Vor 100 Jahren

Der Vertrag von Brest-Litowsk: Als Lenin mit dem Kaiser Frieden schloss

Ankunft der bolschewistischen Delegation in Brest-Litowsk: Lew Borisowitsch Kamenew (mit Hut), Leo Trotzki (vorne) und Adolf Abramowitsch Joffe (hinter Trotzki).

Ankunft der bolschewistischen Delegation in Brest-Litowsk: Lew Borisowitsch Kamenew (mit Hut), Leo Trotzki (vorne) und Adolf Abramowitsch Joffe (hinter Trotzki).

Am 3. März 1918 wurde der Vertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet – trotz unterschiedlicher Intensionen.

Der scharfsinnige Philosoph Theodor Lessing, der 1933 von den Nazis ermordet wurde, schrieb von der Geschichte als «Sinngebung des Sinnlosen». Rückwirkend wird rationalisiert, was nie einem vernünftigen Plan gefolgt ist. Alle Akteure verfolgen irgendwelche Ziele, aber es kommt immer anders, als alle dachten. Die Geschichte macht unglaublich Kapriolen, kann man Geschichte überhaupt «verstehen»?

Besonders turbulent sind die Jahre zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Wie es 1914 zum Ersten Weltkrieg kommen konnte, ist nur sehr mühsam nachzuvollziehen. Die massgeblichen Politiker – und noch mehr die Monarchen – kommen einem im Rückblick masslos überfordert vor.

Im Rückblick scheint sonnenklar, dass man den Ersten Weltkrieg bereits 1914 hätte beenden können und auch sollen. Es war militärisch und wirtschaftlich völlig absehbar, dass Deutschland trotz seiner Anfangserfolge nicht mehr gewinnen konnte. Politisch aber hatte eine solche Einsicht keine Chance. Auch bei den Militärs nicht. Sie – nicht nur die deutschen! – versuchten, in immer verzweifelteren Offensiven eine Wende zum Sieg zu erzwingen.

Lenin und die Weltrevolution

Eiskaltes Kalkül, aus heissester Verzweiflung geboren – oder wie anders sollte man sonst damit zurechtkommen, dass das kaiserliche Deutschland den bolschewistischen Revolutionär Lenin nach Russland transferierte? Eine Art Bio-Waffe auf dem Polit-Feld, die das Zarenreich verseuchen sollte?

Und auf der anderen Seite: Der Führer der bolschewistischen Partei Russlands, nicht gerade die grösste und einflussreichste, sicher aber die ehrgeizigste politische Formation der Opposition? Lenin, im Schweizer Exil, warum sollte er sich mit seinem ideologischen Erzfeind zusammentun? Sein Geheimnis war wohl, dass er weiter dachte, als des Kaisers Generäle.

Seine Vision war die kommunistische Weltrevolution, und die konnte – nach klassischer Lehre – nur in Deutschland funktionieren. Dort gab es damals die mächtigste linke Gruppierung – die Sozialdemokratie dominierte die zweite Internationale –, und es gab die Industrie und das Proletariat.

Zuerst lief es allerdings anders. Die russische Übergangsregierung setzte noch einmal auf eine militärische Offensive gegen die Deutschen, deren Armeen weit im Land standen. Ihr Scheitern machte den Weg frei für Lenin und die Bolschewiki. Am 26. Oktober 1917 schon verlas Lenin vor dem Rätekongress das Dekret über den Frieden.

Ein mächtiges Stück Propaganda, es war an die Arbeiter aller kriegführenden Mächte gerichtet und sollte die Revolution anstacheln. Und es gab auch allenthalben Streiks, die Kriegsbegeisterung hatte abgenommen.

Die Russen wollten Frieden

Am enthusiastischsten aber begrüssten die russischen Soldaten den Frieden. Sie warfen die Waffen weg und liefen davon. Lenin fürchtete, Russland habe bald keine Armee mehr. Wenn man sich mit den Deutschen einig würde, hätte man auch Gewähr, dass der Krieg im Westen nochmals an Fahrt gewinnen würde. Und das wäre wiederum gut für die Weltrevolution. Denn Krieg macht die Leute revolutionslustig.

