Man mag sich kaum bewegen in diesem Altweibersommer. Höchstens auf dem Liegestuhl räkeln wie ein zufriedener Kater, ins gleissende Sonnenlicht blinzeln oder, wer erst jetzt in die Ferien verreist ist, aufs Meer. Ein rechteckiges Stück Stoff, um ein Holz- oder Metallgestell gespannt – kein anderes Möbelstück ist so verbunden mit dem mediterranen Lebensgefühl.

Im Liegen entspannen wir uns, es ist die Position, die dem Körper den geringsten Widerstand bietet und ihm am wenigsten Kraft abverlangt. «Dennoch hat das Liegen bei vielen keinen guten Ruf, oft wird es mit Stillstand, Passivität und Faulheit verwechselt», stellt Bernd Brunner in seinem Buch «Die Kunst des Liegens» fest. Dabei sei die Horizontale von unschätzbarem Wert, «bietet sie doch Momente der Kontemplation, die oft die besten Ideen mit sich bringen».

Wenn wir mit offenen Augen auf dem Rücken liegen, geht uns der körperliche Zugriff auf die Dinge um uns verloren, unsere Gedanken fliegen. So sieht das auch der Zürcher Möbeldesigner Kevin Fries. «Im Liegestuhl bist du jeweils ganz bei dir. Du kannst ihn mit deinem Körper bespielen, gut zu dir selber schauen und Visionen spinnen.»

Fries hält es da gerne mit dem französischen Komponisten Erik Satie, der einmal gesagt hat, der Mensch solle «mindestens einmal im Tag eine halbe Stunde bewegungslos daliegen, um zur Ruhe zu kommen». Schön, wenn das auf einem Liegestuhl geschieht.

Einst nur für die Aristokraten

Die Idee eines Möbels, das Sitzen und Liegen verbindet, ist noch gar nicht so alt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Liegestühle Reichen und Kranken vorbehalten. Nichtstun, geniessen, entspannen, das konnten sich fast nur die Aristokraten leisten. Freizeit war ein Begriff, den viele Menschen um 1900 noch gar nicht kannten. Im Zuge der Industrialisierung konnte sich dann allmählich auch das Bürgertum ausruhen. «So hielt der Liegestuhl Einzug in den Alltagsgebrauch», sagt Susanne Graner, Sammlungsleiterin des Vitra Design Museums in Weil am Rhein.

Frühestes Beispiel der Vitra-Sammlung ist der 1870 patentierte Adjustable Chair von George Wilson (Bild links unten), der verschiedene Sitzpositionen erlaubt. Solche Kreationen ermöglichten erstmals das schwebende Sitzen, bei dem der Körper in die Halbhorizontale gebracht wurde – damals ein Novum. Auch die Decks von Ozeanriesen wie etwa der «Titanic» wurden mit hölzernen Liegestühlen ausgestattet. Für die Gutbetuchten, versteht sich.

Die Visionen der Designer

In jedem Jahrzehnt haben Designer neue Visionen vom entspannten Liegen entwickelt, so etwa auch der Architekt Le Corbusier mit seiner Liege B306 (Bild oben rechts). Und jeweils mit Werkstoffen aus der Industrie experimentiert, woraus innovative Möbel entstanden sind.

Mal war Kunststoff der letzte Schrei; während der Ölkrise 1973 wechselte man dann zu Kartonmöbeln. Manche Liegestühle verströmen die zwanglose Lebenslust der Pop-Ära der 1960er-Jahre.

Vertreter des Radical Design, einer Designströmung, die ihren Höhepunkt Anfang der 1970er-Jahre erreichte, loteten Grenzen aus. Mit einem praktischen Alltagsstuhl haben ihre avantgardistischen Möbel oft nicht mehr viel zu tun. «Manchmal fragt man sich: Wie weit ist diese Liege eine Skulptur, inwiefern ist sie bequem?», sagt Graner vom Vitra Design Museum. Folgend stellen wir kultige Stücke für Sonnenanbeter vor.