Die gute Nachricht ist: Nur wenige Menschen sind der Meinung, Wahrheit sei bloss Ansichtssache. Dies zeigt eine neue Befragung von gut 8500 Schweizerinnen und Schweizern durch das Forschungsinstitut Sotomo. Umgekehrt sind es nur ganz wenige, die glauben, es lasse sich eindeutig bestimmen, was die Wahrheit sei. Die grosse Mehrheit, weiss, worüber sich Philosophen seit Jahrhunderten den Kopf zerbrechen: Wahrheit ist ein schwieriges, vielschichtiges, schwer zu fassendes und flüchtiges Wesen.

Immer mehr Menschen meinen allerdings, sich ihre eigene Wahrheit zimmern zu können. Dazu haben sie einen kreativen Umgang mit den Fakten entwickelt, den Ingredienzen der Wahrheit. Stellen sich Tatsachen gegen ihr vorgefasstes Weltbild, werden diese einfach ausgeblendet. Die «gefühlte Wahrheit», die alltäglich hilft, sich zurechtzufinden, auch ohne die Fakten genau zu kennen, behält für sie Geltung, selbst wenn hinzukommende Informationen etwas anderes besagen. Sie bewegen sich in «Echokammern», in denen nur wiederschallt, was gehört werden will. Die aufklärerische Haltung, sich auch eines Besseren belehren zu lassen, ist ausser Kraft gesetzt.

In langjährigen «Sorgenbarometer»-Studien ist die Neigung der Menschen dokumentiert, in ihrer «gefühlten Wahrheit» die Wahrscheinlichkeit negativer Ereignisse zu überschätzen. Selbst wenn die Statistik dagegen spricht, von einem Unfall oder einer Erkrankung erfasst zu werden, fühlen sie sich gefährdet. Neuer ist das Phänomen, dass dieses psychologische Muster politisch gezielt genutzt wird, um genehme Wahrheiten zu produzieren.

Legendär ist das 2016 geführte Interview des rechtskonservativen US-Politikers Newt Gingrich mit dem Sender CNN. Die Interviewerin hielt dem Politiker mittels FBI-Statistiken vor, seine Aussage, die Kriminalität in den USA steige, sei empirisch einfach falsch. Darauf entgegnete Gingrich entwaffnend, dies sei bloss eine Meinung; Fakt sei jedoch, dass sich die Amerikaner weniger sicher fühlten.

Latente Bedrohung

Sich mit Ignoranz der Fakten zu entledigen oder zur blossen Meinung herabzuwürdigen, ist das Kennzeichen «postfaktischer Politik», wie sie gerade im US-Wahlkampf 2016 Schlagzeilen machte. Eine noch problematischere Form der Wahrheitsproduktion ist es allerdings, in den Untiefen des Internets nach zufällig passenden Informationshäppchen zu fischen, um die eigene Wahrheit argumentativ zu unterlegen. Das Tor zu «Fake News» ist damit weit geöffnet. Das ist die beunruhigende Nachricht.

Die Sotomo-Studie zeigt, dass auch hierzulande «Fake News» als latente Bedrohung wahrgenommen werden. Aus Sicht der Bevölkerung handle es sich dabei um eine ernstzunehmende Sache, die zu einer Gefahr für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt geworden sei. Vier von fünf Personen haben in der Befragung angegeben, «sich auch selbst zumindest gelegentlich von falschen Nachrichten in der politischen Meinungsbildung beeinträchtigt zu sehen».

«Fake News» sind nicht blosse Falschmeldungen, die als Unvermögen oder Missverständnis in die Welt kommen. Hinter «Fake News» stehen Absichten, mittels gefälschter oder fingierter Information eine bestimmte Wahrheit entstehen zu lassen. Versuche gezielter Irreführungen sind jedoch keine moderne Erfindung, sondern eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Die katholische Kirche produzierte um das Jahr 800 einen geradezu archetypischen «Fake News»-Vorläufer.

Sie präsentierte eine historische Urkunde, die als Konstantinische Schenkung bekannt wurde. Demnach habe der römische Kaiser Konstantin I. um das Jahr 315 den Päpsten die Oberherrschaft über Rom und die Westhälfte des Römischen Reichs übertragen. Im 15. Jahrhundert flog die Fälschung auf, aber noch im 19. Jahrhundert beharrte die Kurie auf der Existenz der Schenkung; sie räumte lediglich ein, dass die Urkunde gefälscht worden sei.

War die Konstantinische Schenkung nach Karl Marx eine Tragödie, so wiederholt sich die Geschichte nun als Farce mit Donald Trump. Dieser behauptete, seiner Inaugurationsfeier vor dem Weissen Haus hätten mehr Leute beigewohnt als acht Jahre zuvor der Amtseinführung von Barack Obama. Frei zugängliche Bildaufnahmen machten den Unsinn von Trumps Aussage offensichtlich. In die Enge gedrängt, kreierte daraufhin seine Sprecherin den Begriff der «alternativen Fakten», um das Unwahre weiterhin wahr behaupten zu können. Die Lüge hatte einen neuen Namen erhalten.

«Fake News» sind «Fake News»

Wie der Kampf um Wahrheit stets auch als Kampf der Begriffe ausgetragen wird, zeigt sich an der Karriere des Doppelwortes «Fake News», das sich mit der Auszeichnung «Anglizismus des Jahres 2016» auch im deutschen Wortschatz festgesetzt hat. Die Jury zeichnete in ihrer Würdigung die Herkunftsgeschichte nach: Ende des 19. Jahrhunderts habe sich der englische Begriff erstmals als Beschreibung für eine bewusste Falschmeldung in Zeitungen gefunden.

