Sie hat einen Namen wie eine Adelige. Sie bezeichnet sich als rote Socke. Sie schimpft über linke Politiker, deren einziges Ziel die Gewinnoptimierung ist. Sie hat Zugang zu den besten Kreisen der Stadt. Sie singt auf der Bühne Brecht. Sie wettert gegen die Schweizer Asylpolitik. Aber vor allem kümmert sie sich um die Randständigen von Basel.

Das Lokal von Claudia Adrario de Roche (61) liegt unmittelbar hinter dem Basler Bahnhof im Gundeli-Quartier. Über Mittag ist es das Restaurant «Du Cœur», wobei jeder Gast den Preis für das Menu surprise selber bestimmt. Während der Wintermonate trägt das Lokal am Abend den Namen «Soup & Chill». Zwischen 17 und 21 Uhr dient es vornehmlich jenen Menschen als Speiselokal und Wärmestube, die kein eigenes Wohnzimmer haben.

Claudia Adrario de Roche ist eine schillernde Frau. Sie wächst in Innsbruck als Tochter eines Italieners und einer Österreicherin auf. Doch das Tirol wird ihr bald einmal zu eng. Sie tingelt durch Europa. Studiert Gesang und Archäologie. Singt auf Bühnen in London, Paris, Brüssel und Köln. Nach Basel kommt sie wegen eines Jobs im Museum der Kulturen.

Als ihre Söhne 18 und 15 sind, trennt sie sich von ihrem ersten Mann und erlebt selbst kritische Momente, hat Angst, dass die Trennung die Buben destabilisieren und aus der Bahn werfen könnte. Jene Erfahrung, aber auch ein soziales Bühnen-Engagement in Brüssel und die Bekanntschaft mit ihrem zweiten Mann, einem Arzt der plastischen Chirurgie, der sich in Afrika engagiert, bestärken sie darin, sich sozial zu engagieren. 2002 wird sie Präsidentin des «Schwarzen Peter», eines Vereins für Gassenarbeit.

In dieser Funktion bekommt sie von der Stadt Basel den Leistungsauftrag, das Problem mit den Obdachlosen am Bahnhof anzugehen. Claudia Adrario de Roche nimmt sich der Sache an, sehr schnell wird eine funktionierende Lösung für die Sommer-Monate erarbeitet.

Doch schon im folgenden Winter sind die Randständigen und mit ihnen die Konflikte wieder da. Als sie den Vorschlag einer Wärmestube vorbringt, entgegnet einer der Chefbeamten der Justizdirektion: Für 15 Nasen werde man kein Geld in die Hand nehmen. Für Adrario de Roche sind diese Worte die Initialzündung. Das Resultat heisst «Soup & Chill», das täglich von rund 100 Randständigen besucht wird.

Zehn Jahre sind seit der Eröffnung vergangen. Grund zum Feiern. Grund, zu reflektieren, Bilanz zu ziehen. Zum Beispiel durch die Herausgabe eines Buches («Schritte, Wege, Eindrücke»). Unter anderem mit Beiträgen von Franz Hohler, Simon Enzler und Jean Ziegler.

Ohne Spenden geht nichts

«Natürlich sind Systemfehler dafür verantwortlich, dass ausgerechnet in der reichen Stadt Basel 400 Menschen obdachlos sind – viermal mehr als vor zehn Jahren», sagt Adrario de Roche. «Aber ein Fehler ist auch, dass sich die Behörden fast ausschliesslich auf die Grosszügigkeit der Menschen verlassen, wenn es darum geht, den Ärmsten der Gesellschaft zu helfen.»

Das Budget für die fünf Monate dauernde Wintersaison beträgt 300 000 Franken. 45 000 Franken steuert der Kanton bei. Der Rest sind Spenden – wie auch die Lebensmittel. «Wenn ich beim Kanton nach mehr Geld frage, gibt es bislang nichts.»

Jetzt redet sich Claudia Adrario de Roche in Rage. «Und dann diese Asylpolitik!», wettert sie mit verachtender Mimik. «Man lässt zu viele Asylsuchende einfach hängen. Insbesondere Eritreer und Tibeter, die wieder vermehrt einwandern, bekommen nie einen positiven Asylbescheid. Sie dürfen aus Menschenrechtsgründen – Gott sei Dank – aber auch nicht abgeschoben werden.

Sie möchten arbeiten, dürfen aber nicht, hängen rum und rutschen so vor unseren Augen in die Depression. Wir müssen achtgeben, dass wir nicht eine Gruppe von Menschen züchten, die völlig perspektivlos ist.» Letzthin hat ihr ein Eritreer gesagt: Er fürchte sich vor dem Tag, an dem es ihn nicht mehr kümmere, dass er nicht arbeiten dürfe.

Also lässt Adrario de Roche Asylsuchende in der Küche helfen. Quasi gratis, weil die Asylsuchenden ja nichts verdienen dürfen. Trotzdem sind die Hilfsjobs in der Küche so begehrt, dass keiner mehr als zwei Tage pro Monat Gemüse rüsten darf für die Obdachlosen der Stadt.

Nur, wer ist die Klientel des «Soup & Chill»? Und wie hat sie sich in den letzten Jahren verändert? Die Alkis und Junkies waren schon immer und sind noch immer da. Später kamen junge, stark rechtsorientierte Schweizer. Hoch aggressiv seien sie gewesen, sagt Adrario de Roche. «Geblieben sind sie zum Glück nur einen Winter lang. Ab 2011 und dem Arabischen Frühling ist Afrika zu uns gekommen.»

