Saudi-Arabien

Die frechen Kinder des Gottesstaates

Junge saudische Komiker begeistern mit Internet-Videos ein millionenfaches Publikum. Die Herrscher freuts nicht immer. Doch im Königreich – in dem weltweit am meisten Youtube-Videos konsumiert werden – sind sie Stars.

«Jeder Witz ist eine kleine Revolution», schrieb einst George Orwell. Menschen machen sich Luft über ihre Lebenszwänge, verspotten, was sie nervt und fordern die Mächtigen heraus – mit Ulk und Ironie, mit Parodie, Sarkasmus oder schwarzem Humor.

Und ausgerechnet Saudi-Arabien, das stets daherkommt als puritanische und spassfreie Heimat des Propheten Mohammed, quillt über vor Komiker-Talenten, die dank Youtube inzwischen in der ganzen arabischen Welt eine multimillionenfache Fangemeinde haben.

Ihre Videos kreisen um den Kosmos von Korruption, staatlicher Bürokratie und Inkompetenz, Hyperkonsum und Langeweile, Fremdenfeindlichkeit und mangelnder Arbeitsmoral, Frauenalltag und Männerdespotie sowie das schlechte Image der eigenen Heimat im Ausland.

«Warum sind wir kein produktives Land?», fragt ein virtueller Zuschauer per SMS in einem Sketch des Programms «Al Tayer». Moderator Omar Hussein lümmelt abwesend an seinem Tisch und spielt mit dem Smartphone. «Erstens ist unsere Mentalität konsumorientiert, zweitens sind wir keine produktiven Typen», doziert er hochnäsig. «Wir sollten uns die Japaner herholen, die können doch hier nach Herzenslust produktiv sein. Dafür zahlen wir ihnen dann jede Menge Geld, das tun wir ja in allem anderen auch.»

Internet-Comedy aus Saudi-Arabien

Internet-Comedy aus Saudi-Arabien

90 Millionen Abrufe pro Tag

In einer Episode liest Omar Hussein die Nachricht vor, ein Richter habe 44 Dokumente gefälscht und umgerechnet 60 000 Euro kassiert, um das Urteil gegen ein Ministerium zu annullieren. Entsetzt lässt der Komiker sein Manuskript fallen «das ist völlig unmöglich», stammelt er, ringt nach Luft und schlägt die Hände vors Gesicht.

«Wo sind wir nur hingeraten», presst er aus sich heraus, reisst sich den obersten Hemdknopf auf, «ich kriege keine Luft mehr», langt nach dem Asthmaspray und inhaliert einen Stoss. «Omar, was machst du da», tönt es tadelnd aus der Regie.

Sofort sitzt der 28-jährige Schalk wieder aufrecht und grinst arglos in die Kamera: «Das Justizsystem ist doch eine rote Linie, darum wollte ich eine indirekte sarkastische Szene machen.»

Seine Comedy-Serie «Al Tayer» («Auf die Schnelle») wird wie die Geschwisterprogramme «Eysh Elly» («Was ist das?»), «Noon Al Niswa» («Femme Fatale») und «10thF» («10. Stock») von der Firma UTurn aus Dschidda produziert.

Sie ist inzwischen das grösste Haus für Online-Komödien in Saudi-Arabien und besitzt das grösste Youtube-Multiprogramm auf der Arabischen Halbinsel. Ende Januar überschritt die Zahl der Hits erstmals die Milliardenschwelle. Kinos und Theater verbietet die islamistische Staatsdoktrin.

Das Fernsehen gilt in Saudi-Arabien als altbacken, staatstragend, an der Jugend vorbei. Und so sucht sich der Nachwuchs seine Unterhaltung vor allem im Internet.

Mehr als 90 Millionen Youtube-Videos werden täglich in dem Königreich konsumiert, pro Kopf gerechnet ein einsamer Weltrekord. «Wir unterhalten, während wir kritisieren – und wir kritisieren, während wir unterhalten», beschreibt Kreativ-Chef Emad Eskander das Motto von UTurn.