Zum festen Begriff wurde er um das Jahr 2000 im Zusammenhang mit satirischen TV-Magazinen, die erfundene Nachrichten einspielten und damit die Grenzen zur Fiktion ausloteten. Es bedurfte aber erst einer semantischen Perversion durch Donald Trump, um dem Begriff international zum Durchbruch zu verhelfen. Denn Trump, der sich als dessen Wortschöpfer sieht, bezeichnet mit «Fake News» nicht etwa seine eigenen Wahrheitskreationen.

Er setzt ihn vielmehr als Kampfbegriff gegen die sogenannten «Mainstream»-Medien ein, um deren kritische Berichterstattung zu desavouieren. Als grösste «Fake News» könnte deshalb die Verwendung des Wortes «Fake News» betrachtet werden.

In Deutschland wird parallel und in ebenfalls herabsetzender Weise das Wort der «Lügenpresse» eingesetzt. Dessen Begriffsgeschichte trägt allerdings die Besonderheit, dass jede als feindlich betrachtete Presse seit Mitte des 19. Jahrhunderts dieses Attribut angeheftet erhält: Die kommunistische Arbeiterbewegung beschimpfte mit diesem Wort die bürgerliche Presse, die Nationalsozialisten diskreditierten jüdische und kommunistische Publikationen, in der DDR wurde damit die westdeutsche Presse tituliert. Nun gehört die «Lügenpresse» zum festen Vokabular von Rechtspopulisten, um die Arbeit missliebiger «Mainstream»-Journalisten herabzusetzen.

Attraktive Falschmeldungen

Dass das Internet und die Social-Media-Kanäle als Brandbeschleuniger für die Verbreitung von «Fake News» funktionieren, hat eine gross angelegte Studie des «Massachusetts Institute of Technology» (MIT) gezeigt. Demnach liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine falsche Nachricht weiterverbreitet wird, um siebzig Prozent höher als bei einer korrekten Nachricht. Der Befund erklärt sich aus den bekannten Erkenntnissen der Medienforschung, wonach umstrittene Informationen als interessanter erscheinen, mehr Emotionen wecken und deshalb auch leichter zum «Sharen» auf Twitter oder «Liken» auf Facebook verleiten.

Für den Politologen Michael Hermann, Mitautor der Sotomo-Studie, ist alarmierend, dass das Social-Media-Phänomen auch auf die klassischen Medien abfärbt. Ungeachtet des Wahrheitsgehaltes stellt die Sotomo-Studie fest: Für einen Grossteil der Schweizerinnen und Schweizer ist klar, dass mit dem Aufkommen des Internets auch in den klassischen Medien der Anteil an Unwahrheiten gestiegen sei. Den traditionellen Medienredaktionen weisen die Nutzer dabei eine schizophrene Doppelrolle zu: Einerseits wird ihnen unterstellt, zunehmend selbst Verbreiter von «Fake News» zu sein, was ihre Glaubwürdigkeit beschädigt; andererseits wird von ihnen erwartet, als Korrektiv zu wirken und Falschmeldungen als solche zu entlarven.

Je zweifelhafter die Authentizität von Fakten wird, desto wichtiger wird die Glaubwürdigkeit der Informationsquellen. Die Sotomo-Studie hat diese untersucht und für die SRG eine frohe Botschaft bereit: Die öffentlich-rechtlichen Medien geniessen in der Schweiz am meisten Vertrauen, Internetformen das kleinste. Eine Detailbetrachtung zeigt allerdings die Brüche: Eine höhere Bildung führt grundsätzlich zu mehr, eine tiefere Bildung zu weniger Vertrauen in die öffentlich-rechtlich produzierten Inhalte. Und parallel dazu: Linksstehende vertrauen dem Wahrheitsgehalt von SRG-Sendungen zu 70 Prozent, Rechtsstehende jedoch nur gerade zu 26 Prozent.

Beschädigte Glaubwürdigkeit

Bildung und politische Einstellung prägen auch das Verständnis, weshalb «Fake News» in unser Leben drängen: Hochschulabsolventen und Linksstehende argwöhnen, korrekte Fakten würden eben immer stärker durch «gefühlte Wahrheiten» verdrängt. Die Sotomo-Forscher analysieren, hinter dieser Haltung stehe ein «Elitedenken» und die Furcht vor einem Bedeutungsverlust wissenschaftlicher Erkenntnisse. Weniger Gebildete und Rechtsstehende, die eher ihrem Bauchgefühl vertrauen, sehen den Vormarsch von «Fake News» vor allem darin, dass «Politiker immer dreister» lügen und «Wahrheiten unterdrückt» würden.

Trotz aller Differenzen: Dass Medienschaffende und Politiker ein Glaubwürdigkeitsproblem haben, zieht sich wie ein roter Faden durch alle politischen Lager und Bildungsschichten. Die Sotomo-Studie zeigt jedoch, dass sich darin auch eine Sehnsucht nach Wahrheit verbirgt: Ist das Vertrauen in Politiker und Journalisten auch klein, dass sie die Wahrheit sagen, so gross ist doch der Wunsch der Menschen, dass genau diese Berufsgruppen die Wahrheit ans Licht bringen.