Leben

Die Raketen-Mutter rennt allen davon

Kind gebären und weiterrrennen - Shelly-Ann Fraser hat das geschafft.

Kind gebären und weiterrrennen - Shelly-Ann Fraser hat das geschafft.

Wie kann man Mutter werden und im gleichen Tempo beruflich weitermachen? Das Rezept dazu ist nicht bekannt. Klar ist: Es geht. Das ist gut, findet unsere Autorin.

Sie ist 32 Jahre alt, sie hat einen zweijährigen Sohn und rennt allen davon. Nur 10,71 Sekunden brauchte Shelly-Ann Fraser-Pryce für 100 Meter. Am Montag gewann die Jamaikanerin in Doha ihre neunte Goldmedaille bei einer Weltmeisterschaft. Es war ihre wichtigste, die erste als Mutter. Mit Sohn Zyon auf dem Arm lief sie die Ehrenrunde im Stadion.

Während männliche Athleten auf ihre Siegerrunden so selbstverständlich ihre Kinder mittragen wie Spitzenfussballer ihre Dreikäsehochs in die Kamera halten, sind solche Bilder bei Sportlerinnen selten. Mutter und Top-Athletin? Eher weniger. Für Frauen galt: zuerst die Sportkarriere, dann das Kinderglück. Während ein Roger Federer Zwillinge und Trophäen gleichzeitig einsammelt, müssen Sportlerinnen nur schon beim Gedanken an ein Kind um ihre Sponsoren und ihre Fitness bangen.

Es sitzt nach wie vor tief, dass die Frauen bei den Kindern bleiben. Sonst sollen sie das mit dem Nachwuchs doch gleich ganz lassen. Nicht für Shelly-Ann Fraser-Pryce, nicht für Tennisspielerin Serena Williams auch nicht für die Schweizer Triathletin Nicola Spirig, die nach ihrem dritten Kind für die Olympiade 2020 trainiert. Der Sport ist für diese Frauen kein Hobby, es ist ihr Job, ihr Leben. Nach der Geburt kürzerzutreten ist für Spitzenathletinnen keine Option: Man wird nicht mit einem 50-Prozent-Pensum Weltmeisterin. Das Mantra von Shelly-Ann Fraser-Pryce lautet denn auch: «Be and become extraordinary» – Sei und werde aussergewöhnlich.

Der Shitstorm ist programmiert. Zu viel Druck würden Fraser und andere Sportlerinnen, die geboren haben, den normalen Frauen auferlegen, schallt es aus den Kommentarforen. Perfekte Körper und Hochleistungen wenige Monate nach der Geburt seien unrealistisch, ungesund, abnormal.

Was für ein Unsinn: Eine neunfache Weltmeisterin ist keine normale Frau, das war sie schon nicht, bevor sie Mutter wurde. Normale Frauen rennen nicht mit regenbogenfarbigen Haaren 100 Meter in 10,71 Sekunden. Es gibt Frauen, die sind schneller, schöner, gescheiter als der Durchschnitt (soll es bei Männer übrigens auch geben).

Sich mit ihnen zu vergleichen ist witzlos. Aber wenn wir wollen, können wir uns von ihnen inspirieren und antreiben lassen. «Ihr könnt alles schaffen!», rief Fraser über das Stadionmikrofon den Frauen in der Welt zu, in ihrem Armen ihr Sohn, auf der Tribüne klatschte ihr Mann. Sie hatte in dem Moment mehr gewonnen als eine Goldmedaille.

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Autor

Katja Fischer De Santi

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