Leben

Die Musik von Andreas Vollenweider kann heilen

Andreas Vollenweider an der Harfe in seinem Chalet am Zürichberg.

Andreas Vollenweider an der Harfe in seinem Chalet am Zürichberg.

Andreas Vollenweider gibt nach fast zehn Jahren Pause sein Comeback mit neuer Musik und dem Romandebüt «Im Spiegel der Venus».

Der berühmte Harfenist Andreas Vol­lenweider empfängt uns in seinem Chalet, das von so vielen Bäumen umgeben ist, dass wir uns im Wald wähnen − und das in Zürich.

Vor fast 10 Jahren haben Sie sich zurückgezogen. Wieso eigentlich?

Andreas Vollenweider: Das Konzert am Montreux Jazz Festival 2011 war ein würdiger Abschluss. Für mich war das der richtige Zeitpunkt, mich etwas anderem zuzuwenden. Da gab es etwas, das mich seit der Kindheit beschäftigte. Fragen, die mich oft nicht haben schlafen lassen. Es sind für mich die Fragen aller Fragen. Schreiben war für mich immer eine Möglichkeit, komplexere Themen und Gedanken zu verarbeiten. Da war nie etwas für die Veröffentlichung gedacht. Dann hat sich immer mehr eine Geschichte entwickelt, von der ich dachte, dass andere sich dafür interessieren könnten. Daraus wurde der Roman «Im Spiegel der Venus».

Was sind diese Fragen aller Fragen?

Ich wollte die Anatomie der Wirklichkeit verstehen. Wieso ist es, wie es ist? Was macht die Dinge zu dem, was und wie sie sind? Wo ist der Anfang vom Anfang vom Anfang? Zu diesen Fragen fand ich nirgends eine Antwort, weder bei der Wissenschaft noch bei der Philosophie, erst recht nicht bei den Religionen. Wo beginnt die Wirklichkeit? Denn was wir wahrnehmen, ist nicht der Anfang. Wenn wir etwas wahrnehmen, ist es schon da.

Wie war Ihre Vorgehensweise?

Als Autodidakt bin ich nie durch die akademischen Mühlen gegangen. So geniesse ich das Privileg der Vogelperspektive, die einen erweiterten Blick auf die Zusammenhänge öffnet. Für mich war die Schule reine Folter, sterbenslangweilig, Zeitverschwendung. Ich musste und wollte immer alles zuerst selbst herausfinden, die Rätsel selbst lösen können. Das war in der Musik genauso wie jetzt beim Schreiben. Diese Vorgehensweise ist unglaublich spannend. Erst wenn ich geglaubt habe, den Fisch gefangen zu haben, habe ich die entsprechende Literatur und auch gestandene Naturwissenschafter, Philosophen, Historiker und Theologen konsultiert, um zu schauen, wie sie auf meine Thesen reagieren.

Wieso in der Form eines Romans?

Ich habe versucht, die hochkomplexen Themen so unterhaltsam und spannend und vor allem so unakademisch wie möglich in eine Geschichte zu packen. Da geht es um ein Cello spielendes Kind, welches mit seiner ungewöhnlichen Musik die Menschen tief zu berühren vermag, es kommt sogar immer häufiger vor, dass Schwerstkranke Heilung erfahren. Natürlich liegt ihm als dem neuen Messias bald die Welt zu Füssen. Er aber will und muss verstehen, was hinter dieser Wirkung steht, und macht sich auf die Suche. Wir begleiten ihn auf dem schwierigen Weg zum Erwachsenen und erleben, wie sich dieses Rätsel enthüllt, das Rätsel um das Entstehen von Wirklichkeit.

Woher kommen Ihre Zweifel an der Wirklichkeit?

Ich hatte nicht Zweifel an der Wirklichkeit, aber ich wusste, dass die gängigen Erklärungen im besten Fall unvollständig sind. In allen spirituellen Modellen, selbst im Buddhismus, trifft man einfach auf zu viele Ungereimtheiten. Es braucht keine Kirchen, Tempel oder Statuen, keinen Prunk. Es geht darum, die spirituelle Kraft der Wirklichkeit im Leben selbst zu entdecken, in jeder Begegnung, in jedem Erleben der Natur. Diese Kraft muss nicht beeindrucken.

