Paul Kammerer

Dieser Starbiologe gilt als einer der grössten Wissenschaftsfälscher

Paul Kammerer (1880–1926) – irrender Biologe oder Fälscher?

Paul Kammerer (1880–1926) – irrender Biologe oder Fälscher?

Der Wiener Starbiologe scheuchte Geburtshelferkröten ins Wasser, aber malte er sie auch an?

Zwar hat Arthur Koestler, selbst als Autor und Mensch nicht unumstritten, 1971 versucht, in seinem Buch «Der Krötenküsser» den österreichischen Biologen Paul Kammerer vom Vorwurf der Fälschung zu entlasten. Das Buch war recht erfolgreich. Trotzdem blieb Kammerer in der Liga der grossen Wissenschaftsfälscher. Vergleichbar mit dem «Piltdown-Menschen», als der Zahnarzt Charles Dawson 1912 behauptete, er habe das «missing link», das evolutionäre Bindeglied zwischen Affe und Mensch, gefunden. Der «Piltdown-Mensch» war eine wissenschaftliche Sensation ersten Ranges, obwohl viele Fachleute schon damals skeptisch waren. Jetzt ist ziemlich sicher, dass Dawson den Unterkiefer und einen Zahn eines Orang-Utans mit einem menschlichen Schädeldach aus dem Mittelalter zu einem Fossil «zusammengebastelt» und künstlich «alt» gemacht hat.

Kammerer wird und wurde vorgeworfen, er habe die Hand einer Geburtshelferkröte mit Tusche manipuliert, um «Brunftschwielen» vorzutäuschen. Geburtshelferkröten paaren sich an Land. Andere Kröten paaren sich im Wasser. Damit das Männchen nicht vom Rücken des Weibchens abrutscht, haben diese Arten an den Vorderextremitäten Hautverdickungen entwickelt, ebendiese «Schwielen». Geburtshelferkröten brauchen sie nicht und haben sie nicht (mehr).

Kammerer war überzeugter Darwinist, gleichzeitig aber glaubte er daran, dass sich im Lauf der Stammesgeschichte erworbene Eigenschaften und Verhaltensformen auch vererben würden. An der Geburtshelferkröte wollte er das experimentell nachweisen. Er hielt die Kröten in Terrarien mit erhöhter Temperatur und zwang sie so, ins Wasser zu gehen. Die Kröten taten das und paarten sich wie ihre Artgenossen im Wasser. Anscheinend hatten sie damit trotz mangelhafter Ausstattung einigermassen Erfolg. Denn Kammerer konstatierte, dass sich bereits in der vierten Generation an den Händen der Männchen Ansätze zu Brunftschwielen zeigten.

Hinterhände werden zu Füssen

Das war damals eine echte Sensation. Die Mehrheit der Biologen dachte zwar in Darwins Gleisen, hielt aber nichts von der Theorie, die Jean-Baptiste de Lamarck (1744–1829) zu Beginn des 19. Jahrhunderts – also weit vor Darwin – aufgestellt hatte. Auch er dachte über die Verschiedenheit der Lebewesen nach und erklärte den Unterschied zwischen Mensch und Affe dadurch, dass der Affenmensch von den Bäumen herunterstieg und sich danach auf dem Boden bewegte. Das geht besser auf zwei Beinen. Die Füsse hätten deshalb ihren Handcharakter – besonders den Daumen – verloren und sich der neuen Bewegungsform angepasst. Dass anderes Verhalten zu veränderten körperlichen Merkmalen der Organismen führt und diese sich vererben, heisst seither «Lamarckismus».

Durch das Konzept der «Selektion» und der «natürlichen Zuchtwahl» hatte Darwin dem Ansatz von Lamarck eine überzeugendere Erklärung entgegengestellt. Mutationen – weder Lamarck, noch Darwin, noch Kammerer hatten eine Ahnung von Genetik – treten spontan und zufällig auf. Die Arten verändern sich dadurch, dass auf lange Sicht diejenigen Exemplare mehr Nachkommen produzieren können, die sich den äusseren Bedingungen besser angepasst haben. «The survival of the fittest».

Feuersalamander auf gelbem Boden werden gelber, auf dunklem Boden eher schwarz – auf lange Sicht. Das glaubte wenigstens Paul Kammerer.

