Wer Spaghetti liebt, der kennt das Problem: Für eine gepflegte Unterhaltung bei Tisch bleibt kaum Zeit, weil alle Tischnachbarn damit beschäftigt sind, ihre Nudeln aufzudrehen. Da wäre es doch schön, wenn es eine elektrische rotierende Gabel gäbe, die einem das Aufwickeln der italienischen Teigspezialität abnehmen würde.

Auf eine solche Erfindung hat die Welt doch noch gewartet, oder? Andererseits wäre auch beim vollautomatischen Nudelaufdrehen ein gewisses Mass an Aufmerksamkeit notwendig, denn sonst würde die schöne motorische Gabel die gesamten Spaghetti auf dem Teller zu einem grossen Nudelknäuel aufwickeln. Also doch nicht so toll, die Innovation?

In Japan gibt es für derartig lustige Erfindungen einen Begriff: «Chindogu», was so viel bedeutet wie «seltsamer Gegenstand» oder auch «merkwürdiges Gerät». «Chindogus sind Produkte, die wir haben wollen, sobald wir sie sehen», meint der japanische Erfinder Kenji Kawakami. «Sie versprechen, uns zu helfen, was sie aber nicht tun – nur leider bemerken wir das erst auf den zweiten Blick.»

Der aufrollbare und transportable Zebrastreifen ist so ein Produkt. Auf den ersten Blick ist das doch eine tolle Idee: Vielbefahrenen Strassen könnte damit der Schrecken genommen werden, oder? Nicht wirklich, denn einmal abgesehen davon, dass das Ganze ohnehin verboten ist, bliebe ja die Frage zu klären, wie man diesen schönen Zebrastreifen denn verlegen wollte. Wer über eine viel befahrene Strasse bis zur anderen Strassenseite gehen kann, um einen Zebrastreifen auszurollen, der hat die Strasse ja bereits überquert.

Wozu braucht er dann noch den Zebrastreifen? Und wie sieht es mit der Trichterbrille aus, einer der ersten Erfindungen Kawakamis? Sie hat die Form einer ganz normalen Brille, nur dass in der Mitte der Gläser jeweils ein Trichter angebracht ist, um Augenmedizin gezielt in die Augen tropfen lassen zu können.

Inzwischen gibt es Tausende derartiger Innovationen, die uns gerade noch gefehlt haben. Erfunden werden sie heute längst nicht mehr nur von Kawakami selbst, sondern von unzähligen Spassvögeln aus aller Welt. Zusammen mit seinem Weggefährten Dan Papia, der 1995 die Internationale Chindogu-Gesellschaft gründete, hat Kawakami zehn goldene Regeln erarbeitet, die jeder Gegenstand erfüllen muss, um als echtes Chindogu anerkannt zu werden. Die Richtlinien besagen unter anderem, dass die Innovationen auch wirklich zu nichts zu gebrauchen sein dürfen.

Neue Denkweisen

«Wozu das Ganze?», könnte man ganz humorlos fragen. Eine Frage, die sich auch schon so mancher Dadaist, Surrealist und anderer Künstler anhören musste. Was um alles in der Welt hat sich Marcel Duchamp bloss bei seinem «Bicycle Wheel» gedacht oder Meret Oppenheim mit ihrer «Pelztasse» gewollt? Die Antworten darauf füllen ganze Bücher. «In Europa sieht man mich eher als Künstler, als Neo-Dadaisten», sagt der Alt-68er, der mit seinen Chindogus dafür plädiert, eingefahrene Pfade des Denkens zu verlassen.

In Nordamerika und in China hingegen würden sie ihn völlig missverstehen, meint Kawakami und schüttelt den Kopf darüber, dass man ihn in den USA lediglich als «Erfinder lustiger Party-Spässe» sehe und sich in China sogar ernsthaft frage, warum er mit seinen Erfindungen partout kein Geld verdienen wolle, ja nicht einmal Honorare aus Fernsehauftritten und Buchveröffentlichungen annehme.

Dabei käme es ihm als Materialismuskritiker doch gerade ganz im Gegenteil darauf an, überflüssige Produkte lächerlich zu machen und als vollkommen nutzlos blosszustellen. «Chindogus werden gemacht, um die Vorstellungskraft zu stimulieren und nicht, um Produkte zu entwickeln», sagt Kenji Kawakami. «Ich möchte die Menschen zum Nachdenken bringen.»