Zur Person

Andreas VollenweiderDer Zürcher Harfenist, 66, feiert als einer der wenigen Schweizer Musiker Erfolge auf der ganzen Welt. 1987 wurde er mit einem Grammy geehrt. «Im Spiegel der Venus» heisst sein erster Roman, in welchem er die drängenden Fragen der Wirklichkeit ergründet. Dabei geht es um die Kraft der Imagination und der Musik. Gleichzeitig erscheint das Album «Quiet Places» mit der Cellistin Isabel Gehweiler und Schlagzeuger Walter Keiser. Der Themenkreis des Buches und das Album haben sich gegenseitig inspiriert. (sk) «Im Spiegel der Venus» (Midas), 416 Seiten. «Quiet Places» mit Isabel Gehweiler und Walter Keiser.

Andreas Vollenweider

Der Zürcher Harfenist, 66, feiert als einer der wenigen Schweizer Musiker Erfolge auf der ganzen Welt. 1987 wurde er mit einem Grammy geehrt. «Im Spiegel der Venus» heisst sein erster Roman, in welchem er die drängenden Fragen der Wirklichkeit ergründet. Dabei geht es um die Kraft der Imagination und der Musik. Gleichzeitig erscheint das Album «Quiet Places» mit der Cellistin Isabel Gehweiler und Schlagzeuger Walter Keiser. Der Themenkreis des Buches und das Album haben sich gegenseitig inspiriert. (sk) «Im Spiegel der Venus» (Midas), 416 Seiten. «Quiet Places» mit Isabel Gehweiler und Walter Keiser.

Welche Rolle spielt dabei Musik?

Sie kann uns helfen, hinauszutreten aus der dominanten Welt des Verstandes mit Raum und Zeit. Musik führt uns ins Jetzt, in die reine Gegenwart. Das ist der einzige Moment, der verbindlich und wirklich ist. Musik verkörpert das Jetzt wie nichts sonst. Ein bereits gespielter Ton ist nicht mehr hörbar. Und ein noch nicht gespielter Ton ist noch nicht hörbar. Vergangenheit ist Erinnerung, und Zukunft ist Projektion. Wenn wir in die Musik hin­einsinken, sind wir ganz im Jetzt. Das ist tiefgreifend wohltuend, ja sogar heilsam.

Im Buch geht es um die Kraft und Macht der Musik. Hat sie wirklich auch heilende Wirkung?

Musik wirkt indirekt über Resonanzen in unserem seelischen Bereich, in den tiefen Emotionen. Ich hatte 2014 die Gelegenheit, an einem Forschungsprojekt des Bundes mit der Universität Genf teilzunehmen, welches diese These erstmals wissenschaftlich belegen konnte. Es geht um Frühgeburten, die durch den enormen Stress ihrer Situation unter Störungen leiden, die teilweise lebenslange gravierende emotionale, kognitive und soziale Defizite verursachen. Es war meine Aufgabe, eine Klangwelt zu schaffen, die einerseits eine Tiefenentspannung ermöglicht und andererseits, durch sparsam eingesetzte Geräusche, Töne und Effekte, die Aktivität des Gehirns der Kinder anregt – und damit dessen Entwicklung. Die fünfjährige Doppelblindstudie hat ergeben, dass jene Babys, die dreimal täglich diese Klänge hörten, signifikante Verbesserungen zeigten, bis hin zu einer normalen Entwicklung.

Wie klingt diese Musik?

Das ist natürlich eher funktionale Musik. Sie lässt sich nicht vergleichen mit meinen bisherigen Arbeiten. Es sind schwebende Klänge aus Hunderten von wandernden Obertönen aus menschlichen Stimmen, die eine tiefe Entspannung bewirken. Die Ergebnisse haben alle Erwartungen übertroffen und in der Fachwelt Begeisterung ausgelöst. Das «National Geographic Magazine» hat das Resultat als eine der zwölf wichtigsten Innovationen der Medizin aufgeführt, die die Medizin der Zukunft revolutionieren werden. Das sind na­türlich grosse Worte, aber wir sind auf dem Weg.

In Ihrem Roman geht es aber weiter. Blinde können plötzlich sehen, Gelähmte können gehen.

