Weiss der Sand, als würde der Strand beleuchtet. Türkisfarben das Wasser, als hätte jemand Farbmittel ins Meer geschüttet. Und menschenleer. Das muss das Paradies sein. Auto parken, aussteigen, rein ins Wasser, plantschen, schwimmen, spielen, Seele baumeln lassen, ewig bleiben. Nach dem Verlassen des Autos bekommt das Bild erste Risse. Der üble Geruch schärft die Sinne. Als der grössere der beiden Söhne entsetzt «wäh, gruusig!» ruft, wird klar: Die Suche nach dem Paradies geht weiter.

Vielleicht war es ein Glück, dass uns die gestrandeten Quallen an der Nordküste Sardiniens von einem schmerzhaften Tête-à-Tête im Meer abgehalten haben. Tröstlich ist diese Erkenntnis erst im Nachhinein. In Moment der Entdeckung sind unsere Glückshormone etwa so gut aufgelegt wie die übel riechenden Quallen am Strand.

Quallen vor der süditalienischen Insel Filicudi

Quallen vor der süditalienischen Insel Filicudi

In der griechischen Mythologie war Medusa eine betörende Schönheit. Heute verunglimpfen wir sie als Plage. Aus der Blume des Meeres ist der Schrecken der Strände geworden, weil uns die Quallen den Badeurlaub vermiesen. Nur: Wir alle sind nicht unschuldig daran, dass sich die Quallen in den Meeren breit machen wie deutschsprachige Touristen auf Mallorca. Es gibt zwar kaum Untersuchungen, in denen die Zahl von Quallen in bestimmten Regionen gemessen wird. Aber Forscher, Fischer, Biologen und Meeresanwohner auf der ganzen Welt sind sich einig: die Population steigt. «Die Zahl der Quallen nimmt weltweit zu, auch im Mittelmeer», berichtet Silvia Frey von OceanCare. Sie befindet sich gerade auf einer mehrmonatigen Forschungsreise im Mittelmeer.

Die Meere sind kaum erforscht

Vielleicht sitzen Sie bereits auf gepackten Koffern, zählen die Tage bis zum Urlaub in Griechenland, auf Mallorca oder an der Côte d’Azur. Und Sie fragen sich vielleicht: Kann ich meinen lang ersehnten Badeurlaub quallenfrei geniessen? Das perfide an der Geschichte: Selbst Wissenschaftler wie der Meeresbiologe Thomas Jermann vom Zoo Basel sagen: «Man weiss, wie die bisher bekannten 250'000 Tierarten aussehen, aber viel mehr nicht. Nicht einmal die Anzahl der Arten ist klar, es könnten auch 10 Mal mehr sein.» Was Quallen betrifft: Da kann man nicht mal vorhersagen, ob und wo sie wann und in welcher Zahl auftauchen.

Quallen lassen sich von der Strömung treiben. Es kann sein, dass sich an einem Tag ein Quallenteppich ausgerechnet an «Ihrem» Strand ausbreitet. Es kann sein, dass die Quallen am nächsten Tag noch dort sind. Oder sogar während des gesamten Urlaubs verharren. Es kann aber auch sein, dass sie schon am nächsten Tag verschwunden sind. Weggeströmt. Selbst Silvia Frey kann keine genaueren Angaben machen: «An einzelnen Küsten der Balearen, dem spanischen Festland, in der Adria aber auch in französischen Gewässern habe ich grosse Ansammlungen von Quallen gesehen.»

Tod durch Quallenstich

«20-jährige Deutsche stirbt nach Quallenstich.» Diese Nachricht vor zwei Jahren aus dem thailändischen Kho Samui schockte. Der Tod durch die giftigen Tentakel der Würfelqualle oder der Seewespe kommt häufiger vor als man denkt. Jährlich sterben 150 Menschen daran. Aber nicht im Mittelmeer, wo die giftigste Qualle die portugiesische Galeere ist. Deren Gift kann ein Kind töten. Doch sie wird nur vereinzelt im Mittelmeer gesichtet. «Von einer Population kann aber nicht die Rede sein», sagt Silvia Frey.

