Menschliches Handeln wird von zwei Kräften beeinflusst. Die eine ist der Eigenantrieb, die andere sind die Umstände. Für die Personen, die fremdes Handeln beurteilen müssen, damit sie darauf reagieren können, ist es wichtiger, die Persönlichkeit des Handelnden zu kennen als die Umstände. Denn die Persönlichkeit ist ursprünglicher. Von ihr hängt zudem ab, wie weit sie sich durch die Umstände überhaupt beeinflussen lässt.

Adolf Hitler war eine bizarre Persönlichkeit. Was nicht heisst, dass er unfähig gewesen wäre, ein Ziel beharrlich zu verfolgen. Im Gegenteil. Es war schon früh in seiner Karriere ersichtlich, dass er sich nicht durch irgendwelche Umstände von einem einmal gewählten Kurs abhalten liess.

Auf der Gegenseite standen Männer, die eher an die Macht der Umstände glaubten. Hitlers Gegner – das betont der Autor Tim Bouverie schon zu Beginn, – waren die englischen Spitzenpolitiker. Grossbritannien war damals die einzige Macht, die Hitler hätte Paroli bieten können. Das englische Empire war zwar ziemlich beschädigt und schuldenbeladen aus dem Ersten Weltkrieg gekommen, aber es hatte nach 1918 flächenmässig seine grösste Ausdehnung erreicht. Dass die USA die Rolle der Weltnummer 1 hätten spielen müssen, war nicht sichtbar. Die Amerikaner hatten sich wieder in die Isolation zurückgezogen. Als sich Präsident Roosevelt zu Beginn des Jahrs 1938 bei den Briten meldete und vage mahnte, man müsse etwas tun, damit die Dinge nicht noch schlimmer würden, gingen die Briten nicht darauf ein. Ob es etwas geändert hätte? Der Präsident kam später auch nicht mehr auf seine Initiative zurück.

Was wir auf keinen Fall wollen, ist ein Krieg

Zwei Tatsachen waren diesen Politikern klar. Sie hatten ein Weltreich, aber bei weitem nicht die Möglichkeiten, es zu verteidigen. Die zweite Tatsache hing von der ersten ab: Würde Grossbritannien in einen Krieg verwickelt, würde das auf jeden Fall die bestehende Ordnung, wirtschaftlich und gesellschaftlich, völlig umgestalten.

Die englischen Politiker waren nicht dumm oder blind. Es gab immer wieder warnende Stimmen, die darauf hinwiesen, was sich in Deutschland anbahnte. Die meisten fanden Nazi-Deutschland abscheulich. Aber deswegen einen Krieg beginnen? Einen Krieg, der nicht nur das Ende des Empire bedeuten würde, sondern noch viel mehr?

Das war die Einstellung in Grossbritannien. Dazu kam das Problem Hitler. Was geht in diesem Mann vor?, fragten sich die nüchtern-sachlichen Engländer. Sie kamen mit einer Persönlichkeit dieser Sorte nicht klar.

Die Strategie des «Appeasement», einem Feind «vernünftige Zugeständnisse» zu machen, um einen ernsteren Konflikt zu vermeiden, war keine Erfindung der Zwischenkriegszeit. Und ganz sicher nicht eine von Neville Chamberlain, dem englischen Politiker, dem das Etikett schliesslich anhaften sollte. Und sie ist sicher aggressiveren Strategien vorzuziehen.

Die britischen Strategen übersahen, dass auf der Gegenseite ein Mann stand, der prinzipiell völlig anders dachte. Wenige nur hatten in Grossbritannien sein Buch «Mein Kampf» gelesen (es erschien erst 1938 in einer völlig entschärften und verstümmelten Übersetzung). Und die meisten hielten es für die Ausgeburt einer unreifen-pubertären Fantasie, für «Halbstarken-Literatur».

Hitler schrieb vom Kampf, dem alles untergeordnet sei. Nicht nur Individuen, auch ein Volk, das nicht kämpfe, gehe unter. Und er meinte das völlig wörtlich. Hitler hatte nicht nur politische Ziele, die man «vernünftig» beurteilen konnte, sondern auch andere Beweggründe, und die entzogen sich solchen Überlegungen völlig.

«Ich fürchte, die fundamentale Schwierigkeit liegt darin, dass N. (Chamberlain) glaubt, er sei ein Mann mit der Mission, mit den Diktatoren auszukommen.» Das schrieb Chamberlains Aussenminister Anthony Eden in sein Tagebuch. Chamberain hielt die Egomanen Hitler und Mussolini für eine Art Geschäftsleute, mit denen man über Wünsche und Absichten reden kann. Chamberlain war kein Pazifist. Er befürwortete die britische Aufrüstung, wenn auch nicht bedingungslos. Immerhin war ihm klar: Im nächsten Krieg kämpfen wir nicht irgendwo auf dem Kontinent, sondern um unser Leben.

Chamberlains höchster Triumph und höchste Schande

Die Konferenz von München 1938. Hitler hatte einen lokalen Krieg im Sinn, um die Tschechoslowakei einzunehmen. Chamberlain wollte den Krieg verhindern. Widerwillig hatte Hitler einer Konferenz zugestimmt. Dort wurden ihm die Tschechen ausgeliefert. Ohne Krieg. Ziele erreicht, aber Hitler war wütend. «Chamberlain hat mich um den Einmarsch in Prag gebracht», tobte er. «Er hat uns den Frieden gebracht», hiess es in Grossbritannien. «Was wollt ihr denn noch?»

1939 überstürzten sich die Ereignisse. Hitler bedrohte Polen. Nur kein zweites München mehr. Aber München hatte Hitler gelehrt, dass die demokratischen Mächte nicht zum Kampf bereit waren. Diesmal sollte er sich täuschen.

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