Maria hat in ihrer Familie das Zepter in der Hand. Darf sie über Mittag nicht die gewünschte Fernsehsendung schauen, schlägt sie um sich. Wirft Gegenstände durchs Zimmer. Bedroht ihre Mutter. Maria ist 17. Die Mutter ist erschöpft und frustriert, weiss nicht mehr weiter.

Auch in der Familie B. geben die Kinder den Ton an. Tochter Franziska telefoniert für Hunderte von Franken pro Monat, die Rechnung begleicht der Vater. Sohn Lukas lässt sich täglich zur Arbeit chauffieren, obwohl der Bahnhof nur drei Gehminuten entfernt ist. Die Tochter ist 26 Jahre alt, der Sohn 28. Beide denken nicht ans Ausziehen. Der Vater hat genug – und erfüllt doch jeden Wunsch seiner Kinder. Er hat keine Kraft mehr, sich zu wehren.

Bei der Familie S. tickt Sohn Dario regelmässig aus. Er hat sich ein Sackgeld von mehreren hundert Franken pro Monat erstritten. Kommt nicht das gewünschte Essen auf den Tisch, droht der 18-Jährige mit Schlägen. Dario ist grösser als seine Mutter. Und stärker. Sie hat Angst vor ihm.

«Betroffene schämen sich»

Beim Elternnotruf melden sich fast täglich Eltern, die von ihren Kindern bedroht werden. Wobei die «Kinder» meist bereits im Teenageralter oder junge Erwachsene sind. «Ab 12 Jahren, also ab dem Beginn der Pubertät, kommt das Phänomen häufiger vor», schätzt Rainer Kreuzheck vom Elternnotruf. Wie viele Eltern schweizweit betroffen sind, wird statistisch nicht erhoben. Gemäss verschiedener Studien kommt Elternmisshandlung, so der Fachbegriff, in rund jeder zehnten Familie vor. «Das Erstaunliche ist», sagt Kreuzheck, «dass man trotz der relativ weiten Verbreitung in der Öffentlichkeit praktisch nichts davon hört.»

Der Grund dafür sei klar: «Die betroffenen Eltern schämen sich unglaublich.» Schliesslich haben sie das Kind erzogen, das jetzt austickt, zuschlägt, befiehlt, bedroht. «Die Eltern haben oft massive Schuldgefühle und viele holen erst Hilfe, wenn die Lage eskaliert.»

323 Beratungen wegen Elternmisshandlung hat der Elternnotruf schweizweit letztes Jahr durchgeführt, die Zahlen sind in den letzten Jahren stark gestiegen (2006: 132, 2007: 159, 2010: 244, 2013: 323). Grund: Immer mehr Eltern wagen, sich Hilfe zu holen. Die tatsächlichen Fallzahlen hätten laut Kreuzheck wahrscheinlich nicht zugenommen.

Hierarchie steht kopf

«Elternmisshandlung kommt in allen Schichten vor», sagt Kreuzheck. Häufig betroffen seien Alleinerziehende. Das Verhältnis von psychischer und physischer Gewalt sei 50:50. Es geht um Kinder, die überhöhte Forderungen stellen, den Eltern mit Gewalt drohen oder sie demütigen, die Gegenstände kaputtmachen oder zuschlagen. Vor allem aber geht es nicht um einmalige Ausrutscher, nicht um das Kind, das einmal ein wüstes Wort sagt oder eine Türe zuknallt. «In den betroffenen Familien hat sich die Hierarchie umgedreht», so der Fachpsychologe für Psychotherapie. «Das Kind steht, bildlich gesprochen, in der Mitte des Raumes. Es ist der Boss.»

Oft beginnt der Teufelskreis damit, dass keine oder zu wenig Grenzen gesetzt werden. Das Kind wird von klein an verwöhnt, jeder Wunsch erfüllt. Aus einem Nein wird nach ein bisschen Quengeln ein Ja. Wollen sich die Eltern dann doch einmal durchsetzen, eskaliert der Streit und das Kind tobt, bis es seinen Willen bekommt. Die Eltern sind frustriert, haben viel Kraft eingesetzt und doch nichts erreicht. Und gehen darum dem nächsten Konflikt aus dem Weg. Das Kind lernt: Wenn ich genug stürme, komme ich zum Ziel. Der nächste Krach ist vorprogrammiert. Doch auch zu eng gezogene, womöglich mit Gewalt durchgesetzte Grenzen können zu Elternmisshandlung führen, sagt Kreuzheck. «Wenn der Vater oder die Mutter gewalttätig ist, erstaunt es nicht, wenn ihre Kinder irgendwann Konflikte auf die gleiche Weise zu lösen versuchen.»

Betroffene, die in ihrem Umfeld Hilfe suchen, werden schnell mit klugen Ratschlägen eingedeckt. «Du musst dich halt durchsetzen, dein Kind nicht so verwöhnen, streng bleiben», sagen Aussenstehende. Hilfreich ist das nicht. Ist die Situation ausser Kontrolle, ist es für Eltern nicht einfach, die verlorene Autorität zurückzuerlangen. Es braucht viel Kraft und Ausdauer.

Eltern müssen Stärke zeigen

Beim eingangs erwähnten Fall etwa, einem anonymisierten Beispiel aus der Praxis des Elternnotrufs Zürich, hat die Mutter entschieden, dass es so nicht weitergeht. Gemeinsam mit ihrem Partner suchte sie das Gespräch mit Maria. Sie haben der Tochter ruhig erklärt, dass sie mittags nicht fernsehen darf. Dass ihr Verhalten nicht mehr toleriert wird. Maria ist darauf völlig ausgerastet, hat eine Kanne mit heissem Tee durch die Wohnung geschleudert, Möbel demoliert, gebrüllt.

«Die Eltern haben nach solchen Vorfällen oft den Eindruck, ihr Verhalten beeindrucke das Kind überhaupt nicht. Doch da irren sie sich», sagt Kreuzheck. Maria musste für einige Zeit ausserhalb der Familie platziert werden, damit alle einmal durchatmen konnten. Kräfte sammeln.

Die Eltern müssten sich bewusst sein: «Über das Verhalten meiner Tochter habe ich am Ende keine Kontrolle. Aber über mein eigenes.» Man müsse die negative Dynamik durchbrechen. Es gilt: Sich vom Kind nicht provozieren lassen, freche Antworten abklemmen statt endlos zu diskutieren, auch einfach einmal den Raum verlassen, wenn es zu viel wird. Jedes Kind rastet einmal aus. Wiederholt sich aber die Gewalt gegen Eltern regelmässig – und verschiebt sich das Machtgefälle in einer Familie – ist Hilfe angesagt. «Kinder brauchen Eltern, die Stärke zeigen. Stärke, nicht Macht. Eltern, die sagen: Wir geben nicht nach und wir geben dich nicht auf.» Es sei für ein Kind auch eine Entlastung, «wenn es nicht immer die Kontrolle haben muss».

Hilfe und Beratung auf www.elternnotruf.ch