Leben

Die Wespenköniginnen sind zu früh erwacht

Wenn eine Wespe anfliegt gilt: Ruhe bewahren. Sprühwasser mögen sie nicht.

Wenn eine Wespe anfliegt gilt: Ruhe bewahren. Sprühwasser mögen sie nicht.

Befürchtet wird ein extremer Wespensommer, weil die Königinnen so wie im Jahr 2018 bereits aktiv sind. Entscheidend sind aber die nächsten Wochen.

Die Wespenkönigin will unbedingt in den Rolladenkasten. Riesig ist sie und früh unterwegs, schon seit Anfang April fliegt sie einsam auf der Terrasse herum. Eine Beobachtung, die viele Menschen an warmen Frühlingstagen gemacht haben.

Dazu sagt der Thurgauer Insektenexperte Siegfried Keller:

Normalerweise erwachen Wespenköniginnen erst Anfang Mai aus dem Winterschlaf. Im Gegensatz zu den Honigbienen überwintern bei den Wespen nur die befruchteten Königinnen. Diese suchen sich im Frühling einen günstigen Standort für den Bau der Waben und dazu haben sich die warmen Tage im April bestens geeignet.

In jede Wabe ein Ei

Hat die Königin einen Ort für ihre Wabe gefunden, braucht sie etwa eine Woche mit dem Bau und legt danach in jede Wabe ein Ei. Anschliessend versorgt sie auch die Brut mit Nahrung. «Nach etwa fünf Wochen schlüpft die erste Generation Arbeiterinnen. Alles Weibchen, die aber unter der Wirkung eines von der Königin ausgeschiedenen Pheromons steril sind», erklärt der ehemalige Agroscope-Forscher Keller.

Nachwuchs können diese Arbeiterinnen keinen bekommen, dafür haben sie Zeit, der Königin beim weiteren Wabenbau und bei der Aufzucht der neuen Generation zu helfen. Das Leben der Arbeiterinnen ist kurz, sie werden nur etwa zwei bis vier Wochen alt. Aber dank ihrer Mithilfe kann sich die Königin von den Hausarbeiten zurückziehen und ganz auf das Eierlegen konzentrieren. So vergrössert sich die Zahl der Wespen laufend und erreicht im Juli und August seinen Höhepunkt mit mehreren Tausend Arbeiterinnen pro Volk.

Wetterentwicklung ist entscheidend

Schon 2018 waren die Wespenköniginnen so früh wie in diesem Jahr unterwegs. Und damals folgte ein extremer Wespensommer, weshalb ein solcher nun wieder befürchtet wird. Doch der Insektenexperte winkt ab: «Das kann man jetzt noch nicht voraussagen. Das hängt in erster Linie von der Wetterentwicklung ab.» Ein kühler, regnerischer Sommer verlangsamt die Entwicklung und es wird kein Wespensommer. Auch ein heisser, trockener Sommer führt nicht zur Wespenplage. «Da fehlen den Wespen, die Insekten, die sie für die Ernährung der Brut brauchen», sagt Keller.

Geht der Sommer zu Ende legt die Wespenkönigin unbefruchtete Eier, aus denen sich Männchen entwickeln. Gleichzeitig wachsen die zukünftigen Königinnen in grösseren Zellen heran und erhalten eine spezielle Nahrung. So verwöhnt, schwärmen die Jungköniginnen bald aus und paaren sich mit Männchen benachbarter Völker. Mit der Paarung haben die Männchen ihr Leben schon bald verwirkt, sie sterben wie auch die alte Königin. «Die zurückgebliebenen Arbeiterinnen schwärmen noch bis in den Oktober hinein», sagt Keller.

Die neuen Königinnen verbringen den Winter im Starrezustand an einem geschützten Ort und kommen bei warmen Temperaturen hervor so wie nun frühzeitig in diesem Jahr.

Stirbt die Wespenkönigin bereits im Laufe der Saison, so kann sich die Kolonie nicht weiter entwickeln. Bienen sind in einer solchen Situation in der Lage, Ersatzköniginnnen heranzuzüchten. Von Wespen ist ein solches Verhalten nicht bekannt.

Autor

Bruno Knellwolf

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