen Grande Prairie gerade drauf ist.

Felix Seiler war die Schweiz stets zu klein. Nach Jahren auf Kreuzfahrtschiffen landete der einstige Konditor als Hotelier in Kanada. Heute leitet der Dietiker in Halifax ein Immobilienunternehmen, das in Nordamerika 36 Hotels betreibt.

In Kontakt bleibe ich mit meinem Bruder Felix Seiler (55) weitgehend per Telefon. Er lebt seit dem Abschluss seiner Lehre als Konditor in Zürich fast ausschliesslich im Ausland. Ein mal pro Jahr sehen wir uns - meist in der Schweiz. Seine zweite Heimat ist Kanada: Für das Interview erreiche ich ihn in seinem Haus in Grande Prairie in der Provinz Alberta. Die letzten Details klären wir, als er sich gerade am Hauptsitz seines Arbeitgebers an der Atlantikküste in Halifax befindet. Er leitet als operativer Chef eine Hotelgesellschaft.

Felix, weshalb ist es attraktiver im bis zu minus 40 Grad kalten Grande Prairie zu leben als in der lebenswertesten Stadt der Welt, in Zürich?

Felix Seiler: Wegen meiner Familie. Wir zügelten nach Grande Prairie, weil ich hier zwei Hotels meines heutigen Arbeitgebers führen konnte. Die Stadt boomte. Zuvor wohnten wir in Jasper, mitten in einem gigantischen Naturpark in den Rocky Mountains.

Abends spazieren dort Hirsche durchs Dorf. Jasper riecht nach Wildem Westen. Grande Prairie ist geprägt von der Kreuzung zweier vierspuriger Strassen. Endlos fährt man an Diners, Tankstellen und anderen Gewerbebetrieben vorbei. Warum boomt die Stadt?

In unserer Region wird nicht nur Öl, sondern vor allem auch Gas gefördert. Und wie du sagst: Grande Prairie ist ein Knotenpunkt. Die Leute kommen aus dem Norden, um hier einzukaufen. Wir haben viele Läden. Daneben gibt es Landwirtschaft. Halt von allem etwas.

Davon profitiert das Gastgewerbe?

Selbstverständlich. Als ich 2003 nach Grande Prairie kam, zählte die Stadt 29 000 Einwohner. Heute sind es 55 000. Daher braucht es nur schon um die nötige Infrastruktur zu bauen, enorm viele Büezer. Momentan entsteht hier für eine Milliarde kanadischer Dollar ein neues Regionalspital. Viele Leute, die im Rohstoffgeschäft tätig sind, oder für Infrastrukturprojekte arbeiten, übernachten in unseren vier Hotels. Insgesamt befinden sich zehn in der Provinz Alberta. Mit ihnen erwirtschaften wir 35 Prozent des gesamten Gewinns der Firma. Da ich diese Hotels immer wieder besuchen muss, kann ich auch hier wohnen.

Wenn du in Halifax leben würdest, müsstest du weniger reisen. Der Flug dauert jeweils acht bis neun Stunden. Zudem musst du die Hotels der Firma abklappern. Wie viele Kilometer bist du dieses Jahr geflogen?

240 000. Flugzeuge sind mein Büro.

Warum tust du dir das an?

In Halifax habe ich eine Wohnung. Meine Frau führt in Grande Prairie eine sehr gut laufende Dentalpraxis. Für sie ist es unmöglich wegzuziehen. Ich will auch nicht, dass sie ihr Geschäft aufgibt. Die Kinder stammen aus meiner ersten Ehe. Die Tochter besucht in Grande Prairie die Uni und bildet sich zur Krankenschwester aus. Mein Sohn studiert Sport in Edmonton. Er kommt wahrscheinlich 2015 wieder nach Grande Prairie zurück. Es ist schön, die Kinder in der Nähe zu haben.

Aber stinkt es dir nicht ab und zu, stets unterwegs zu sein? Weg von der Familie?

Am Ende des Tages gehört das halt zum Job, zwei Wochen pro Monat unterwegs zu sein. Manchmal wäre es schon schöner, zu Hause zu sein. Die Kinder haben sich daran gewöhnt. Meine heutige Frau wusste, auf was sie sich einlässt. Ab und zu fragt sie schon: «Musst du wieder fort?» Da sie ihr eigener Chef ist, kann sie ein paar Mal pro Jahr mit mir nach Halifax kommen.

Wie kam es dazu, dass du 2011 zum operativen Chef dieser Immobilienfirma befördert worden bist?

Ich lernte den Hauptaktionär kennen, weil ich als Manager in Hotels seiner Firma leitete. Er fragte mich an, ob ich Holloway Lodging operativ führen wolle.

Weil du für eine börsenkotierte Firma arbeitest, wird dein Lohn publiziert. 2013 waren es rund 190 000 Franken. Guckt dein Umfeld nach, was du verdienst?

Zeitungen in der Provinz Nova Scotia, wo sich der Hauptsitz befindet, publizieren die Zahlen. Thematisiert wurde auch, dass ich wie andere Manager einen Teil meiner Optionen verkauft habe. Der Wert unserer Aktien verdoppelte sich in diesem Jahr. Auf solche Artikel sprechen mich Angestellte oder Kollegen schon an.

Warum ist es spannender als Finanzmanager zu arbeiten als ein Hotel zu führen?

