Seelenverwandte

Der Vertraute an der Seite – ein Plädoyer für Freundschaften

Auf immer in Bronze vereint: Die Dichterfreunde Schiller und Goethe auf dem Theaterplatz in Weimar. Eingefädelt haben ihre Freundschaft allerdings die Frauen am Hof.Okapia

Auf immer in Bronze vereint: Die Dichterfreunde Schiller und Goethe auf dem Theaterplatz in Weimar. Eingefädelt haben ihre Freundschaft allerdings die Frauen am Hof.Okapia

Wir leben immer vereinzelter. Social-Media-Plattformen scheinen enge Beziehungen erst recht zu entwerten. Entgegen allen Vorurteilen aber ist die Zeit gut für Freundschaften. Ein Plädoyer aus männlicher Sicht.

Zweimal am gleichen Abend sagte Mark L. das Gleiche – über ganz verschiedene Leute. Er sagte: «Es war irgendwie Liebe auf den ersten Blick.» Mark L. war verheiratet und sprach von zwei lebenslangen Beziehungen – zu Freunden. Beide ebenfalls Familienväter. Mark wollte erzählen, was dazu geführt hatte, dass «es auf Anhieb gegeigt» hatte, warum sie «sofort einen Draht zueinanderfanden», als sie sich kennen lernten. Er wollte heutige, meist raue Gemeinplätze meiden, ebenso wenig psychologisches Wortstroh benutzen, um es zu erklären. Und so nannte es Mark, beherzt und unzeitgemäss: «Liebe».

Wir Jahresend-Müden 2018 haben, anders als Mark L., gewisse Hemmungen, Freundschaft in die Zone der «Liebe» zu schieben. Als hätte die Liebe «doch irgendwo noch Grenzen», zumindest dort, wo wir begriffliche Scheinunterscheidungen treffen. Liebe ist Physik – metaphorisch gesprochen: Wenn wir nämlich an eine Kraftwolke denken wie aus der Quantentheorie, Energiequanten, die mal hier, mal dort ihre Wirkung entfalten, je nach Konstellation der umliegenden Kraftfelder und … je nach Standpunkt oder Alter.

Jeder und jede kennt die – völlig normale – «Unschärferelation» der Liebe aus der Pubertät. In keiner anderen Lebensphase werden Freundschaften so eng gelebt, so rasch geknüpft, enthusiastisch oder bloss konfus. Als sogenannte BF (Beste Freundinnen) spielen Teenies zusammen Verhaltensszenen durch, die sie nachher, beim Clubbing, an lebenden Jungs vollstrecken. Und die Jungs haben noch lange das Gefühl, wenn sie irgendwo einen draufmachen, fühle sich das aufregend nur an mit «Kumpels», nicht mit Mädchen, auch wenn sie dann nächtelang über sie maulen und schwadronieren.

Alles «funktioniert problemlos» mit der BF oder unter «Kumpels», aber nie richtig in der Paarbeziehung. Bei einigen hält dieses Gefühl ein Leben lang an; darüber wollen sie nicht grübeln und noch weniger darüber reden. Der jeweilige Partner/die Partnerin will nie so dumm werden und Eifersucht gar noch auf den besten Freund/die beste Freundin entwickeln … und ist es dann dennoch rasend.

Etwas wirkt auch in der Tat falsch verdrahtet: Mit der BF oder dem «Kumpel» kann man fantastisch offen und verständnis-quick über alles reden, paradoxerweise gelingt es auch nur dort, die «Funkstörungen» oder «Funkstille» der Paarformation zu erörtern. Nach Schulbuch aber bzw. Romantik-Serien auf Netflix («The Innocents») müsste die Musik doch beim Paar spielen. Da soll sich die intimste Sphäre zwischen anfänglich Wildfremden offenbaren – und nicht bloss als etwas Lauwarmes erscheinen, verglichen mit dem Wärmeaggregat bester Freunde.

