Der Neustart

Die Menschheit nach der Apokalypse: Wie startet man eine Zivilisation neu?

Explosion von Upshot-Knothole Badger 1953 auf der Nevada Test Site

Explosion von Upshot-Knothole Badger 1953 auf der Nevada Test Site

Die Katastrophe ist eingetreten. Ein Meteoriteneinschlag, eine gewaltige Sonnenerruption, die ultimative Atomkatastrophe – egal, auf jeden Fall liegt alles in Trümmern. Was es braucht, um die Zivilisation wiederaufzubauen. Ein Gedankenexperiment.

Rrrrummmms!

Dann wirds still. Ziemlich still.

Und wenn sich der Staub verzogen hat, sieht man, dass man allein ist. Der letzte Mensch auf der Erde.

Dann sucht man in den Trümmern nach anderen Überlebenden. Meist findet man auch welche. Sonst würde das ein ganz langweiliger Film. Die anderen Überlebenden sind aber in der Regel nicht freundlich, sondern haben nur eins im Kopf: ÜBERLEBEN! Und dann gibts einen Film à la Thomas Hobbes, gegeben wird der berühmte «Krieg aller gegen alle». Und das Böse im Menschen kann live beobachtet werden.

Dumm nur, dass sich dergleichen wohl nie ereignen wird. Hobbes wird stattfinden, das schon. Aber dafür reicht wohl schon ein Blackout der Stromversorgung, der ein paar Tage anhält. Man dürfte sich wundern, wie schnell es geht, wenn staatliche Strukturen und Rechtssysteme zusammenbrechen, bis organisierte Gangs und gewaltbereite Räuberbanden, auftreten. Eine Woche, zwei Wochen?

Irgendwann werden sich auch die Gangs darauf besinnen, wie es denn weitergehen soll. Spätestens dann, wenn es nichts mehr zu stehlen gibt. Wie können wir überleben, wenn nichts mehr funktioniert. Wie kommen wir wieder auf die Beine?

Einen Baum pflanzen. Zweifellos eine gute Idee, wenn nichts mehr da ist. Aber wie macht man es, damit er auch wächst? Und was tut man, bis er gross ist?

Einen Baum pflanzen. Zweifellos eine gute Idee, wenn nichts mehr da ist. Aber wie macht man es, damit er auch wächst? Und was tut man, bis er gross ist?

Die wichtigste Erfindung

Was braucht es für den «Restart der Welt»? Lewis Dartnell hat sich der Frage gestellt. Und ein Handbuch für das Leben nach der Apokalypse geschrieben. Zwei Dinge sind interessant, bevor man sich konkret fragt, wie man die Zivilisation neu booten könnte: die Bedingungen dafür, dass es überhaupt eine Chance gibt; und welche Art von Wissen unabdingbar ist. Zu den Bedingungen später.

Die Frage nach dem wichtigsten Wissen scheint leicht, bevor man sie sich im Detail stellt. Irgendetwas Technisches natürlich. Ja, klar. Aber welche Technik? Elektro? Bau? Agronomie? Physik? Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman gab eine überraschende Antwort.

Wenn genau eine Information an die intelligenten Überlebenden unserer Zivilisation übergeben werden kann, würde er «die Atomhypothese» wählen. Alles besteht aus kleinsten Teilchen, die sich bewegen, sich anziehen, sich gegenseitig abstossen und anderen Gesetzen mehr folgen. Daraus – ist er überzeugt – liesse sich alles andere erschliessen. Ja, ein Mann wie Feynman könnte das natürlich. Bei mir bin ich da nicht so sicher.

Gibt es überhaupt eine Chance?

Dartnell macht sich keine Illusionen. Einen atomaren Holocaust würde die Menschheit wahrscheinlich nicht überleben. Vergiftete Böden und der atomare Winter würden die Menschen wohl verhungern lassen. Auch ein extraterrestrisches Ereignis, ein koronaler Massenauswurf der Sonne oder ein grösserer Kometeneinschlag wäre wohl das Ende des Menschen auf dem Planeten. Überlebenschancen gibt es laut Dartnell eigentlich nur, wenn zwar viele Menschen sterben, die Infrastruktur aber noch einigermassen steht. Das ist schon schwierig genug. Ein mögliches Szenario wäre eine Pandemie.

