Die Bombe explodiert am 21. Februar 1970 im Frachtraum der Swissair-Maschine, kurz nach dem Start. Der Pilot kehrt über dem Vierwaldstättersee um, versucht in Zürich-Kloten notzulanden. Rauch dringt ins Cockpit, das Flugzeug ist nicht mehr zu steuern, stürzt ab. Die Maschine prallt nahe des Pumpenhauses, der Wasserfassung der Gemeinde Würenlingen, im Unterwald, auf. 47 Menschen kommen ums Leben.

In der Nähe der Absturzstelle befinden sich nukleare Anlagen: Das Atomkraftwerk (AKW) Beznau sowie die Diorit- respektive Saphir-Reaktoren des Eidgenössischen Instituts für Reaktorforschung (EIR; heute Paul-Scherrer-Institut, PSI). Die Distanz zu dem Ort, wo der Hauptteil des Flugzeugrumpfes eine Schneise in den Wald schlägt, beträgt 2000 respektive 900 Meter. Das Unglück schreckt den Regierungsrat des Kantons Aargau auf. Er schreibt drei Tage später dem Bundesrat, gibt seiner tiefen «Besorgnis Ausdruck, dass durch solche Katastrophen die Gefahr einer Zerstörung von Atomkraftwerken besteht, wodurch sich unabsehbare Folgen für die umliegenden Gebiete abzeichnen».

Atomare Gletscherschmelze

Bis dahin stand man in der Schweiz der Atomenergie unbefangen gegenüber. So erteilte etwa die Eidgenossenschaft 1949 ein Patent zum Abschmelzen von Gletschern mithilfe von Atomenergie. Adolf Weber, der Erfinder aus Zürich, plante, mit dem Schmelzwasser elektrische Energie zu gewinnen. Das Patentamt in Bern notierte dazu: Im Hochgebirge ist «ein weitgehender Schutz gegen die Radioaktivität gewährleistet». Als Standort für ein solches «Atomenergie-Kraftwerk in einer Felsrippe unter dem Eis» suchte sich Weber die Jungfrau-Region im Berner Oberland aus.

Schon ein Jahr früher hatten die Gebrüder Sulzer in Winterthur ein Patent für ein Heizsystem durch einen «Kernumwandlungsvorgang» erhalten. Die Kernreaktion findet, moderiert, im Boden statt, aus dem dann die Wärme gewonnen wird. Die Strahlung spielt kaum eine Rolle: «Sollte sich erweisen, dass die Wärmeträger infolge von Radioaktivität gesundheitsgefährlich werden könnten», empfiehlt es sich, «die Zufuhr und die Entnahme von Wärme aus dem Boden zeitlich voneinander zu trennen», heisst es im Patent.

Physiker und Ingenieure waren fasziniert von den gewaltigen Energien, die beim Abwurf der Atombomben 1945 auf Hiroshima und Nagasaki freigesetzt wurden. Es gab einen regelrechten Wettbewerb um Ideen für die «friedliche Nutzung» dieser Energie, die scheinbar unbegrenzt vorhanden war. So entwickelte etwa Paul Scherrer, der später massgeblich in Würenlingen wirkte, ein Projekt für einen Kernreaktor mitten in Zürich, um damit das Gebäude der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) zu heizen. Wohl aus Konkurrenzgründen wandte er sich in einem Gutachten gegen das Projekt von Alfred Weber im Jungfraugebiet: Die Ausnützung der Atomenergie in Verbindung mit Wasserkraftanlagen bezeichnete er als «unrationell». Die ersten Atomanlagen wurden dann in den 1960er-Jahren realisiert. 1955 hatte die Eidgenossenschaft von den Amerikanern günstig einen Leichtwasserreaktor gekauft. Der – innen blau leuchtende – «Saphir» wurde in Würenlingen aufgebaut, zeitgleich mit einem zweiten Versuchsreaktor, dem «Diorit». Die Westschweizer Industrie errichtete derweilen einen Reaktor in Lucens. Dort kam es 1969 zu einem Unfall. Ein Brennelement schmolz.

Schweres Wasser und radioaktives Material wurde in der ganzen Reaktorkaverne verteilt. In den umliegenden Dörfern stieg die Radioaktivität an. Erst jetzt nahm die Schweizer Öffentlichkeit auch die Nachteile einer «friedlichen Nutzung» der Atomenergie wahr. Der Reaktor in Lucens wurde mit grossem Aufwand dekontaminiert und zerlegt. Die radioaktiven Abfälle kamen nach Würenlingen in ein Zwischenlager.

Das Ende der Nuklear-Naivität

In dieser Gemengelage zwischen Euphorie für die nahezu unbegrenzt verfügbare Atomenergie und der Sorge um die Sicherheit der Anlagen stürzte 1970 die Swissair-Maschine auf Würenlingen. Der Bundesrat kam nicht umhin, die «atomaren Risiken bei Flugzeugkatastrophen» untersuchen zu lassen. Ein Bericht der Sektion für Sicherheitsfragen von Atomanlagen beim Bund war die Grundlage für die Antwort des Bundesrates auf das besorgte Schreiben aus Aarau. Sie erfolgte im April 1970 durch den Chef des Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements, Roger Bonvin.

