Konsumwahn

Die grosse Nährstoff-Schleuder: Wie wir unser Essen verschwenden

Eine von drei Esswaren landet auf dem Müll. Bei Früchten und Gemüse ist es sogar mehr als die Hälfte. Ein Besuch bei den Profiteuren der Verschwendungs-Gesellschaft.

Pfirsiche und Nektarinen in voller Grösse und Farbe. So liegen sie aus in den Supermärkten. Wenig andere Früchte, die uns mehr Erfrischung oder Geschmackserlebnis versprechen. Doch wer kennt ihn nicht – den grossen Pfirsichfrust?

Meist im Laden noch etwas hart, «den lassen wir noch ein wenig nachreifen», denken sich viele und legen den Pfirsich zu Hause in die Früchteschale. Falsch gedacht: Nur einen Tag später ist die Frucht meist futsch. Wenige enden als Kompott, einige landen auf dem Kompost, die meisten aber auf dem Müll.

Ein Drittel der hierzulande gekauften Nahrungsmittel landet im Abfall, besagen die Zahlen. Volle Auslagen bis Ladenschluss und berstende Kühlschränke zu Hause – ein Vier-Personen-Haushalt schmeisst pro Jahr Früchte zu einem Gegenwert von 210 Franken weg.

Bei Gemüse ist der Betrag sogar noch höher. Einmal im Mülleimer, gelangen die Nahrungsmittel, die meist noch verwertbar wären, in die Kehrichtverbrennungsanlage. Wichtige Nährstoffe verpuffen für immer. Das ist sinnlos, aber die Realität.

Der Güllemangel

Doch wir verschwenden nicht nur Lebensmittel. Weggeworfen, gehen sie auch mit einem enormen Ressourcenverschleiss einher: 100 Gramm weggeworfene Broccoli oder Äpfel entsprechen einer Verschwendung von Energie, mit der man immerhin für fünf Stunden hätte Licht brennen lassen können. Bei Brotlaiben ist es noch schlimmer.

Beinahe die Hälfte der Lebensmittelverluste fällt in den privaten Haushalten an. Viele kleine Mengen machen einen grossen Haufen. Beträchtliche Mengen fallen auch in der verarbeitenden Industrie und der Lebensmittelproduktion an. Mit insgesamt zehn Prozent bilden Gastronomie und Detailhandel nur einen kleinen Teil. Bei Früchten und Gemüse ist die Datenlage problematisch. Ob eine gute oder schlechte Ernte, ob Stangenbohne, Sellerie oder Pfirsich – zu stark weichen die Verluste entlang der Wertschöpfungskette saisonal und sortenspezifisch voneinander ab.

Immerhin, ein guter Teil aus der Produktion, dem Vertrieb und der Gastronomie wird der Natur wieder zurückgeführt, indem die Esswaren zur Herstellung von Biogas und Biomasse genutzt werden. So zum Beispiel in der Vergärungsanlage der Recycling Energie im aargauischen Nesselnbach.

Neben der Anlage befindet sich eine Kompostieranlage. Die Komposthaufen türmen sich. Dampf steigt auf. Werner Humbel, Firmengründer und Geschäftsführer, ekelt das nicht. Er ist nebenher Schweinebauer. 1500 Mastschweine besitzt er ganz in der Nähe.

Schweine sind Resteverwerter, Humbel ist es auch: Angefangen hat er mit einer Schweinesuppe-Küche. Im grossen Stil holte er die Küchenabfälle und Lebensmittelüberschüsse der Detailhändler ab, um alles zusammenzuschütten und es als Futtermittel an die Mastbetriebe zu verkaufen. Doch dann übernahm die Schweiz 2011 das Schweinesuppe-Verbot aus der EU. Humbel musste umsatteln.

Der Standort Nesselnbach sei ideal für eine Biogasanlage, sagt er. Dass er insbesondere auf Lebensmittel setzt, hat auch mit der Nähe zu den Grossverteilern Migros und Coop zu tun. Zudem steht seine Anlage inmitten des Rüeblilands. Wenige Landwirtschaftsbetriebe halten hier Tiere, sodass es an Gülle für die Felder mangelt. Biomasse, ein Nebenprodukt der Biogasproduktion, kann in der Umgebung als Dünger ausgetragen werden.

Wir stehen vor einer grossen Mulde. Gerade ist der letzte Lastwagen von seiner Tour zurückgekommen. Ein süsslicher Duft liegt in der Luft. Es riecht nach Äpfeln. Der Anteil Früchte in der Mulde ist augenscheinlich. Da und dort ein Pfirsich, hier ein Salatkopf oder ein Laib Brot. Viele der Esswaren sind originalverpackt. Ware, auf der die Läden sitzen bleiben, geht zurück in die Vertriebszentren. Dort stehen die blauen Container der Recycling Energie, worin die Lebensmittel landen.

