Was am 1. März 1918 mit Kegelstiften begann, durchzieht inzwischen fast all unsere Lebensbereiche. Schon morgens in der Frühe putzen wir uns mit einer DIN-Norm die Zähne, genauer gesagt mit der DIN EN ISO 20126, die sicherstellt, dass die Borsten beim Putzen in der Zahnbürste bleiben, selbst dann, wenn daran mit einer Kraft von 15 Newton gezogen wird. Derartige Normen begleiten uns durch den gesamten Tag, nur bemerken wir sie im Alltag nicht allzu oft, ausser vielleicht beim DIN-A4-Papier. Fotografen stellen manchmal noch die Lichtempfindlichkeit ihrer Kamera mithilfe der DIN-Norm ein, aber das war es dann in der Regel auch.

Wer weiss schon, dass wir sogar beim Grillieren auf diesen Standard setzen? Die DIN EN 1860-1 begrenzt nämlich den Abstand der Grillrost-Stäbe auf maximal 20 Millimeter und stellt damit sicher, dass keines der Grillwürstchen hindurchfallen kann. Selbst aus dem Kinderzimmer ist sie heute nicht mehr wegzudenken, legt doch etwa die DIN EN 1400 fest, dass normgerechte Babyschnuller zwei Löcher aufweisen müssen, durch welche die Kleinen im Notfall Luft bekommen können.

Streng genommen wird diesen Normen in der Schweiz die Abkürzung «SN» statt «DIN» vorangestellt – das «D» steht für Deutsch, das «S» für Schweizerisch. Doch der Grossteil unserer Normen stimmt mit ganz Europa überein (siehe Box), so eben auch diejenigen zu Zahnbürsten, Grillrosten und Babyschnullern. Und zumindest der Begriff «DIN A4» hat sich so stark eingebürgert, dass an ihm in der Praxis auch in der Schweiz nicht zu rütteln ist.

Auch Normungsarbeit ist genormt

Allerdings hat Deutschland deutlich mehr Normen als die Schweiz, nämlich ungefähr 34 000. Trotzdem sagt Oliver Boergen vom Deutschen Institut für Normung (DIN) in Berlin: «Die Anzahl der Normen wird auf das unbedingt notwendige Mass beschränkt, genormt wird nur, wenn Bedarf dafür besteht.» Spätestens alle fünf Jahre werde überprüft, ob eine Norm noch dem Stand der Technik entspreche. Etwa 2000 neue und aktualisierte Normen werden jedes Jahr veröffentlicht. Überholte, nicht mehr benötigte werden zurückgezogen.

Die Grundsätze derartiger Normungsarbeit, wie es im Fachjargon heisst, sind – wie könnte es anders sein – in einer Norm festgehalten, in der DIN 820 (die in der Schweiz nicht angewendet wird). «Dabei orientiert sich DIN an der Wirtschaftlichkeit, der Fortentwicklung von Wissenschaft und Technik, an den Erfordernissen des Gemeinwohls sowie an der internationalen und europäischen Harmonisierung», sagt Boergen. Gerade heute, in Zeiten von Globalisierung und digitalisierter Industrie, können Normen nämlich von ganz besonderer Bedeutung sein. Mit ihrer Hilfe lassen sich Handelshemmnisse beseitigen, aber auch aufbauen.

Nicht umsonst heisst es in der Branche auch: «Wer die Norm hat, hat den Markt.» Ohne Konsens geht es dabei aber nicht – meint zumindest die DIN EN 45020, die den Begriff «Norm» definiert: «Dokument, das mit Konsens erstellt und von einer anerkannten Institution angenommen wurde und das für die allgemeine und wiederkehrende Anwendung Regeln, Leitlinien oder Merkmale für Tätigkeiten oder deren Ergebnisse festlegt, wobei ein optimaler Ordnungsgrad in einem gegebenen Zusammenhang angestrebt wird.»

Welche Zukunft hätte die E-Mobilität wohl, wenn es zig verschiedene Ladekabel gäbe? Kompatibilität ist hier das Stichwort. Und wie könnte man die besser erreichen, als durch Normung? Bei den E-Autos hat das inzwischen geklappt. Zumindest europaweit konnte man sich auf den sogenannten Typ-2-Stecker als Mindestanforderung für Ladesäulen einigen, für den es natürlich auch schon eine DIN gibt, die DIN EN 62196.

Der Gedanke der Kompatibilität lag auch schon der DIN 1 zugrunde, der allerersten DIN-Norm überhaupt. Sie erschien vor genau 100 Jahren, am 1. März 1918, beim damaligen Normenausschuss der deutschen Industrie (NADI), und legte die Masse und Werkstoffe für sogenannte Kegelstifte fest, Verbindungselemente für Maschinenbauteile. Die Vorteile der Normung lagen schon damals klar auf der Hand: Sie sorgte für Kompatibilität und Austauschbarkeit der einzelnen Komponenten, vereinfachte so Arbeitsabläufe und Massenfertigung. Lagervorräte konnten verringert, Rationalisierung und Effizienz gesteigert werden. Zeit und bares Geld liessen sich so sparen. Kein Wunder also, dass derartige Normen schon in den 1920ern immer häufiger auch in anderen Lebensbereichen ausserhalb der Industrie nachgefragt wurden.

DIN schont die Wälder

Der Erfinder der DIN-Papierformate, der Ingenieur Walter Porstmann, führte noch einen weiteren wichtigen Grund an, der ihn inspiriert hat: «Der Gewinn, der sich aus der Vereinheitlichung der Papierformate für die Allgemeinheit ergibt, ist besonders deswegen hoch anzuschlagen, weil er eine Schonung unserer kostbarsten Güter, der Wälder, bedeutet.» Durch die genormten Papierformate, die 1922 in der DIN 476 (heute DIN EN ISO 216) beschrieben wurden, liessen sich nämlich auch Briefumschläge, Ordner, Hängeregistraturen und Büromöbel aufeinander abstimmen und mussten nicht mehr für jedes erdenkliche Format massgefertigt werden. Auch wenn damals so mancher Tischler über Gleichmacherei schimpfte, so haben sich die DIN-Papierformate doch international schnell durchsetzen können und sind bis zum heutigen Tag eine Erfolgsgeschichte.

Da die DIN-Normen nicht mehr nur in der Industrie nachgefragt wurden, benannte sich der NADI 1926 in Deutscher Normenausschuss (DNA) um. Die Abkürzung DIN sollte von nun an ganz allgemein für «Das ist Norm» stehen, was sich aber nicht wirklich durchsetzen konnte. 1975 wurde aus dem DNA dann das heutige Deutsche Institut für Normung e.V. mit Sitz in Berlin. Dafür standen von nun an auch die drei Grossbuchstaben DIN. Wenn heute also die DIN EN 14434 festlegt, dass die beweglichen Teile von Wandtafeln in Bildungseinrichtungen normgerechte Abstände von weniger als acht Millimetern oder aber von mehr als 25 Millimetern aufweisen müssen, damit sich niemand die Finger einklemmt, dann ist mit DIN nicht mehr die Deutsche Industrie Norm gemeint, sondern eben das Deutsche Institut für Normung.

Die gute alte DIN 1 sucht man heute übrigens vergebens, allerdings nur, weil sie im Oktober 1992 in die europäische Norm DIN EN 22339 «inhaltlich überführt wurde», wie die Fachleute der DIN sagen.