Kein Stress schafft Freunde

Freunde tragen zur Gesundheit bei; das ist längst erwiesen. Natürlich ist es schwierig, bei solchen Erhebungen auch die Qualität einer Freundschaft zu definieren; die aber wäre entscheidend für den Grad der Gesundung, die sie bewirkt. Im Sinne dessen, was Francis Bacon sagte, der Philosoph: «Freundschaft verdoppelt die Freude und halbiert das Leid.»

Klarer hingegen sind folgende Daten (gemäss einer Langzeitstudie des Schweizerischen Haushaltspanels der Universität Lausanne): Seit 1999 ist die Zahl jener Menschen, die drei oder mehr enge Freunde haben, deutlich angestiegen, vor allem bei den Alten (65- bis 74-Jährige). Vor zwanzig Jahren gab noch jede fünfte Person dieses Alters an, keinen engen Freund zu haben.

Heute ist eine gute Zeit für Freundschaften. Das sagen Soziopsychologen. Nicht zuletzt erleichtern das die Kennzeichen der modernen Gesellschaft, obwohl diese mit leidenschaftlichem Trübsinn oft gescholten werden: Mobilität, digitale Kommunikation, Singularität des Menschen. Gerade Letzteres nutzen wir laut den Soziopsychologen, um agil Bindungen zu knüpfen, um starre familiäre Bande zu ergänzen oder gar zu ersetzen. Zehn Prozent der Leute in Deutschland sollen ihre Zeit mittlerweile zur Hauptsache mit Freunden verbringen, nicht mehr mit Partnern oder im Kreis der Familie.

An diesem Punkt meldet sich die Frage zurück: Wie «echt» sind heutzutage Freundschaften? Es gibt ein einfaches Mittel, um das zu beurteilen: Wenn zwei Personen genau an dem Punkt ihr Gespräch wieder anknüpfen können, wo sie es beim letzten Mal beendet hatten – und seien Jahre dazwischen vergangen. Etwas setzt sich unabänderlich fort zwischen Menschen, das ergibt Vertrauen.

Darum ist es – handkehrum – auch relativ einfach, unnütze Kontakte zu entlarven. Unnütz in doppeltem Sinn, menschlich wie geschäftlich. Das sogenannte Networking fusst nicht auf dem Grundelement menschlicher Chemie, dem Vertrauen, sondern auf dem Grundelement des Einzelnen: sich oder seine Ich-AG zu behaupten. Daran ist nichts Falsches. Aber es sollte sich nicht mit dem ersten Element mischen, dem Vertrauen. Ein dünner Kontakt, pseudo-freundschaftlich verbuttert, eingesetzt für rein eigene Zwecke, kränkt jeden intelligenten Menschen.

Geschäftsfreunde alten Stils oder solche aus Süd-Europa sind bestrebt, gemeinsam irgendeine zünftige Erfahrung zu machen, die mit einem Geschäft nicht in direktem Zusammenhang stehen muss. Die Südländer schlagen sich bei opulenten Essen die Nacht um die Ohren, Russen saufen Partner unter den Tisch und sind dann für Business offen. Ähnlich wie man mit Jugendfreunden Dinge geteilt hat, die keineswegs «eine gleiche Wellenlänge» bestätigen müssen, aber eine verlässliche Robustheit in aller Art von Abenteuern.

Die Anwesenheit von Freunden – auch das hat man gemessen – schüttet das «Wohlfühl-Hormon» Oxytocin aus. Damit lässt sich Stress in Luft und Zoten auflösen. Wo Druck fühlbar bleibt, wie beim Networking, kann es sich nicht im Entferntesten um freundschaftliche Aromen handeln. Laut Markus Heinrichs, Psychologe an der Deutschen Universität Freiburg, lösen vor allem Freunde/Freundinnen die milde Wirkung aus. Ehemänner wie Partnerinnen würden in Stresssituationen kaum helfen.

Und damit sind wir zurück beim Kernproblem: Warum ist Freundschaft in gewissem Sinn inniger als Liebe? Und wer hat’s überhaupt erfunden?