Wie gross müsste eine Ursprungspopulation sein, damit sie nicht in der Falle einer Jäger- und Sammlerexistenz gefangen bleibt? Muss man jeden Tag ums Überleben kämpfen, hat man kaum Zeit, wieder eine Zivilisation zu gründen. Etwa 10 000 Überlebende würde es brauchen, sagt Dartnell. Und – wie erwähnt – eine Gnadenfrist. Die Infrastruktur steht ja noch und kann ausgeschlachtet werden. Die Supermärkte haben noch ziemlich volle Regale, vor allem viele Konservendosen. Und unter den Tankstellen und andernorts hat es noch Benzin.

Keine Ahnung mehr

Die Aufgabe lautet: Wiederaufbau einer technologisch hoch entwickelten Gesellschaft. Stellt man sich ihr, stellt sich schnell Desillusionierung ein. Wir haben übers Ganze gesehen keine Ahnung, wie unsere Welt funktioniert. Unsere Überlebensfähigkeiten sind so stark verkümmert, dass wir sehr weit unten anfangen müssten.

Es gibt offenbar keinen einzigen Menschen auf der Erde, der fähig wäre, allein einen Bleistift herzustellen. Die Rohstoffe sind schwierig aufzutreiben und die Fertigungsschritte finden an weit auseinanderliegenden Orten statt.

Aber wir haben ja unsere Gnadenfrist, etwas Zeit zu lernen.

Was bildet das Grundgerüst der Zivilisation? Was braucht der Mensch? Die Grundbedürfnisse sind seit längerer Zeit dieselben: Nahrung, Kleidung, Wohnen, Energie, Medizin, Transport und ein bisschen wissenschaftliches Know-how.

Das müssten Sie wissen/können

Machen wir einen kleinen Test, ob Sie bei der Lösung der Aufgabe hilfreich wären.

Landwirtschaft: Nur so viel: Landwirtschaft ist nicht Rüebli wachsen lassen im Garten. Ohne Saatgut läuft nichts, ohne Dünger (nicht nur Mist) auch nichts. Ohne Chemie sind Sie und Ihre Gruppe verloren. Und mindestens pflügen müssten Sie können (inkl. Geräte herstellen und instand halten). Nahrungsmittel müssen auch zubereitet und konserviert werden.

Kleidung: Sie haben Schafe und Sie haben vielleicht die richtigen Pflanzen (Naturfasern). Können Sie karden, spinnen und weben? Und das möglichst in industriellem Massstab?

Wohnen/Bauen: Wissen Sie, wie man Mörtel macht? Zement? Oder Beton? Kennen Sie die chemischen Prozesse, die es dafür braucht?

Energie: Holz verbrennen ist keine Kunst. Wissen Sie, was Sie als Erstes organisieren müssen? Nein, keine Uranvorräte. Sondern die Lichtmaschinen der Autos. Die liefern brauchbaren 12-Volt-Strom.

Medizin: Richtig Bescheid wissen – aussichtslos für einen Laien. Was ist das Wichtigste fürs unmittelbare Überleben? Der Schutz vor Infektionskrankheiten. Und was wäre da vor allem zu tun? Genau: Hände waschen. Und jetzt stehen Sie vor dem Problem: Wie zum Teufel macht man Seife?

Transport: Wissen Sie, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert? Könnten Sie eine Dampfmaschine zusammenbasteln? Wissen Sie, wie mechanische Bewegungsenergie übertragen wird? Kennen Sie den Unterschied zwischen einem unterschlächtigen und einem oberschlächtigen Wasserrad?

Wenn Dartnell uns das alles erklärt, erfahren wir auch Aufschlussreiches über die Grundlagen unserer Wissenschaft und Technik. Im Zuge eines kurzweiligen Gedankenexperiments.

Lewis Dartnell: Das Handbuch für den Neustart der Welt. Alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht. Hanser- Verlag Berlin 2014. 367 S., Fr. 37.90.

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