Doch die jüngste Entwicklung bereitet Adrario de Roche grösste Sorgen. Vermehrt registriert sie Schweizer Männer um die 50 mit teuren Schuhen und gut geschnittenen Anzügen im «Soup & Chill». Nur: Nach wenigen Tagen seien Schuhe und Anzüge ramponiert. Die Träger sind Männer, die entweder eine Scheidung oder eine Entlassung oder beides hinter sich hätten. Und es sind Männer, die im Gegensatz zu jenen, die seit Jahren untendurch müssen, keine Überlebenstechnik haben. «Diese Männer sind höchst gefährdet, ganz, ganz tief zu fallen.»

Das Haus: Unmittelbar hinter dem Bahnhof Basel SBB steht das «Soup & Chill».

Das Haus: Unmittelbar hinter dem Bahnhof Basel SBB steht das «Soup & Chill».

16.30 Uhr. Eine halbe Stunde vor Türöffnung. Eine giftige Bise zieht durch Basels Strassen. Stumm warten die ersten vor der Tür des «Soup & Chill». Drinnen, in der Küche, herrscht Hochbetrieb. Doch dann legt ein Küchengehilfe sein Rüstmesser zur Seite. Er hat ein Anliegen, kann dieses aber nicht in Worte fassen, die irgendjemand im Raum versteht.

Fünf Minuten schon dauert sein Versuch, ehe eine Angestellte fragt: «Will you pray?» «Yes yes, play», sagt der Asylsuchende erleichtert, löst damit allgemeine Erheiterung aus und wird von der Angestellten in einen Raum geführt, wo er ungestört beten kann.

Schwangere Frau unter der Brücke

Um 18 Uhr sitzen zirka 50 Männer und 3 Frauen an den Tischen. Es gibt Früchte, Sandwiches, Salat, Wasser, Kaffee, Suppe, Dessert. Unter den Gästen ist auch ein Paar aus Tschechien. Sie sind neu hier. Er mit einem Hund an der Leine, sie mit einem Kind im Bauch. Gekommen in der Hoffnung auf einen Job, ein besseres Leben, eine Wohnung. Nichts davon ist bislang Realität geworden.

In der Nacht haben sie nicht mal ein Dach über dem Kopf, weil in der Notschlafstelle keine Hunde geduldet sind. Einzig die Schlafsäcke, die man ihnen im «Soup & Chill» ausgehändigt hat, bieten etwas Schutz gegen die Kälte.

Maazi ist ein Marokkaner. Er isst nichts, trinkt umso mehr. Dafür isst sein Nachbar Yildirim für zwei. Der 71-Jährige lebt seit 25 Jahren in der Schweiz, hat bis zu seiner Pensionierung als Bäcker gearbeitet. «Gutes Leben in Schweiz», sagt er. «Aber muss jeden Monat viele zahlen.»

Verhärmte Gesichter, unterkühlte Körper, traurige Augen. Zuversicht sieht anders aus. Doch dann, urplötzlich, geht die Sonne auf. Jackie kommt zur Tür rein. Oder ein Lachen mit einem Mann als Anhängsel betritt den Raum. Jackie ist 51, sieht aber mindestens 10 Jahre jünger aus. Und mit seinen vielen Schichten, die ihn vor der Kälte schützen, ähnelt der kleine Mann einer Karikatur des Michelin-Männchens. Die Eltern stammen aus Kamerun. Den Vater kennt er nicht. Mit seiner Mutter und ihrem Schweizer Partner ist er in Binningen aufgewachsen.

Man kenne ihn in Basel, sagt er. Als Strassenkünstler. Stepptanz ist Jackies Disziplin. Und Lachen. Nach jedem Satz. Auch ohne Pointe. «Es geht mir eigentlich gut. Aber ich könnte mehr Menschlichkeit ertragen», sagt er. Jackie träumte davon, Musiker und/oder Tänzer zu werden. Doch die Eltern liessen ihn nicht. Jackie solle etwas Richtiges lernen. Das war ein harter Schlag für ihn. «Aus Protest habe ich dann jenen Beruf gelernt, den ich am meisten verabscheute.» Als Metzger hat der Vegetarier nach der Lehre keine Minute mehr gearbeitet.

Der Gast: Jackie, einst stadtbekannter Strassenkünstler, kassiert 60 Franken, wenn er mit dem Cargobike 30 Kilo Alu abliefert. Fotos: Roland Schmid

Der Gast: Jackie, einst stadtbekannter Strassenkünstler, kassiert 60 Franken, wenn er mit dem Cargobike 30 Kilo Alu abliefert. Fotos: Roland Schmid

Einst führte Jackie eine Secondhand-Boutique in der Leonhardstrasse. Heute bessert er seine Sozialhilfe-Bezüge als Alu-Sammler auf. 60 Franken kriegt er, wenn er mit seinem Cargobike 30 Kilo abliefert. Wenig Geld für ziemlich viel harte Arbeit. «Das ist in Ordnung», sagt Jackie. «Ich bin es gewohnt, einfach zu leben. Das macht mich nicht traurig.» Und wieder dieses Lachen.

Trotz des ständigen Lachens offenbart Jackie auch eine nachdenkliche Seite. Er macht sich Gedanken über die Folgen der Überbevölkerung, der Digitalisierung und unseres «überbordenden Fleischkonsums». Er blickt nicht optimistisch in die Zukunft. Es ist aber nicht seine Zukunft, die ihm Sorgen bereitet. Sondern jene seines Sohnes und der ungeborenen Grosskinder.