Ophrys-Orchideen sind wahre Meisterinnen in der Kunst der Verführung. Ihren Düften und leckeren Lippen können manche Bienenmännchen nicht widerstehen. Die Orchidee verwendet nämlich einen listigen Trick, um ihre Bestäubung sicherzustellen. Sie imitiert weibliche Bienen und lockt so paarungswillige Männchen an, die ihr bei der Fortpflanzung helfen.

Die Bienenherren leben weniger lang als die Weibchen, ihr einziger Lebenszweck ist die Fortpflanzung. Sie stehen deshalb unter grossem Druck, möglichst schnell eine Partnerin zu finden. Die Ophrys-Orchidee (deutsch: Ragwurz) nutzt das aus und bildet Blüten mit einer braunen Lippe, die für das Insektenauge aussehen wie eine Artgenossin.

Zusätzlich produziert die Orchidee einen Duft, der jenem von Bienenweibchen sehr ähnlich ist – auf molekularer Ebene unterscheidet er sich nur minim vom echten Sexuallockstoff verschiedener Bienenarten. Besonders beeindruckend: Die Ophrys bildet sogar die Behaarung von weiblichen Bienen nach. Diese spielt bei der Fortpflanzung der Insekten eine wichtige Rolle, denn sie dient den Männchen als Orientierungshilfe, um das weibliche Abdomen zu finden.

Weder Sex noch Nektar

Bei der Ophrys gibt es für die Bienenherren allerdings nichts zu finden, nicht mal nahrhaften Nektar. Im Gegenteil, sie werden sogar noch ausgenutzt: Währenddem sich die Bienen zu paaren versuchen, streift die Pflanze von oben ein klebriges Pollenpaket auf den Nacken ihres Liebhabers. Dieser wendet sich nach einer Zeit enttäuscht ab und macht die Fliege. Wenn der Bienenmann die nächste Ophrysblüte besucht, reibt er beim Paarungsversuch das Pollenpaket ab und begattet die Blüte unbewusst. Die Ophrys täuscht so ihren Liebespartner und missbraucht ihn als Postboten für ihr Pollenpaket.

Da der Duft von weiblichen Bienen je nach Art sehr unterschiedlich ist, fallen aber nur wenige Bienenarten auf den Ophrysduft herein. Um sich fortzupflanzen, sind die Orchideen deshalb darauf angewiesen, dass genau die richtige Bienenart in ihrem Verbreitungsgebiet vorkommt. Weil das nicht immer der Fall ist, sind die Orchideen eher selten. In der Schweiz gelten alle sechs einheimischen Ragwurzarten laut der Roten Liste mindestens als gefährdet.

Zwei Biologen aus Mallorca haben nun einen weiteren Grund entdeckt, weshalb die Pflanzen Mühe bekunden, sich fortzupflanzen. Sie markierten Ophrys-Orchideen an verschiedenen Standorten und werteten aus, wie häufig diese Bienenbesuch erhielten. Das verblüffende Ergebnis: Die Orchideen, welche alleine lebten, wurden deutlich häufiger besucht als jene, die in einer grösseren Population wuchsen.

Für die Wissenschaftler sind diese Ergebnisse erklärbar. Sie vermuten, dass sich die Bienen bei Präsenz von zu vielen Blüten gestresst fühlen und flüchten, weil sie meinen, von Artgenossen umzingelt zu sein. Ironischerweise wird der Pflanze damit ihre eigene Täuschung zum Verhängnis.