Es war ein brillanter Schachzug. In Paris flogen die Pflastersteine, und das revolutionäre Fieber, das Frankreich wieder einmal erfasst hatte, griff von der besetzten Sorbonne-Universität auf die Fabriken über. Millionen streikten unter Führung der Renault-Arbeiter und lähmten die gesamte Wirtschaft. Die Fünfte Republik wankte in ihren Grundfesten, die Staatsgewalt war herausgefordert.

Und was tat ihr Gründer und Präsident auf der Höhe der Krise? Charles de Gaulle setzte sich am 29. Mai mit unbekanntem Ziel ins Ausland ab. Er informierte noch telefonisch seinen Premierminister Georges Pompidou, dass er «etwas Abstand gewinnen» wolle, setzte sich in einen Armeehelikopter und flog auf und davon, eine Nation am Rande des Nervenzusammenbruchs zurücklassend.

Charles de Gaulle mit Ehefrau Yvonne.

Charles de Gaulle mit Ehefrau Yvonne.

Später erst wurde bekannt, was der 77-jährige Ex-Weltkriegsheld unternommen hatte: Er besuchte in Baden-Baden General Jacques Massu, den Befehlshaber der französischen Besatzungstruppen im Nachkriegsdeutschland, um sich der Rückendeckung der Armee zu versichern.

Nicht mehr dasselbe Paris

Am nächsten Morgen, dem 30. Mai, erschien de Gaulle in Paris wie gewohnt zur Regierungssitzung. Doch Frankreich war nicht mehr dasselbe wie am Vortag: Über Nacht hatte es die verunsicherte und nun auch führungslose Nation mit der Angst zu tun gekriegt.

Genau diese Absicht hatte de Gaulle mit seiner Helikopterreise nach Unbekannt verfolgt: Von den Mai-Krawallen durchgeschüttelt, sollte Frankreich «in Panik ausbrechen», wie der «Le Monde»-Autor Yves Bordenave heute meint. Noch am Nachmittag des 30. Mai wandte sich de Gaulle über das Radio an seine Landsleute. Nein, er werde nicht zurücktreten, erklärte er dramatisch. Und nein, sein Premier Georges Pompidou werde auch nicht abdanken. Dafür löse der Staatschef die Nationalversammlung auf, um Neuwahlen anzusetzen. «Nein, die Republik wird nicht abdanken», rief er aus. «Das Volk wird sich wieder auffangen!»

Am Abend des gleichen Tages gingen in Paris Hunderttausende bestandener Bürger auf die Strasse, um gegen das «chienlit» (Chaos) zu protestieren. Ein Menschenmeer wälzte sich wortlos über die Avenue der Champs-Élysées. Die Wende war da, die Mai-Bewegung erhielt von der «schweigenden Mehrheit», wie sie de Gaulle nannte, den Gnadenstoss. Bei den Parlamentswahlen von Ende Juni gewann die neu gegründete gaullistische «Union zur Verteidigung der Republik» (UDR) die absolute Mehrheit von 293 der 487 Sitze. De Gaulles Autorität hatte triumphiert, Mai 68 war erledigt.

Der General pokerte zu hoch

So schien es zumindest fürs Erste. Doch nach seinem Geniestreich beging de Gaulle nämlich einen schweren Fehler, indem er Pompidou entliess. Der ruhige, massvolle Premier war den Franzosen nicht erst in den Mai-Unruhen positiv aufgefallen. De Gaulle dagegen versteifte sich in seiner selbstgerechten Devise «Ich oder das Chaos».

Als er bald eine Senats- und Regionalrevision vorlegte, um seinen gesellschaftlichen Reformwillen zu bekräftigen, verknüpfte er damit in seinem Eigenstolz sein eigenes Schicksal. Jetzt, wo die Gefahr eines Umsturzes gebannt war und die Ideen der «Achtundsechziger» bis in die bürgerlichen Mittelklassen vordrangen, galt de Gaulle aber nur noch als der «alte General». Im April 1969 lehnten die Franzosen die Senatsvorlage mit 52,6 Prozent ab. De Gaulle zog die erwartete Konsequenz und trat mit sofortiger Wirkung zurück. Der Mai 68 hatte de Gaulle doch in die Knie gezwungen.

Langsam setzten sich die progressiven Kräfte in der französischen Politik durch. 1969 wählten die Franzosen Pompidou zum Staatspräsidenten, 1974 den Liberalen Valéry Giscard d’Estaing und 1981 erstmals einen Sozialisten – François Mitterrand, der während der Mai-Unruhen den Rücktritt de Gaulles gefordert hatte.

Der Siegeszug der 68er-Ideen

Mitterrands Slogan «changer la vie» (das Leben verändern) nahm die Studentenforderungen von einst auf. Und nicht nur sie. Mehr oder weniger direkte Folgen von 1968 waren die Zulassung des Schwangerschaftsabbruchs (Gesetz von Ministerin Simone Veil 1975), ja die gesamte Bewegung zur «Frauenbefreiung» (MLF). Vor 1968 benützten nur 4,8 Prozent der Frauen die Verhütungspille; im Jahr 2000 waren es 43,6 Prozent. Das kinderreichste Alter werdender Mütter stieg von 22 Jahren (1968) auf 29 Jahre (heute).

Dazu kam die Demokratisierung der Bildung: 1968 absolvierten nur 19 Prozent der Schüler das «Bac» (baccalauréat, Matura); heute sind es 80 Prozent. Die Zahl der Studenten nahm von 750'000 auf 2,6 Millionen zu.

Eine der zahllosen indirekten Errungenschaften von Mai 68 war die Gründung von Ärzte ohne Grenzen in Paris. In der Arbeitswelt kamen dazu die Erhöhung des Mindestlohnes um ein Drittel oder die Arbeitszeitverkürzung, die noch 1999 in die 35-Stunden-Woche in Frankreich ausmündete.

De Gaulle erlebte all das nicht mehr; er war 1970 verstorben. Und mit ihm die alte Zeit – die vor dem Mai 68.