Die Biologen haben ein Problem: Eine Wildkatze sieht einer getigerten Hauskatze sehr ähnlich. Der Schwanz ist zwar etwas buschiger, die Streifen etwas verwaschener. Doch selbst Experten können auf Fotofallen-Bildern oder bei flüchtigen Begegnungen in der Natur nicht immer entscheiden, ob es sich um das Wild- oder das Haustier handelt. Zudem ist die Wildkatze in der Dämmerung und in der Nacht aktiv und ohnehin scheu und gut getarnt. Deshalb ist nicht klar, ob sie in der Schweiz einst ausgerottet wurde oder nicht. Aus dem Mittelland gab es jedenfalls sehr lange keine deutlichen Hinweise. Doch nun ist sie zurück.

«Vor zehn Jahren kamen Wildkatzen in der Schweiz nur im Jurabogen vor», sagt Biologin Beatrice Nussberger. «Inzwischen wissen wir, dass zumindest am Südufer des Neuenburgersees eine Population lebt. Auch aus den Voralpen gibt es neuerdings Hinweise.» Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt leitet sie ein Projekt zur Erfassung der Wildkatzen in der Schweiz. In zwei Jahren sollen die Ergebnisse vorliegen.

Baldrian als Lockmittel

Bereits haben Wildhüter, Jäger und Naturschutzaufseher im Jura, im Mittelland und in den Voralpen einige hundert Holzlatten aufgestellt und mit Baldrian eingesprüht. Der Geruch ist für Katzen unwiderstehlich – sie werden sich daran reiben und dabei das eine oder andere Haar hinterlassen. Die genetische Analyse der Haare zeigt dann, ob es sich um eine Wildkatze, eine Hauskatze oder eine Mischform handelte.

Vor zehn Jahren hat das Bundesamt für Umwelt bereits eine solche Erfassung durchführen lassen. Es zeigte sich damals, dass es in der Schweiz ein paar hundert Wildkatzen gab. Nun erwartet Beatrice Nussberger, dass es mehr sind. «Die Bestände erholen sich schon, seit diese Art im Jahr 1962 unter Schutz gestellt wurde», sagt sie. Zuvor hatten Wildkatzen als Schädlinge gegolten – auch aus Unwissenheit. «In jener Zeit glaubte man zum Beispiel, dass die Wildkatze Rehe angreift», erzählt die Biologin. In Wirklichkeit ernähren sich Wildkatzen grösstenteils von Mäusen und anderen Nagern. Dass ein Tier von der Grösse einer Hauskatze ein Reh reisst, ist ausgeschlossen. «Vielleicht wurde mal eine Wildkatze gesehen, die an einem Kadaver frass», mutmasst sie. «Oder ein Luchs wurde mit ihr verwechselt.»

Inzwischen hat sich der Ruf der Wildkatze gebessert. Die Deutsche Wildtier-Stiftung hat sie gar zum Tier des Jahres 2018 ausgerufen. Auch in Deutschland breitet sie sich aus. In Baden-Württemberg wurde 2006 nach fast hundert Jahren erstmals wieder ein Tier nachgewiesen. Auch dort gilt, wie in der Schweiz: Ob die Wildkatze tatsächlich ausgestorben war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Von den Beobachtungen lässt sich nicht direkt auf die Häufigkeit schliessen. «Heutzutage ist die Wildkatze ein Sympathieträger», sagt Nussberger. «Vielleicht wird inzwischen einfach genauer hingeschaut als in früheren Zeiten.» Jedoch haben sich die Bedingungen für die Wildkatzen deutlich gebessert, nicht nur wegen der Jagdverbote. Während vor einigen Jahrzehnten die Landschaften aus Sicht der Menschen noch möglichst ordentlich aussehen mussten, wird heute die Natur wieder stärker sich selber überlassen. «In einem Wald, wo totes Holz herumliegt und sie auch mal einen Asthaufen findet, fühlt sich die Wildkatze wohler», sagt Nussberger. Auch der Klimawandel könnte ihr gelegen kommen – denn ihr Lebensraum wird in höheren Lagen durch den Schnee beschränkt, unter dem sich die Mäuse im Winter verstecken.

Gefährliche Liebschaften

Nussberger vermutet, dass die Zahl der Wildkatzen auch im Jura zunimmt. Trotzdem ist ihre Zukunft unsicher – gerade weil sie sich ausbreiten. Denn so gelangen sie zunehmend in Gebiete, in denen viele Hauskatzen leben. Nicht dass diese ihren wilden Artgenossen böse gesinnt wären – im Gegenteil: Sie finden manchmal sogar Gefallen aneinander. So kommt es zu Paarungen, und Hauskatzengene mischen sich in jene der Wildkatzen. In einer Untersuchung von Beatrice Nussberger trug jede fünfte Wildkatze im Schweizer Jura Hauskatzenblut in sich. Das ist noch nicht sonderlich viel, in anderen europäischen Ländern wie Schottland und Rumänien ist der Anteil massiv höher. Die Gründe für diese Unterschiede sind laut Nussberger unbekannt.

Unklar ist auch, wie sich die Durchmischung auswirkt. Denkbar ist, dass Wildkatzen mit einigen Hauskatzengenen besser überleben. Vielleicht ist es aber auch gerade umgekehrt und die Mischlinge haben schlechtere Überlebenschancen. Solange all diese Fragen offen sind, mahnt Beatrice Nussberger zur Vorsicht – also konkret in Wildkatzengebieten zur Sterilisierung oder Kastrierung von freilaufenden Hauskatzen. Andernfalls könnte die Wildkatze so rasch, wie sie die Schweiz zurückerobert hat, wieder verschwinden. Nussberger hat berechnet, wie schnell die Hauskatzengene auf die Wildkatzen übergehen. «Wenn es weitergehen würde wie bisher, gäbe es in hundert Jahren keine Wildkatzen mehr», sagt sie.

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