Kameras sind omnipräsent. An jeder Strassenecke, im Bus oder in der Unterführung blickt heutzutage ein Kameraauge auf die Passanten oder Passagiere. In der gängigen Vorstellung sitzt dann zeitgleich ein Mensch hinter einem Bildschirm und schaut sich an, wer vorbeispaziert oder im Bus sitzt. Um einzugreifen, wenn zum Beispiel die Sicherheit gefährdet ist. Doch diese Vorstellung ist veraltet. Denn heute haben einige dieser Kameras im Hintergrund ein Gehirn mit künstlicher Intelligenz, das die Bilder in Echtzeit auswertet.

So kommt es, dass uns Bildanalysesysteme genau anschauen, wenn wir zum Beispiel durch ein Einkaufszentrum gehen. Innerhalb von Millisekunden bestimmt der mit den 3D-Kameras verbundene Computer, ob wir eine Frau oder ein Mann sind und wie alt wir sind. Es reicht, wenn man sich auf bis zu sieben Meter der Kamera genähert hat.

Ein solches «Experience Management System» genanntes Produkt bietet die Schweizer Firma Advertima an, die in St. Gallen eine in diesem Bereich weltweit ganz oben stehende Technologie anbietet. Software-Ingenieure aus aller Welt arbeiten bei Advertima mit «Deep Learning» und «Machine Learning», denn Maschinen sind heutzutage lernfähig. Sie können ihre Systeme laufend verbessern, wenn man ihnen Millionen von Daten überlässt, die sie immer wieder überarbeiten.

Hohe Erkennungsrate

Für das System von Advertima haben die Algorithmen Millionen von Datensätzen mit Bildern aus dem Internet durchgeackert. Mit dem Resultat einer hohen Erfolgsquote bei der Erfassung: «99,8 Prozent beim Geschlecht. Und beim Alter haben wir eine standardisierte Abweichung von nur 2,85 Jahren», sagt Dominik Bühler von Advertima.

Erfassen kann das System zeitgleich eine Gruppe mit bis zu 40 Menschen. Noch wichtiger für Advertima ist eine dritte Möglichkeit des Systems: die Laufweg-Berechnungen. Das System aus 3D-Kamera und Computer analysiert die Körperbewegungen der vorbeigehenden Person. Wo sind die Arme und Beine, wohin dreht der Kopf? Denn wissen will die künstliche Intelligenz, wohin die Person geht, wohin sie schaut und vor allem, wie lange sie auf ein bestimmtes Objekt blickt.

Eingesetzt wird das System der St. Galler Firma Advertima, die Ableger in Zürich und Berlin hat, vor allem in Einkaufszentren. Der erste Grosskunde der jungen Firma war die Migros Aare, die vor zwei Jahren das erste Projekt finanziert hat und gleich auch als Investor des Unternehmens eingestiegen ist.

Genutzt wird das Bildanalysesystem für zielgerechte Kundenkontakte. Dank eines Analyse-Tools der Bilddaten werden die Vorgänge in der Umgebung interpretiert und dann mit zielgerichteter Information versorgt. «Steht im Einkaufszentrum eine Gruppe von Erwachsenen vor einem Bildschirm, werden sie zum Beispiel zielgerichtet mit Bildern vom Aqualand bedient», sagt Bühler. Den Kunden sollen nicht Informationen gezeigt werden, die für sie nicht relevant sind. Das System kann heute aber dank der durch Machine-Learning verfeinerten Körperanalyse noch mehr als beim ersten Projekt: Es stellt fest, ob ein Mensch die Information auch gesehen hat. Das Schaufenster erkennt sozusagen, ob es beachtet worden ist.

Mehrere Einsatzmöglichkeiten

Mit diesem System, das auch in Banken eingesetzt wird, kann man zudem feststellen, wie viele Menschen sich in einem Raum oder Laden befinden. Das geht zwar auch mit der Zählung durch Lichtschranken oder über WLAN und Smartphone-Kontakt. Blöd aber, wenn die Kunden das Smartphone abgeschaltet haben. Zudem sind diese Systeme ungenau und liefern nur eine Information.

Das moderne Bilderkennungssystem ist da sicherer und vielfältiger. Es wäre auch in anderen Bereichen einsetzbar. Bühler erwähnt die Gesundheitsvorsorge und den Einsatz für alte Menschen. Die Kameras könnten erkennen, wenn ein Gebrechlicher allein zu Hause zu Boden stürzt und sofort Alarm schlagen. Oder zur Steigerung der Sicherheit: Das System würde auch erkennen, wenn auf der Baustelle ein Maurer keinen Helm trägt.

Bei solcher Intimität stellen sich die üblichen Fragen des Datenschutzes. Eine personalisierte Gesichtserkennung mache ihr System nicht. «Wir sind gar nicht fähig dazu und auch nicht daran interessiert.» Abgesehen davon wäre auch die Treffsicherheit bei Gesichtern technisch noch nicht gut genug, um einen Menschen sicher zu identifizieren. Die Trefferquote liege bei höchstens 65 Prozent.

Die Daten, die Advertima erfasst, werden nicht gespeichert und «es sind anonymisierte Meta-Daten, die zu keiner Zeit zur Identität der Person oder zu ihrem Bild zurückgeführt werden können», erklärt Bühler. In der Schweiz werde dem Datenschutz Rechnung getragen und Advertima stehe in Kontakt zum Schweizer Datenschützer.

Derweil wollen die Deep-Learning-Spezialisten von Advertima die Maschinen weiterhin lernen lassen. Kopfbewegungen sollen in Zukunft noch genauer erfasst werden können, wenn Kunden vor dem Regal stehen.

Die Diskussion kommt noch

Heikel könnte die Datenschutzfrage laut den Schweizer Datenschützern erst noch werden: Nämlich dann, wenn durch die immer besser werdenden Gesichtserkennungssysteme Menschen erkannt und in einem Raum verfolgt werden könnten. Dies bedürfte «einer ausführlichen gesellschaftspolitischen Diskussion und müsste anschliessend durch den Gesetzgeber geregelt werden», schreibt die Rechtsabteilung in Bern.