Kleider schweben wie Elfen durch die Luft. Über der Landschaft liegt ein schillernder Farbstaub. Und plötzlich leuchten im Wald Blätter, Stämme und Pilze auf. Poetisch wirken diese Bilder, auch ein bisschen märchenhaft. Nur ein paar Minuten später wird diese Bildwelt von Überschwemmungen, Zerstörung und Verschmutzung, aber auch von Pipilotti Rists intensiven Farben abgelöst. Diese optische Achterbahnfahrt widerspiegelt die Farbenwelt, die uns mit grosser Wahrscheinlichkeit in zwei Jahren beschäftigen wird. 15 Farbexperten aus der ganzen Welt sind ihnen auf der Spur und trafen sich deshalb kürzlich in St. Gallen auf Einladung von Swiss Textiles zum Intercolor Encounter. Anhand von Kurzfilmen und Bildern präsentieren sie ihre Moodboards, diskutieren ihre Ideen und definieren die Farbpalette, mit der die Textilindustrie arbeiten wird.

Farben lösen Emotionen aus

Woher wissen sie, mit welchen Farben wir uns bald umgeben werden? «Das ist eine Grundstimmung», erklärt Vittorio Giomo, der an diesem Treffen sein Heimatland Italien vertritt. Bei ihm sind es vor allem Blautöne. «Ich träume nicht davon, dass Blau eine Trendfarbe wird, Blau umgibt mich einfach», sucht er nach einer Erklärung. «Die emotionale Reaktion wird immer wichtiger», ist Joanna Bowring aus London überzeugt. «Wir wollen Poesie ins Leben bringen.» Poesie in vielen bedeckten Farbtönen – grün, gelblich, grau. Solche Aussagen wirken auf Aussenstehende etwas nebulös. Ist es aber nicht. «Diese Trendprognosen sind kein Fischen im Trüben, sie sind Resultat einer tiefgreifenden Analyse», betont Niels Holger Wien. Der Deutsche mit den rotgefärbten Haaren ist einer der Farbtrendforscher von Intercolor und vertritt Deutschland und in diesem Jahr auch die Schweiz. «Wir tragen Momentaufnahmen und Artefakte unserer kulturellen Realität zusammen. Damit geben wir nicht wieder, was es schon gibt, sondern setzen Bausteine so zusammen, dass sie etwas Neues ergeben – umgekehrte Archäologie quasi.»

Intercolor ist nicht der einzige Verbund von Farbexperten, die Farbprognosen herausgeben. Eine ganze Reihe von Anbietern wie die Organisatoren der Veranstaltung Première Vision oder Autoren von Farbtrend-Büchern tragen ebenfalls ihre Farbwelten zusammen. Die vor 52 Jahren gegründet Intercolor – die Schweiz gehörte mit Frankreich und Japan zu den Gründungsmitgliedern – arbeitet allerdings ohne Profit und dient der Industrie in den beteiligten Ländern sozusagen als Konsultationsmaschine, aber auch als Rückversicherung ihrer eigenen Empfindungen. «Schliesslich befassen sich die Designer, mit denen wir zusammen arbeiten, ebenfalls mit dem Thema, kennen dazu genau ihre Bedürfnisse und haben Erfahrungen mit den Produkten, mit denen sie arbeiten.»

So unterschiedlich die Beiträge an diesem Morgen in St. Gallen auch sind, ein wichtiges Thema ist die Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist natürlich und was künstlich? Und: Gibt es denn die Natur, wie wir sie gerne idealisieren, überhaupt noch? Schliesslich haben die Menschen, seit sie sesshaft geworden sind, fast alles auf dieser Erde verformt, beeinflusst oder beeinträchtigt. «Ein sehr spannendes und breites Thema, das letztlich auch die Farbenwelt von Produkten und Mode beeinflusst», weiss Trendanalyst Wien. Aber auch das Thema Biolumineszenz (das natürliche Licht bei Tieren, z.B. Glühwürmchen oder Quallen) tauchte immer wieder auf. «Das Nachdenken über die Natur bietet viele Ansatzpunkte mit dem Spiel von Farben der Natur, Natürlichkeit und Künstlichkeit.»

Die Zukunft bringt Farbigkeit

Sieht unsere koloristische Zukunft tatsächlich so bedeckt in Grün- und Grautönen aus, wie es viele Länder präsentieren? «Nein, überhaupt nicht.» Niels Holger Wien beurteilt die Stimmung als optimistisch und positiv. «Die Farbenvielfalt wird deutlich breiter. Es gibt nicht nur die eine bestimmte Trendfarbe. Es geht vielmehr um Atmosphären, Stimmungen, Farbwelten.»

Die Polarität zwischen ruhigen, neutralen Farben und solchen von Intensität, Leuchtkraft und Farbigkeit werden uns künftig noch mehr beschäftigen. «Sie widerspiegelt unser Leben zwischen der analogen und digitalen Welt.» Natürlich werden uns weiterhin viele Grautöne umgeben. Doch die Farbe legt ihre Neutralität ab und bekommt eine poetische, magische Variante, indem sie kupfrige oder violette Nuancen annimmt. Interessant ist auch, dass die Farbreihen eine neue Qualität von Zwischentönen beinhalten. «Sie sind spannend in der Kombinatorik, weil es kaum primäre Farben sind, sondern gesättigte Pastelle.»

Die permanente Brillanz der Bilder auf den Bildschirmen zum Beispiel beeinflusst unsere Realität ganz stark. «Wir suchen nach ebendieser überhöhten Farbigkeit. Es ist nur logisch, dass solche Themen auch in der Mode auftauchen, auch wenn wir nicht jeden Tag in einem Tulpenfeld von Pipilotti Rist stehen wollen», erklärt der Trendforscher. Leuchtende Farben haben sich bei den Freizeitschuhen und im Sportswear-Bereich bereits durchgesetzt. So auch Metallic-Farben – ein weiterer wichtiger Trend –, wo sich zwei, drei Farben überlagern. Neu an diesen Farben ist, dass sie über Silber, Gold und Kupfer hinausreichen.

Wird damit bald das Ende der Einheitskleidung in Grau und Schwarz eingeläutet? «Das wird bestimmt nicht von einem auf den anderen Tag geschehen, so, wie sich auch nicht die Farbenwelt jede Saison schlagartig ändert. Das ist eine langsame Entwicklung», sagt der Farbtrendforscher. Er würde sich ohnehin schon lange mehr Selbstbewusstsein und Freude am Umgang mit Farben wünschen.