Die Entpackmaschine

Es ist der ganz normale Wahnsinn der Überflussgesellschaft: «Wir haben extra eine Entpackmaschine entwickelt», sagt Werner Humbel stolz. Es ist absurd: Produkte wie Bio-Broccoli oder Bio-Blumenkohl werden schön in Plastik verpackt. Nicht verkauft, landen sie in Nesselnbach, wo sie von der Maschine wieder entpackt werden, ehe sie, vom Plastik befreit, auf 70 Grad Celsius erwärmt werden. Im Gemisch landen auch Produkte aus tierischer Produktion: Milchprodukte, Fleisch oder Eier. Bei 70 Grad werden allfällige Keime abgetötet. Erst danach landet die Masse in der Anlage, in der es gärt: Die Bakterien setzen Methangase frei. Diese wiederum treiben die Stromgeneratoren an. 15 Prozent des Inputs treibt als Gas die Stromproduktion an. 85 Prozent bleiben als Biomasse und wertvoller Dünger für die Felder zurück.

Ein riesiger Aufwand. Humbel verdient gutes Geld damit. Doch es vergehen Jahre, bis die 20 Millionen Franken sich ausbezahlt haben. Humbel ist nachdenklich: «Ich beurteile diese Konsumgesellschaft schon kritisch. Besonders wenn ich diese Mengen an einwandfreien Lebensmitteln sehe, die bei uns in der Mulde landet.»

Coop und Migros wollen mit diesem Wegwerfwahnsinn möglichst wenig zu tun haben. Ihre Läden bieten bis Ladenschluss ein wunderbares Angebot – und befriedigen damit nur die Nachfrage ihrer Kunden, heisst es. Nach den wenig schönen Bildern der (Frisch-)Ware, die von Humbels Entpackmaschine geschunden wird, ist uns nach einem Szenenwechsel zumute: Die Coop-Verteilzentrale in Dietikon beliefert den Grossraum Zürich sowie die Innerschweiz. Bruno Steinemann hat fünfzig Leute unter sich. Der Logistiker und ehemalige Koch leitet die Abteilung Früchte und Gemüse. Die Lagerhalle bildet den gigantischen Umschlagplatz für tonnenweise Früchte und Gemüse aus dem Ausland und aus der Region. Äpfel, Bananen, Pfirsiche, Zwiebeln und Salatköpfe kommen hier an, ehe Kommissionierer sie auf die Lieferungen für die Filialen verteilen.

Der Umschlagplatz des Konsums

Eben ist eine Lieferung aus Italien angekommen. Zwei Bahncontainer, in welchen sich Kisten mit Pfirsichen, Melonen, Zwiebeln und Zitronen stapeln. Weiter hinten in der Halle stehen ein paar Kisten Himbeeren. Ein angenehmer Duft liegt in der Luft. Es ist 12 Grad. Die Mitarbeiter tragen Rollkragenpullis, Faserpelzjacken und manche von ihnen Mützen.

Die Logistikkette von Coop ist perfekt, Steinemann und seine Mitarbeiter sind nur ein Rädchen im Gesamtgetriebe: Von Bestelleingang bis zum Zeitpunkt, bei dem die Ware in der Filiale steht, vergehen oft weniger als 24 Stunden.

Auch in Dietikon steht ein blauer Container von Recycling Energie. «Wir geben nur wenig Früchte oder Gemüse in die Vergärungsanlage. Nur dann etwa, wenn ein Gabelstaplerfahrer zu wenig Sorgfalt übt und Kisten zu Boden fallen», so Steinemann. In der Verteilzentrale findet aber eine erste Qualitätskontrolle statt. Früchte und Gemüse, welche nicht den Qualitätsanforderungen entsprechen, gehen zurück an den Lieferanten.

In Dietikon trifft Frischware aufeinander: die Schöne – für den Konsumenten bestimmt; die Unbrauchbare – dem Biogas verdammt. Immerhin, denn Biogas ist besser, wie als Kehricht verbrannt.

Einen Drittel schmeissen wir weg. Bei Gemüse und Früchten sogar noch mehr. Das hat mit unserem veränderten Lebensstil zu tun: Höhere Mobilität bringt eine höhere Abwesenheit von zu Hause mit sich. Wer isst den schönen Pfirsich, bevor er verdirbt, weil sich plötzlich unsere Pläne für den Abend verändert haben? Zudem: Gerade das Wegwerfen von Gemüse und Früchten schmerzt uns kaum finanziell: Im Laufe der Zeit haben sich unsere Ausgaben im Verhältnis zum Einkommen kontinuierlich verkleinert. Zwar ist die Schweiz ein Hochpreisland, auch was Früchte und Gemüse betrifft, ihre Bewohner schert ein vergessener und deshalb angefaulter Pfirsich im Müll jedoch kaum.

Meistgesehen

Artboard 1