Feuersalamander auf gelbem Boden werden gelber, auf dunklem Boden eher schwarz – auf lange Sicht. Das glaubte wenigstens Paul Kammerer.

Wie funktioniert Vererbung?

Je mehr man sich ein Bild davon machen konnte, wie Vererbung funktioniert, desto schlechter sah es aus für den Lamarckismus. Thomas Hunt Morgan experimentierte bereits vor dem Ersten Weltkrieg mit den berühmten Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster). Die Insekten vermehren sich schnell, in wenigen Tagen kann man bereits Generationen beobachten. Sie scheinen auch äusserst «mutationsfreudig» zu sein. Morgan kreuzte Mutanten (stummelflüglige Exemplare zum Beispiel) miteinander, sein Buch trug den Titel «The Mechanism of Mendelian Heredity» (1915). Mendel war jener Mönch, der Mitte des 19. Jahrhunderts rote mit weissen Erbsen kreuzte. Morgan und Kollegen glaubten, zeigen zu können, was dem Vorgang der Vererbung zugrunde liegt.

Die Unterscheidung zwischen Keim- und Körperzellen kannte man. Auch Begriffe wie Gene und Chromosomen waren da, auch wenn man noch nicht wusste, wie das biochemisch vor sich ging. Aber dass von aussen induzierte Veränderungen in den Körperzellen auf irgendeine Weise die Erbinformation in den Keimzellen beeinflussen könnten, das schien nicht recht denkbar.

In den 1950er-Jahren hatten Watson und Crick in England die geniale Idee der DNA-Doppelhelix. Der Eindruck, dass vom Genom (der Gesamtheit der Erbinformation) zum Organismus eine Einbahnbewegung stattfinde, wurdeüberwältigend. Mittlerweile scheint man wieder ein bisschen in die Kammerer-Zeiten zurückgekehrt zu sein. Die Beziehung zwischen Genom und Umwelt ist weit komplexer. Offenbar lösen Umweltbedingungen mindestens das Ein- oder Ausschalten gewisser Gene aus. Dass hier gewisse Dinge auch vererbt werden, hat eine gewisse Evidenz. Kinder, deren Grossväter längere Hungerzeiten durchmachen mussten, werden offenbar eher übergewichtig. Ob Paul Kammerer gar ein Vorläufer der «Epigenetik» gewesen ist, wurde immerhin schon vorgeschlagen.

Selbstmord - aber warum?

Das wäre alles schön und gut. In der Wissenschaft geht es nicht immer geradeaus. Aber am 26. September 1926 schiesst sich Paul Kammerer in Puchberg mit der rechten Hand eine Kugel in die linke Schläfe (alle Berichterstatter erwähnen diesen Umstand). Er hinterlässt Abschiedsbriefe, also Selbstmord. Sofort stand im Raum, das Auffliegen seiner Fälschung wäre der Grund. (So steht es auch in den Fälscher-Hitlisten.) Aber bereits damals lag der Fall weit weniger klar.

Klaus Taschwer hat den «Fall Kammerer» nicht nur neu aufgerollt, sondern auch das biografische und wissenschaftliche Umfeld ausgeleuchtet. Dass ein Biologe aus den USA extra nach Europa reist, um an einem verschrumpelten Exemplar einer Kröte Tuschinjektionen zu entdecken, die aber drei Jahre zuvor von namhaften Vertretern der Zunft in England nicht bemerkt wurden. Und die sich innert Wochenfrist nach der Injektion entweder auflösen oder die ganze Hand schwarz färben? Jetzt wird der Fall zum Krimi. Und Taschwer liefert auch eine ziemlich überzeugende Lösung.

Lesen muss man das Buch aber auch wegen der spannenden Schilderung des ziemlich turbulenten Lebens von Paul Kammerer. Seiner Amouren wegen (so hatte er es auch bei der berüchtigten Alma Mahler-Werfel versucht), aber auch wegen seiner Enttäuschungen im universitären und sonstigen Leben in Wien. Und weil er ein vielseitig begabter Mensch war: Pazifist und Menschenfreund und kommunikativ überzeugend – schon damals machte man sich damit nicht gerade beliebt.

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