Im Roman ist das vielleicht eine fiktionale Überhöhung, vom Prinzip her ist es aber durchaus realistisch. Auch wenn ich nicht allein mit Musiktherapie einen Beinbruch zu heilen versuchen würde, so ist die Wirksamkeit einer emotionalen Erfahrung als therapeutische Methode heute unbestritten. Als wir vor sechs Jahren mit dem Frühgeburten-Projekt begannen, konnten auch wir uns dieses Resultat nicht vorstellen.

Wie muss Musik klingen, damit sie positiv wirkt?

Jede Musik hat verschiedene Wirkungen. Unsere Musik soll, ganz schlicht, eine positive Wirkung entfalten, sie soll ein Glücksgefühl auslösen, ein Gegengewicht sein zum scheinbar dominierenden Dunklen, sie soll Kraft und Motivation geben. Auch für mich selbst. Schon in meiner Kindheit war Musik für mich eine Überlebensstrategie in der Welt der Schule, die ich als brachial, demotivierend und uninspirierend empfand, die meine individuelle Entwicklung sabotierte und meine Zeit verschwendete. Jeden Tag nach der Schule rannte ich jeweils nach Hause, um während zweier Stunden am Klavier meine Welt wieder aufzubauen.

Sie sind ein ewig Fragender und Hinterfragender. Hinterfragen Sie auch das Coronavirus?

Da gibt es keinen Grund zu zweifeln. Ich kenne Leute, die sehr schwer krank wurden. Es mag sein, dass gewisse Massnahmen etwas übertrieben waren. Am Anfang, als man noch nichts wusste. Aber jetzt macht es doch wirklich keinen Sinn, sich militant dagegen zu wehren und in allem sogar eine Bedrohung der Demokratie zu sehen. Das ist das System der 68er-Jahre, welches auf dem Schaffen von Feindbildern aufbaut. Da sollten wir langsam herauswachsen. Unser System mag träge und langsam sein, aber genau das schützt uns vor uns selbst, auch wenn es manchmal politisch nerven kann.

Wie viel von Armando, der Hauptfigur im Roman, steckt in Ihnen?

Ich bin ziemlich ähnlich aufgewachsen wie mein Protagonist. In einer hochinspirierenden, hochanregenden Umge­bung. Ich hatte zwei wunderbare und inspirierende Mentorinnen. Da war einerseits meine Mutter. Sie för­derte die kindliche Welt der Fantasie in mir. Und es gab eine ältere Dame in meinem Umfeld, die ich täglich besuch­te und die mich in die geistigen Dinge, die Philosophie, die Geschich- te, das Theater, die Literatur und die ver­schiedenen spirituellen Lehren ­einführte. Durch meinen Vater Hans Vollen­weider, selbst Musiker und ­Komponist, habe ich erfahren, wie ­Musik uns Zugang zu unserem tiefs- ten Inneren verschaffen kann, da nur Musik es versteht, unseren do­minanten Verstand zu einer Pause zu verführen.

Sie haben 1987 den Grammy in der Kategorie New Age erhalten. Stört es Sie eigentlich, wenn man Sie als New-Age-Musiker bezeichnet?

Heute kommt dies zum Glück nicht mehr oft vor. Sagen wir es so: Im Jahr vor uns hat Peter Gabriel den Grammy in dieser Kategorie gewonnen. Ein Jahr danach der Jazzmusiker Yusef Lateef. In dieser Gesellschaft fühle ich mich durchaus wohl. Aber natürlich, diese Kategorisierung hat nie gepasst, hat uns in der Folge massiv eingeschränkt und viele Leute abgeschreckt und ausgeschlossen.

Was ist stärker? Der Gedanke oder die Musik?

Das kann man nicht sagen. Musik ist die Umgebung, und der Gedanke ist der Ausgangspunkt einer Aktion in dieser Umgebung. Musik gibt dem Gedanken Kraft und unterstützt ihn auf seinem Weg zur Aktion. Ich glaube an die grenzenlose Tiefe des Menschen, und ich sehe, dass wir nur einen kleinen Teil dieser Tiefe bewirtschaften. Ich will dazu beitragen, dass wir diese Tiefe in uns entdecken. Denn dort, in der Tiefe, passiert’s, dort ist der Anfang vom Anfang vom Anfang.

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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