80 Prozent der Badeunfälle

Heimisch im Mittelmeer und stark verbreitet ist indes die Feuerqualle. Der Name tönt angsteinflössend. Und ein Rendezvous mit ihr ist in der Tat kein Vergnügen. Erst fühlt es sich an wie ein Krampf nach einem elektrischen Schlag. Dann wie Feuer. Die einen schwören bei der Behandlung auf Backpulver Bicarbonat. Andere auf Olivenöl oder Essig. Grundsätzlich aber wissen die Einheimischen Bescheid, wie man am besten heilt. Denn Quallenstiche gehören quasi zur Tagesordnung. «Bei uns», so ein Sanitäter aus Ibiza «machen Hautverbrennungen durch Quallenstiche 80 Prozent aller Badeunfälle aus.»

Nun also haben wir die Quallen, die wir riefen. Wir? «Ja», sagt Silvia Frey. «Das ökologische Gleichgewicht der Ozeane wird insbesondere durch die industrielle Fischerei empfindlich gestört. Aber auch die Klimaerwärmung trägt dazu bei, dass Quallen Überhand nehmen. Es gibt Orte im Atlantik und Pazifik, wo Fischer Netze voll mit Quallen rausziehen aber praktisch keine Fische mehr.»

Weniger Thunfisch, mehr Quallen

Die Überfischung – insbesondere des Thunfischs – führt dazu, dass den Quallen ihre natürlichen Feinde ausgehen. «Wird auch in Zukunft über dem maximalen Wert für nachhaltiges Fischen gefischt, werden die Bestände kollabieren», warnt Frey und rät deshalb, in der Schweiz maximal einmal pro Monat Meerfisch zu konsumieren – oder besser noch, ganz darauf zu verzichten.

Weitere Beschleuniger sind die Verschmutzung der Ozeane und die Klimaerwärmung. Während anderen Meeresbewohnern das saure Wasser zusetzt, scheint die Qualle damit kein Problem zu haben. Quallen können auch in extrem sauren Milieus lange Zeit überleben. Denn: Quallen haben kein Skelet. Alle Organismen mit einem Kalk-Skelet sind indes gefährdet. Weil das saure Wasser Kalk auflöst. Ausserdem fördert Düngemittel den Algenwuchs und damit das Nahrungsmittelangebot der Medusen. Und: Quallen sind zwar selbst nicht auf wärmeres Wasser angewiesen. Aber höhere Temperaturen stimulieren Polypen, mehr Quallen zu produzieren.

Zurück zu Medusa: Was wird gegen die Quallenplage unternommen? Die Südkoreaner setzen Unterwasserroboter ein, welche die Quallen schreddern. Eine andere Verteidigungsstrategie sind Netze, welche Ferienressorts immer häufiger einrichten. Nur: Die Installation ist aufwändig und kostspielig, aber nicht immer effizient. Sowieso ist das eine wie das andere lediglich Symptom- und nicht Ursachenbekämpfung.

Die portugiesische Galeere

Die portugiesische Galeere

Quallen auf dem Teller

Fragt sich: Müssen wir Quallen überhaupt bekämpfen? «Nein», sagt der französische Meeresbiologe Fabien Lombard. «Quallen sind nicht so schrecklich, wie wir Menschen denken. Sie könnten für uns nützlich sein.» Sein Plan: Quallenschleim verklumpt Nanopartikel und reinigt das Wasser. «Heutzutage gibt’s es immer mehr Nanopartikel in Crèmes und Kosmetika. Die Fabriken, die das herstellen, müssen sich um ihre Abwässer kümmern, es loswerden ohne die Umwelt zu verschmutzen. Mit dem Schleim von Quallen könnte man die Nanopartikel herausfiltern – günstig und umweltfreundlich.» Ausserdem kann man Quallen auch essen. In chinesischen Restaurants gehört der Quellensalat mit Gurke und Ingwer zum Standard.

Die effizienteste Waffe gegen den Schrecken der Strände ist unser Verstand. Bewusster essen, bewusster reisen, bewusster leben – damit kämpfen wir am nachhaltigsten gegen die Übermacht der Quallen. Für den japanischen Meeresbiologen Schinichi Ue ist klar: «Natürlich haben Quallen keine Worte zur Verfügung, um etwas zu erklären. Aber mit ihrer extremen Vermehrung senden sie uns Menschen ein Warnsignal.»