Erkenntnis

Die Schweizer vor 5000 Jahren lebten in Parallelgesellschaften - das sehen Archäologen anhand von Gräbern

Die Bergung des Dolmengrabs in Oberbipp BE 2012 führte – via Umwege – zu Überbleibseln des ersten bekannten Laktosetoleranten in Spreitenbach AG.

Die Bergung des Dolmengrabs in Oberbipp BE 2012 führte – via Umwege – zu Überbleibseln des ersten bekannten Laktosetoleranten in Spreitenbach AG.

In der Jungsteinzeit war die Bevölkerung sehr heterogen, das zeigen Ausgrabungen. Und die interessante Entdeckung nebenbei: In Spreitenbach lebte ein erster Mann, der Milch vertrug.

Von wegen: Einig Volk von Brüdern! Der Slogan trifft zumindest nicht auf die Schweiz der Jungsteinzeit zu: 2800 Jahre vor Christus fand in de Schweiz eine markante Bevölkerungsumwälzung statt. Das zeigen Genom-Analysen von 96 Individuen aus 13 Ausgrabungsstätten in der Schweiz, Süddeutschland und dem Elsass.

Forscher der Universitäten Tübingen und Bern sowie dem Max-Plank-Institutes für Menschheitsgeschichte untersuchten, wie sich Menschen, deren Vorfahren im Gebiet des heutigen Russlands und der Ukraine lebten, mit den ansässigen Menschen vermischten. Sie stellten fest, dass die neue Abstammungsgruppe parrallel zu den Gruppen ohne Ahnen aus der Steppe lebte und sie sich allmählich mischten.

Manche Frauen wechselten zur neuen Bevölkerungsgruppe

Es wurde damals also nicht die gesamte Bevölkerung im Gebiet der heutigen Schweiz ausgetauscht. Die Forscher entdeckten, dass mehrere Frauen in den Gräbern der Gruppen aus der Steppe keine Vorfahren aus dem nördlichen Schwarzmeer- und der Kaukasusgebiet hatten.

Eine wahre Fundgrube für die Forscher: Ein Grab und Knochen in Oberbipp im Kanton Bern.

Eine wahre Fundgrube für die Forscher: Ein Grab und Knochen in Oberbipp im Kanton Bern.

Archäologe Albert Hafner von der Uni Bern spricht von einem grossen Migrationsereignis, das zu einem «fundamentalen Wandel der europäischen Geschichte» geführt habe.

Der Mann, der rohe Milch verdauen konnte, war im Vorteil

In der Fundstätte bei Spreitenbach AG identifizierten die Archäologen und Rechtsmediziner einen der bisher weltweit ältesten bekannten laktosetoleranten Menschen. Das heisst, der Mann, der um 2400 v. Chr. lebte, konnte sich von grösseren Mengen unvergorener Milch und Milchprodukten ernähren konnte. Das war ein genetischer Überlebensvorteil, der sich durchsetzte.

Auslöser für das Forschungsprojekt war die Ausgrabung eines Gross-Steingrabs (Dolmen) in Oberbipp BE mit mindestens 40 Skeletten, die in zwei Phasen bestattet worden waren. Sandra Lösch vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern sagt dazu: «Der Fund eines intakten Dolmengrabs in der Schweiz war eine Sensation. Nun konnten wir sogar genetische Profile der Jahrtausende alten Skeletten gewinnen.»

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