Wieso hat niemand vor 36 Jahren die Bundespolizei angerufen? Das fragte US-Präsident Donald Trump per Twitter, als sein Richterkandidat Brett Kavanaugh der versuchten Vergewaltigung beschuldigt wurde. Das mutmassliche Opfer, die Professorin Christine Blasey Ford, ist 51 Jahre alt. Beim von ihr geschilderten Vorfall war sie 15 gewesen. Dass sie mit ihren Vorwürfen erst jetzt an die Öffentlichkeit gelangt, nimmt Trump nun also als Argument, um ihre Glaubwürdigkeit anzuzweifeln.

Dass sexuelle Gewalt nicht der Polizei gemeldet wird, ist aber keine Ausnahme, sondern der Normalfall: In den USA kommen zwei von drei Vergewaltigungsversuchen nicht zur Anzeige, wie eine Statistik des US-Justizdepartements zeigt. Bei anderen Sexualdelikten ist die Dunkelziffer noch höher. Das deckt sich mit den Erfahrungen der Psychologin Bettina Steinbach von der Frauenberatung Sexuelle Gewalt in Zürich. «Die wenigsten Opfer sexueller Übergriffe öffnen sich gleich danach», sagt sie. «Sie sind geschockt und versuchen, das Erlebnis ungeschehen zu machen, indem sie tun, als sei nichts passiert.» Weitere Gründe für das Schweigen sind Scham – und die Absicht, Angehörige wie die Schwester oder die Mutter nicht zu belasten. Deshalb werden viele Delikte nie angezeigt. «Vergewaltigung ist in der Praxis fast straffrei», stellt Steinbach fest.

Der Entscheid, zu reden, kommt nicht selten Jahre oder Jahrzehnte später. «Ich hatte eine Klientin in der Beratung, bei der mit 84 Jahren Kindheitserinnerungen von sexuellen Übergriffen durch den Vater hochgekommen waren», erzählt Steinbach. Dass sich ein Opfer nach langer Zeit öffne, könne diverse Auslöser haben: Eine Situation, welche an die Hilflosigkeit von damals erinnert. Eine Person, welche dem Täter ähnelt. Der Geruch des Rasierwassers, das der Täter benutzt hatte.

In den USA scheint es die öffentliche Aufmerksamkeit um Kavanaugh zu sein, die inzwischen drei mutmassliche Opfer dazu brachte, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Auch abseits des politisch brisanten Falls lösten die Diskussionen vieles aus. So beschrieb am Dienstag die TV-Moderatorin Padma Lakshmi in der «New York Times», wie sie als 16-Jährige – vor 32 Jahren – vergewaltigt wurde und es niemandem erzählte. Erst Jahrzehnte später habe sie in der Therapie darüber reden können.

Womit eine Frau zu rechnen hat, wenn sie mit derartigen Vorwürfen an die Öffentlichkeit gelangt, zeigte sich bei Christine Blasey Ford: Sie erhielt Todesdrohungen – und wurde vom Präsidenten indirekt als Lügnerin dargestellt, indem er ihre Aussagen anzweifelte. Doch auch dazu gibt es in seinem Land Statistiken: Laut dem Nationalen Informationszentrum Sexuelle Gewalt liegt der Anteil falscher Anschuldigungen wegen sexueller Übergriffe je nach Studie zwischen zwei und zehn Prozent. Demgegenüber wird jede fünfte Frau in den USA in ihrem Leben tatsächlich Opfer einer Vergewaltigung, eines Vergewaltigungsversuchs oder einer Schändung.