Schaut man auf den Strassen in die Gesichter, würde man nicht ohne weiteres drauf kommen: Dies ist das Volk, das im drittglücklichsten Land der Erde lebt.

Zum zweiten Mal hat das Earth Institute der Columbia Universität in New York für die Vereinten Nationen den «world happiness report» erstellt, den Bericht über das Welt-Glück.

Bei der ersten Auswertung im Frühjahr 2012 lag die Schweiz noch auf Platz sechs. Bei der aktuellen Datenauswertung von 156 Ländern ist die Schweiz nun aufs Podest gestiegen, im weltweiten Streben nach dem grössten Glück nur geschlagen von Dänemark und Norwegen auf den Plätzen eins und zwei.

Auf den letzten Plätzen finden sich afrikanische Staaten wie Ruanda, Burundi, die Zentralafrikanische Republik, Benin und Togo.

Glück trotz Kälte und Dunkelheit

Doch um welches Glück geht es in der Studie überhaupt? Während Ferienträumereien das pure Glück in barfüssigen Spaziergängen in der Abendsonne und paradiesisch schönen Sandstränden sehen, haben schönes Wetter und mildes Klima offenbar keinen besonders positiven Einfluss auf das Glücksgefühl einer Nation.

Denn: Die top-platzierten neun Länder liegen allesamt auf nördlicheren Breitegraden, wo häufig Kälte und Dunkelheit vorherrschen. Neben der Schweiz und den skandinavischen Ländern inklusive Finnland und Island haben es auch die Niederlande, Österreich und Kanada auf die Top-Plätze geschafft.

Glückliche Menschen fahren häufig Fahrrad: Sowohl Dänemark als auch die Niederlande sind als besonders radfahrerfreundliche Nationen bekannt, wie «National Geographic» herausstreicht. Der Punkt aber: Diese Menschen radeln, weil sie können, nicht, weil sie müssen. Sie hätten – rein finanziell gesehen – auch die Möglichkeit, sich in ihrem eigenen Auto fortzubewegen.

Nur mit Wohlstand und damit einem hohen Bruttoinlandsprodukt pro Kopf hat diese Glücksrangliste jedoch auch nichts zu tun. Denn ein Land wie die USA, welches auf der Liste auf dem 17. Rang auftaucht, schlägt diesbezüglich einige der vor ihm platzierten Länder. Geld ist also auch nicht alles.

Verlässliche soziale Kontakte

Die Rangliste bringt Statistiken und Empfindungen zusammen: Für das Messen des Glücksfaktors hat das Forscherteam Daten von Sozialsystemen und dem Arbeitsmarkt mit Befragungen über die Selbstwahrnehmung der Menschen verbunden.

Zentrale Punkte sind neben dem Bruttoinlandsprodukt pro Kopf die Lebenserwartung, geringe Korruption, ein Netzwerk von verlässlichen Menschen sowie die Freiheit, Entscheidungen über sein persönliches Leben zu treffen.

Bei der Befragung der Selbstwahrnehmung ging es nicht um ein kurzfristiges, emotionales Glücksgefühl, sondern die Teilnehmenden wurden gefragt, wie zufrieden sie mit ihrem Leben auf einer Skala von eins bis zehn sind.

Nutzer von sozialen Netzwerken kommentierten gestern die frisch publizierten Resultate der Welt-Glücks-Erhebung. Mit Stolz, wenn sie selbst Bewohner eines glücklichen Landes sind, mit Ablehnung, wenn sie in einem Land mit niedrigem Glücksfaktor leben, oder mit Ungläubigkeit, wenn etwa das Nachbarland Uganda (Rang 120) einen höheren Glückswert erzielt hat als das eigene Land Kenia (Rang 123).

Die Wissenschafter sehen aber noch einen ganz anderen Sinn und Zweck in ihrer Erhebung, wie einer der drei Haupt-Autoren, Jeffrey Sachs, in einem Gastbeitrag in der «Huffington Post» schreibt: «Die Welt wäre viel glücklicher, würden Regierungen verstehen, dass es weder ihre Aufgabe ist, die Nester der Politiker zu polstern, noch den Lobbyisten zuzudienen, sondern das Wohlbefinden ihrer Bevölkerung zu fördern.»

Für Entscheidungsträger müsse deshalb die Schlüsselfrage lauten, wie sie am besten das Glück fördern könnten.

Nebeneffekt von Glücksförderung

Die Studie zeigt auch die willkommenen Nebeneffekte eines hohen Glücksfaktors auf: Glückliche Menschen leben länger, sind produktiver, verdienen mehr und sind bessere Bürger, wie Sachs zusammenfasst. Er folgert: «Das Wohlergehen sollte sowohl um der Sache willen als auch wegen der Nebeneffekte gefördert werden.»

Seit der ersten Auswertung, bei der Daten aus den Jahren 2005 bis 2007 einflossen, sei die Welt insgesamt ein bisschen glücklicher und grosszügiger geworden, schreiben die Autoren. Konkret ist das Glück in den Erhebungsjahren 2011 und 2012 in Lateinamerika und in der Karibik um 7 Prozent gestiegen, in Ostasien um 5,1 Prozent und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion um 5,9 Prozent. Weniger Glück wurde im Mittleren Osten und Nordafrika (minus 11,7 Prozent) und in Südasien (minus 6,8 Prozent) gemessen.

Masseinheit Bruttonationalglück

Glück ist seit 2011 ein explizites Anliegen der Vereinten Nationen. Damals fasste die Generalversammlung den historischen Beschluss, die Mitgliedstaaten aufzufordern, das Glück der Bevölkerung zu erheben und die Erkenntnisse in die Staatstätigkeit einfliessen zu lassen.

Ausgerechnet ein Staat fehlt nun aber im Glücks-Rapport, in dem das Glück der Bewohnerinnen und Bewohner als Staatsziel offiziell festgeschrieben ist. In Bhutan im Himalaja ist das Streben nach dem Glück seit 2008 in der Verfassung verankert: Dem Bruttosozialprodukt ist das Bruttonationalglück als andere Masseinheit zur Seite gestellt.