In meinem Alter bin ich froh, das nicht mehr tun zu müssen. Wir haben im Westen Kanadas einen fürchterlichen Mangel an Arbeitskräften. Als Hotelier weisst du am Morgen nie, ob du genug Leute hast, um den Betrieb am Laufen zu halten. Oft muss der Chef selber Zimmer putzen, in der Küche oder im Service aushelfen. Das vermisse ich nicht. Was ich vermisse, ist der Kontakt mit den Kunden.

Dafür stresst die Reiserei. Wie lange willst du diesen Job noch machen?

Spätestens mit 60 ist Schluss. Dank meinem heutigen Netzwerk und meinem Know-how werde ich danach wohl als Berater tätig sein.

Nach der Lehre als Konditor absolviertest du auch die Hotelfachschule. Hattest du nie ein Angebot, ein Schweizer Hotel zu führen?

Nach der Schule schon. Aber ich hatte halt Reisefieber und wollte ins Ausland.

Hättest du diese Karriere auch in der Schweiz geschafft?

Kaum. Ich und andere meiner europäischen Kollegen gelten in Kanada als Ausnahmetalente. Dank unserer Lehre können wir noch kochen, servieren oder putzen. Dinosaurier wie wir wissen, was im Hotel passiert. Daher haben wir in Nordamerika bessere Aufstiegschancen.

Was können die Einheimischen?

Die besuchen anfangs 20 eine Hotelfachschule. Theoretisch sind die gut. Aber wenn die mit dem Staubsauer rumfurzen oder bei einem Bankett im Service einspringen müssen, sind sie rasch überfordert. In einem Hotel arbeiten mehr als 20 verschiedene Berufsleute, vom Spengler über Rezeptionisten bis zum Koch oder Kellner. Was man tun muss, damit die alle zusammenspielen, wissen in Nordamerika nicht viele.

Vermisst du nicht, wieder mal was ganz Konkretes zu machen? Eben süsse Träume herzustellen?

Das erlebe ich, wenn ich für die Familie oder Freunde koche oder backe. Auch die heutige Arbeit macht Spass. Beispielsweise freue ich mich darüber, wenn die Resultate stimmen. Oder wenn ich sehe, dass Kunden unsere Hotels auf Tripadvisor gut bewerten.

Was machst du, wenn die Kritiken schlecht sind?

Dann orientiere ich den dafür zuständigen Regionalmanager. Die müssen reagieren und dafür sorgen, dass vor Ort alles funktioniert. Die führen die Hotelmanager. Ich gehe lieber in die Hotels, wenn es darum geht, zu investieren. Das Schlimmste für mich ist, jemanden zum Teufel schicken zu müssen. Ich hoffe ja selbst, dass mir das nicht passiert. Wichtig ist mir, dass unsere Angestellten einen anständigen Lohn erhalten, zufrieden sind, und Chancen erhalten, selbst Karriere zu machen.

Du gingst 1980 erstmals nach Kanada. Als Patissier ins frisch eröffnete Luxusrestaurant «Le Beaujolais» in Banff in den Rocky Mountains. Warum Kanada?

Ich wäre auch in die USA gegangen. Aber der Schweizer Albert Moser holte mich nach Banff. Er führt das Restaurant heute noch. Mir gefällt es hier einfach. Kanada ist meine zweite Heimat.

Aus welchem Grund?

Hier erhält man ab 200 000 Franken ein Haus. Das geht in der Schweiz nicht. Ich kann mir mit einer halben Million ein Haus mit einer Wohnfläche von 230 Quadratmetern und einer halben Hektare Land leisten. Es gibt weniger Auflagen, es ist freier. Wenn ich mal mit meinem Snowmobile die Strasse runterfräse, teilt mir die Polizei nicht sofort mit, dass das verboten ist. Kein Nachbar meckert, wenn ich am Sonntag den Rasen mähe oder im Garten Wäsche aufhänge. Aber eigentlich kann ich gar nicht genau sagen, was den Unterschied zur Schweiz ausmacht. Dafür bin ich zu lange weg.

Trotzdem hast du keinen kanadischen Pass.

Vor acht Jahren füllte ich mal die Formulare aus. Aber offenbar nicht präzis genug. Danach liess ich es sein. Dafür stimme ich noch jedes Mal ab, wenn bei euch Urnengänge anstehen.

Kehrst du je in die Schweiz zurück?

Vielleicht nach der Pensionierung. Letztlich weiss ich nicht, ob ich in der Schweiz leben könnte. Ich habe mich an den kanadischen Way of Life gewöhnt.

Deine Schweizer Verwandtschaft siehst du in der Regel ein Mal pro Jahr. Kein Problem für dich?

Als ich Kinder hatte, war dies das Schwierigste. Wir sahen unsere Eltern selten. Die Kinder hatten dennoch ein gutes Verhältnis zu ihren Grosseltern in der Schweiz. Sie wiederum vermissten die Enkel, weil ihr keine hattet. Wir hatten hier in Kanada keine Verwandte, weil meine erste Frau aus Kalifornien stammt. Neben dem Emotionalen gab es auch ganz praktische Probleme.

Wie bitte?

Wollten wir in den Ausgang, hatten wir keine Verwandten, die wir als Babysitter einspannen konnten. Ich sehe erst jetzt, wie es ist, Verwandte um mich herum zu haben. Im Gegensatz zu unseren Eltern leben die meiner zweiten Frau noch. Sie hat auch drei Kinder. Es ist spannend zu beobachten, wie eine solche Familie funktioniert.

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