Die Sorgen um die Zwei-Klassen-Vertrautheit zwischen Freunden und Partnern können auch nur daher rühren, dass wir Heutigen das mit der Liebe zu eng sehen. Liebe nicht auszuweiten, führt eben zu schrumpeligen Herzen. Es gab ein Zeitalter, da «liebte» man seine Freunde tatsächlich; man sagte dem so und schrieb es genauso nieder, beinahe täglich in unzähligen Briefen.

Mit dem Freund auf dem Klo

Es war das Zeitalter, von dem man mit gewissem Schwung behaupten darf, es habe die Freundschaft als Ideal erfunden – der deutsche Idealismus. Schiller und Goethe, das Weimarer Genie-Bronzepaar, natürlich. Die konnten es übrigens weit besser miteinander, als Rundum-Zyniker das heute wahrhaben wollen. Die konnten es sogar ausgesucht gut miteinander, wenngleich sie sich, nicht aus Kunstkikeriki, nur im Wissen ihres Ranges, viel Zeit nahmen, um sich anzunähern. Und sich lange vorsichtig umkreisten. Die Freundschaft einzufädeln überliessen sie ihren Frauen am Weimarer Hof, die dies geschickt taten.

Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, wie pragmatisch, wie real, hilfreich und nützlich Freundschaft sein konnte zwischen Idealisten. Kunst, Philosophie, ästhetische Erziehung – das bedeutete schon alles Leben. Sich darüber auszutauschen, konnte darum nie abgehoben sein. Goethe und Schiller regten sich an mit Ideen und Textkritik, schufen gar Werke zusammen.

Ihre spöttisch-bissigen kurzen Verse, die «Xenien», warfen sie aufs Blatt wie Lausbuben, um die Kulturschickeria ihrer Zeit (und allernächsten Umgebung) tüchtig zu piesacken. Mit der wohl erhofften Wirkung: Es entspannte sich ein wahrer Xenienkampf mit Gekränkten und Verhöhnten, mit oft anonymen Verfassern von Gegen-Xenien, bis die Klassikerstrolche das Vergnügen dran verloren und gemeinsam neue Kraft sammelten für höchste Vorhaben («Wilhelm Meister», «Wilhelm Tell»).

Ein Ständiges Auf und Ab

Die Boshaftigkeiten, die Lust, der Ärger rund um die Xenien deuten darauf hin, was nur allzu menschlich sein kann: Mit Freundschaft gehts auf und ab. Der Geniekult machte einige erst zu Brüdern im freiheitlichen Geistesrausch und später zu Konkurrenten, die fortan die einst Bewunderten verspotteten als Popanz, Posaunist und Pfau – wie die Gebrüder Schlegel die Olympier Goethe und Schiller. Kein Überschwang hält an, auch in der Klassik nicht, wo eine coole Idee die beiden schon als Gymnasiasten und in der Sturm-und-Drang-Zeit befeuert hatte. Ohne Freunde gab es das Leben als Kunstform nicht.

Trotz dem allzu Menschlichen schufen die Klassiker Grosses, über alles bekannte Mass hinaus, auch in der Freundschaft. Sie redeten nicht nur, erstaunlich frei, verglichen mit der heute strikten Privatdiskretion, sie waren da. Hölderlin verschlug es die Sprache in Gegenwart von Schiller, so sehr liebte er ihn, und Hölderlins Geliebte zitterte vor Eifersucht. Schiller aber half konkret und vermittelte dem in prekären Verhältnissen lebenden Dichter eine Stelle.

Exemplarisch, wie jene Geister miteinander umgingen, exemplarisch für Freundschaft überhaupt, steht wohl das: Der Philologe und Shakespeare-Übersetzer Heinrich Voss geleitete Schiller, der an Koliken litt, auf die Toilette. Dort setzte sich Voss zu Schiller und erzählte ihm Geschichten, bis «nach fröhlichen Stunden endlich, endlich Linderung eintrat». Der Gelehrte und der Dichter auf dem Klo als Krankenpfleger und Patient: Geist, der sich vom Körper befreien will, während er auf den Tod am Körper haftet – daran knüpft man immer wieder an, zeitlos, das ist Freundschaft.

Meistgesehen

Artboard 1