Wenn Bernard Crettaz ein «Café mortel» leitet, führt er die Teilnehmenden an das Gesprächsthema Tod heran, erteilt das Wort, und sorgt dafür, dass die Gespräche nicht ausufern.

Seit dem Jahr 2004, als Crettaz in Neuenburg zum ersten «Café mortel« (wörtlich: «Café tödlich») lud, hat der Walliser Soziologe mehr als hundert solche öffentlichen Gespräche moderiert – im Welschland, in Frankreich, Belgien, Quebec und jüngst auch in Berlin. Kürzlich haben ihn zwei Anfragen aus der Deutschschweiz erreicht, die er positiv beantworten will.

Im Kaffeehaus über den Tod zu reden, verleihe dem schweren Thema eine gewisse Leichtigkeit, sagt er. 20 Jahre lang sei das Thema Tod Angelegenheit von Spezialisten wie Medizinern, Psychologen und Therapeuten gewesen.

«Seit ein paar Jahren beobachte ich ein neues Phänomen: Es besteht ein grosses Bedürfnis in der Bevölkerung, über den Tod zu sprechen und neue Rituale rund um den Tod zu finden», sagt der 75-jährige frühere Privatdozent an der Universität Genf und Konservator am Museum für Völkerkunde der Stadt Genf, der seit Jahrzehnten zum Thema Tod forscht. Es gebe eine eigentliche Volksbewegung weg vom hoch spezialisierten Zugang zum Thema.

Crettaz betont, dass die Gesprächsrunden keinerlei therapeutischen Zweck hätten, es werde auch niemandem Rat erteilt.

Trotzdem könnten «Cafés mortels» hilfreich sein: Das Reden über die Endlichkeit erlaube es, «sich einem Drama anzunähern, das sich ereignen wird oder sich bereits ereignet hat».

Zudem trage das Zuhören dazu bei, sich nicht so alleine zu fühlen: «Zu erkennen, dass andere Menschen Ähnliches erleben: das hilft den Leuten», sagt Crettaz.

Weltweite Bewegung

Der Schweizer und seine «Cafés mortels» dienen als Inspiration für immer mehr Menschen auf der ganzen Welt, die ebenfalls das Tabu brechen wollen, über den Tod und die eigene Vergänglichkeit zu sprechen. Besonders engagiert in dieser Bewegung ist der Engländer Jon Underwood.

Er nennt die Gesprächsrunden «Death Cafe», und auf seiner gleichnamigen Website finden sich – gestützt auf Crettaz – detaillierte Anweisungen dazu, wie solche Gespräche abzuhalten sind. Diese dienen weiteren Initianten von «Death Cafes» als Richtlinie – sei es in Neuseeland, Australien, Kanada, Italien oder in den USA.

Das Bedürfnis, sich im Kreis Wildfremder über Sterblichkeit und Trauer zu äussern, besteht offensichtlich: alle paar Tage wird zurzeit irgendwo auf der Welt erstmals ein «Death Cafe» durchgeführt.

Gerade in den letzten Monaten hat die Bewegung enorm an Schwung gewonnen, wie der 41-jährige Underwood sagt: Vor einem halben Jahr hatten gerade mal 100 Gesprächsrunden unter dem Label «Death Cafe» stattgefunden. Aktuell sind es rund 400.

Trotz des schweren Themas erlebt Underwood die Gespräche als sehr lebensbejahend: «Das Sprechen über den Tod trägt dazu bei zu klären, was für die Teilnehmenden im Leben wichtig ist.»

So sind die Gespräche über den Tod bei Kaffee und Kuchen für Underwood nicht weniger als ein «Streben nach einem besseren Planeten».

Die Kaffeehausgespräche über den Tod sprechen Menschen in allen Teilen der Welt an.

Von der Romandie aus haben sie sich in Metropolen wie London, Berlin und New York, aber auch in kleinere Städte wie das australische Katoomba oder das kanadische Warkworth verbreitet.

Auch im deutschsprachigen Raum breitet sich die Idee aus, öffentliche Gesprächsrunden über das Sterben abzuhalten.

In Wien findet im Januar 2014 das erste «Death Cafe» statt. Seit dem Sommer 2013 wird regelmässig in einem Berliner Friedhofscafé zum «Café Tod» geladen.

Und seit Mai dieses Jahres fand das «Café Totentanz» sechs Mal in verschiedenen deutschen Städten statt.

Teilnehmende jeden Alters

Die 35-jährige Mitinitiantin Anne Leichtfuss sagt, dass Menschen «zwischen 17 und 80» an die «Café Totentanz»-Veranstaltungen kämen. Manche kämen aus persönlicher Betroffenheit, etwa weil sie kürzlich jemanden verloren haben oder selbst schwer krank sind.

Andere haben beruflich mit dem Tod zu tun. Wieder andere finden das Thema an sich einfach spannend und wollen über die unterschiedlichen Facetten sprechen.

Pionier Bernard Crettaz will sich in einem Jahr aus der «Café mortel»-Szene zurückziehen und, wie er sagt, seinen eigenen Tod vorbereiten. Vorher aber will er noch sicherstellen, dass sein Vermächtnis bestehen bleibt.

Einerseits schult er Interessierte darin, «Cafés mortels» zu moderieren. Andererseits arbeitet er an einem neuen Buch zum Thema, das kommendes Jahr fertig sein soll (2010 erschien sein erstes Buch zu den «Cafés mortels»).

Und er bemüht sich, eine internationale Vernetzung der «Café mortel»-Gemeinde zu schaffen.

Ist das Internet hier dienlich, sieht der Soziologe auch eine Gegenbewegung: «In Zeiten der sozialen Netzwerke wie Facebook gibt es ein starkes Bedürfnis nach direkter mündlicher Kommunikation. Dies ermöglichen die ‹Cafés mortels›».