Der Stil des Schreibens mutet aus heutiger Sicht seltsam an. Dieses Gefühl beschleicht einen schon bei der Anrede: «Getreue, liebe Eidgenossen», spricht Bonvin die Aargauer Regierung an und fährt altväterisch fort: Das Flugunglück «erfüllt Euch begreiflicherweise mit Sorgen». Er bekundet dafür Verständnis und den Willen, die Aargauer zu beruhigen: Der Bundesrat «weiss sich mit Euch im Wunsche verbunden», solches fortan zu verhindern, schreibt Bonvin, und: Der Bundesrat «glaubt immerhin an die Wirksamkeit der getroffenen Massnahmen», wenn auch ein vollständiger Schutz des Luftverkehrs «wegen der beschränkten personellen Kräfte nicht möglich ist».

Bonvin führt aus, dass Würenlingen und Beznau im Nahkontrollbereich des Flughafens Zürichs liege, der nahezu das ganze Gebiet des Kantons Aargau umfasse (als ob man das dort nicht gewusst hätte). Der Bereich werde von der Flugleitung in Zürich wie eine Luftstrasse überwacht. Unfälle seien deshalb «als sehr unwahrscheinlich zu bezeichnen». Eine Verlegung der Anflugschneise sei «leider nicht möglich», nahezu jeder Punkt im An- und Abfluggebiet aber «etwa gleich gefährdet».

Und dann kommt Bovin auf das eigentliche Anliegen der Aargauer Regierung zu sprechen, die Sorge, dass ein Flugzeugabsturz eine grosse Menge Radioaktivität freisetzen könnte. Eigentlich will er aus Bern beruhigend in den Aargau hineinwirken, erreicht mit einer sehr technischen Herangehensweise aber womöglich das Gegenteil. So führt Bonvin zunächst aus, dass das Risiko aus zwei Faktoren bestehe: der Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses und dem Ausmass des Schadens. Das Verhältnis der Grösse einer Anlage und der Grösse des Einwirkungsbereichs beim Aufschlag des Flugzeugs zur gesamten Fläche, die unter dem Luftraum liegt, ergibt die Wahrscheinlichkeit. Sie ist «ausserordentlich klein».

Verseuchung «höchstens lokal»

Beim Absturz der Swissair-Maschine sei die Wahrscheinlichkeit «noch 1000- bis 10 000-mal unwahrscheinlicher» gewesen, dass das EIR oder AKW Beznau «in Mitleidenschaft gezogen worden wäre». An dieser Stelle notiert sich ein Leser dieser Ausführungen ein grosses Fragezeichen.

Bonvin fährt fort, dass solche Anlagen «von mehreren Metern armiertem Beton» umgeben sind und der beim Aufprall verpuffende Brennstoff des Flugzeugs «keine wesentliche Sprengwirkung» gehabt hätte. Das Gebäude des AKW Beznau würde sogar den direkten Aufprall eines Flugzeugs «auffangen». Der Reaktor wäre «nicht gefährdet» und es bestehe «kein Grund zur Annahme», dass es nicht möglich sein sollte, ihn abzustellen. Hingegen wäre der Ausfall von Nebenanlagen, die zur Bewältigung von «heiklen Situationen» vorgesehen sind, «unangenehmer», es könnte zur Freisetzung von Radioaktivität kommen. Ein solcher Unfall hätte aber «höchstens eine lokale Verseuchung der Umgebung zur Folge», schreibt Bonvin. Die Ausdehnung der radioaktiven Kontaminierung von Häusern, Gärten, Spielplätzen, Strassen, Wäldern und Wiesen wäre insbesondere abhängig von den Wind- und Wetterverhältnissen.

Bonvin schliesst seine Ausführungen mit einer Bemerkung, die in Aargauer Ohren nicht unbedingt Vertrauen erwecken mochte: Ein solches Ereignis bliebe «kleinräumig», schreibt der Bundesrat, und «die Zahl an Menschenopfern» wäre nicht höher, als wie sie durch den Absturz selbst «gefordert worden sind». Bonvin in Bern, will dieses Restrisiko getrost in Kauf nehmen und empfiehlt seine «getreuen, lieben Eidgenossen» im Aargau «in Gottes Machtschutz».

Jahre später, 2011, nach den Havarien in Lucens, Three Mile Island und Sellafield, den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima, womöglich auch aufgrund der Unwägbarkeiten in Bezug auf die Lagerung von radioaktiven Abfällen, trifft Doris Leuthard, die aus dem Kanton Aargau stammt, zusammen mit ihren Kolleginnen im Bundesrat, einen «mutigen Entscheid» – den Ausstieg der Schweiz aus der Kernenergie. Auf die Entwicklung einer eigenen Atombombe hatte die Schweiz schon Jahre zuvor verzichtet.

* Guido Koller ist Historiker und spezialisiert auf Zeitgeschichte.