Fumiyoshi Nagao nimmt Anlauf und springt auf die Schüssel mit der Chanko-Nabe-Suppe. Nichts platscht heraus. Der Sumoringer-Eintopf, den er nun laut lachend in die Luft hält, ist aus Kunststoff – so wie die Spiegeleier, Biere, Makis und all die anderen Kulinar-Replika, die er in seinem Kelleratelier in einem Vorort Tokios herstellt.

In Nagaos kleinem Reich riecht es trotz all der Köstlichkeiten nach Farbe und nicht nach Essen. Ein Teller voller Würstchen liegt zwischen Farben und Pinseln. Lösungsmittel stehen neben einem Dutzend Spiegeleiern und den sieben Bier, die gerade erst fertig geworden und mit Frischhaltefolie zugedeckt sind. Die Arbeitsfläche mit zahllosen Messern und Scheren ist umzingelt von Regalen, die vollgestopft sind mit Plastik-Lebensmitteln.

Die unverdaulichen Food-Doppelgänger sind in Japan ein fester Bestandteil der Kultur. Mittlerweile haben sich die Plastikkopien sogar zum beliebten Souvenir entwickelt: In der Kappabashi- Strasse in Tokios Kitchen Town gibt es neben Küchenutensilien auch Geschäfte speziell für Mitbringselessen wie Sushi-Schlüsselanhänger.

«Plastikreplika sind notwendig», sagt Nagao, als er den Blick durch sein Atelier schweifen lässt. «Jedes Restaurant hat sein Showfenster und wenn man nur durch das Menü blättert, weiss man ja nicht, wie das Essen später aussieht.» Mit Plastikessen wisse man, was auf den Tisch komme.

In seinen Anfangsjahren verwendete Nagao dafür noch Paraffin – genauso wie es immer gemacht wurde, seit es mit den ganzen kulinarischen Doppelgängern losging. «Das war vor 80, 90 Jahren», berichtet der Mittsechziger. Doch wie lange hält so ein Modell aus Wachs? Vielleicht ein paar Jahre, und auch nur, wenn man es nicht anfasst, fallen lässt und die Temperatur stimmt. Wenn es zu heiss ist, bleicht es aus und wird weich. Daher brach vor 40 Jahren ein anderes Zeitalter in der Sample-Welt an: Polyvinylchlorid, kurz PVC, setzte sich durch. Erst nur für besonders empfindliche Stücke wie Salat und Spaghetti, später dann für alle anderen Essen.

Bekommt Nagao einen neuen Auftrag, holt er im Restaurant die Gerichte ab, die er nachbauen soll. Vorsichtig jongliert er die Platten mit den essbaren Vorlagen in sein Atelier und stellt von jedem Teil auf dem Teller einen Abdruck her. Ein Hühnerschenkel etwa kommt erst in eine kleine Box und wird dann mit flüssigem Silikon ausgegossen. Nicht immer fängt er von null an: Seine Schubladen sind voll mit Förmchen.

Nagao ist ein Perfektionist, der sich aber trotz der teilweise filigranen künstlerischen Detailarbeit in erster Linie als Handwerker sieht. Wenn er ein Spiegelei auf einem Reis-Bett herstellt, muss jedes Reiskorn sitzen und wird mit einer Pinzette an die richtige Stelle im Schälchen gesetzt. Er sagt: «Mein Ziel ist, dass das Essen besser aussieht als das echte, weil es ja die Kunden in die Restaurants locken soll!»