«Das Land ist gross, es gibt Tausende Geschichten zu erzählen und unsere Herrscher sind es nicht gewohnt, dass man sich über sie lustig macht», sagt der 31-Jährige. Gleichzeitig weiss er genau, wie schmal der Grat ist zwischen toleriertem Sarkasmus und provozierender Kritik, die die Obrigkeit auf den Plan ruft. So mokieren sie sich etwa über das Fahrverbot für Frauen oder die rechtliche Vormundschaft der Männer über Frauen.

Keiner der 50 Kreativ-Mitarbeiter von UTurn ist älter als 31 Jahre, genauso wie zwei Drittel der 28 Millionen Saudis. Die Einstiegsgehälter liegen bei für saudische Verhältnisse bescheidenen 1500 Euro pro Monat. Erst vor zwei Monaten zog das Team in seine neuen Produktionsräume ganz im Norden von Dschidda. «Brainstorming Session» klebt an der Glastür zu einem viereckigen Raum, draussen auf den Gängen stehen Tischfussball und Espressomaschine für die kreativen Pausen.

Die Komiker gehören inzwischen zur Prominenz, wo immer sie in Dschidda oder Riad auftauchen, bilden sich sofort Trauben von Fans um sie. Neben Omar Hussein von «Al Tayer», der eigentlich Chemieingenieur ist, sind die grössten Stars Badr Saleh von der «Eysh Elly», ein grauhaariger Struwwelpeter, der in seinem früheren Leben als Bürobote arbeitete und jetzt über skurrile Privatvideos aus dem Netz frotzelt.

Hatoon Kadi von «Noon Al Niswa» ist die erste weibliche Comedy-Künstlerin des Königreiches, die mal als eitle Wichtigtuerin, mal als hysterische Tussi und mal als Madame Schönheitsoperation posiert.

«Du Hure, was sagt denn deine Familie dazu?», schrieben erboste männliche Zuschauer unter ihre erste Episoden, als Hatoon Kadi im Mai 2012 online ging. «Ich dachte, ich wäre immun gegen solche Beleidigungen, aber das habe ich stark unterschätzt», bekennt die alleinerziehende Mutter zweier halbwüchsiger Söhne rückblickend, die nebenher in London promoviert und dort letztes Jahr auch ihren Führerschein machte.

Aber nicht alles geht

Obwohl Saudi-Arabien seit zwei Jahren mit kompromissloser Härte gegen Bürgerrechtler vorgeht und seine Staatskleriker alle politischen Demonstrationen als unislamisch verdammen, lassen die Mächtigen die jungen Online-Clowns bisher weitgehend gewähren, auch wenn sie sie genau im Auge behalten. Als gelernte Saudis kennen alle bei UTurn die Empfindlichkeiten ihrer Potentaten. Frontale Angriffe auf die drei grossen Tabus des Landes – Königshaus, Religion und Sexualität – gibt es nicht, auch wenn die dicken roten Linien mal bewusst gestreift werden.

So bei der «Al Tayer»-Episode, als Omar Hussein wie in einer amerikanischen Late-Night-Show mit seinem Studiogast, dem «Wutexperten» Dr. Hady Abdel Halim, den neuen 600 Meter hohen Uhrenturm von Mekka mit seinen 30 000 Hotelzimmern durch den Kakao zog – ein Herzensprojekt des saudischen Hofes, dessen Profite direkt in die königlichen Taschen fliessen.

Alles drehe sich nur noch ums Geld, die neuen Bauten seien ein «chaotischer Mist» und machten Mekka zu einem neuen Las Vegas, randalierte der aufgebrachte Doktor, unterlegt mit einem Zukunftsfoto der Heiligen Stadt, in der nachts über der Kabaa Coca-Cola- und McDonald’s-Reklamen leuchten.

Danach allerdings war Schluss mit lustig. Der junge Comedy-Star sah sich so heftig unter Druck gesetzt, dass er seine populäre Youtube-Serie nach vier Jahren beendete und ausstieg. Nun soll sie irgendwann ersetzt werden, versichern die UTurn-Macher – durch eine weniger politische Show.

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