Die Mehrheit in Lenins Regierung dachte nicht so. Trotzdem nahm man mit den Deutschen Verhandlungen auf. Anstatt mit einem geschwächten Zarenregime verhandelte das deutsche Kaiserreich Ende 1917 in Brest-Litowsk mit einer komischen Sowjetregierung. Beide Seiten wollten zwar einen Frieden, aber was für einer das sein sollte, darüber gingen die Meinungen doch weit auseinander.

Lenin wollte ihn, weil er «Land, Brot und Frieden» versprochen hatte und liefern musste. Die Deutschen träumten von einer riesigen Ostausdehnung, diesem klapprigen Regime konnte man Gebietsabtretungen zumuten, was später vielleicht nicht mehr möglich sein würde.

Zu Beginn redete man noch vom «Selbstbestimmungsrecht der Völker». Die Deutschen sahen darin einen Kordon von Satellitenstaaten unter Berliner Kontrolle; die Russen sahen das anders, schliesslich galt es ja immer noch, der internationalen Arbeiterschaft eine Perspektive zu bieten.

Die Verhandlungen hatten im Dezember 1917 begonnen und zogen sich erst mal hin. Mitte Januar ergriffen die deutschen Militärs die Initiative, schliesslich waren sie die Sieger. General Hoffmann, der «Aufpasser», den Hindenburg und Ludendorff, die eigentlichen Herren Deutschlands, in die Delegation geschickt hatten, präsentierte eine Karte, auf der eingezeichnet war, was alles abgetreten werden sollte: Polen, Finnland, Litauen, Kurland, Livland und die Ukraine.

Trotzki, inzwischen Verhandlungsführer der Russen, sagte, das müsse er zuerst zu Hause besprechen. Denn das war keineswegs der Friede, den sich die Russen vorgestellt hatten. Am 11. Januar 1918 traf sich das ZK.

Eine Mehrheit sagte: So nicht. Wir haben zwar keine Armee mehr, aber wir könnten einen «revolutionären Krieg» führen, mit den Roten Graden, mit Partisanen und was sonst noch da ist. Lenin sah das anders. Nochmals Krieg, das wäre das Ende der Revolution, von innen und von aussen. Er beschwor die Genossen: Wir müssen die Revolution retten. Auch wenn es hart ist.

Unterdessen hatten die Deutschen neue Tatsachen geschaffen und noch mehr Terrain erobert. Petersburg wurde bombardiert, Moskau zur Hauptstadt des Sowjetstaates. Lenin schwankte. Vielleicht wäre ein revolutionärer Krieg doch besser? Aber schliesslich siegte in Lenin der Revolutionär. «Die Frage ist, ob wir heute die Friedensbedingungen oder in drei Wochen das Todesurteil der Sowjetregierung unterschreiben», erklärte er dem ZK.

Ein «Schandvertrag»

Zusammen mit Trotzki setzte er sich schliesslich durch. Am 3. März 1918 wurde der Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet. Es war einer der brutalsten «Friedensverträge» überhaupt: Die Sowjetrepublik verlor 34 Prozent ihrer Bevölkerung (55 Mio. Menschen), 32 Prozent ihres Ackerbodens, 54 Prozent ihrer Industrieunternehmen und 89 Prozent ihrer Kohlebergwerke.

Danach waren Lenin und die Bolschewiki allein. Die Koalitionspartner verliessen die Regierung. Der Bürgerkrieg brach jetzt richtig aus. Im Sommer 1918 waren die Roten in einer verzweifelten Lage. Trotzki baute aus den Trümmern der Zarenarmee die Rote Armee. Die Konterrevolution wurde von der Entente unterstützt.

Komischerweise versprach Deutschland Hilfe. Die Deutschen sahen es allerdings eher als Chance, richtig zuzupacken, es war eine Kolonisierung Russlands. Aber es rettete Lenin für den Moment. Und dann brach Deutschland im Westen zusammen, der Krieg war vorbei, die deutsche Revolution brach aus.

Die Wehrmacht in Russland

Lenins Hoffnung auf eine Verbrüderung der europäischen Arbeiterschaft erfüllten sich nicht. Die deutsche Linke verriet die Revolution. 1920 stellte Lenin fest: «Die deutsche bürgerliche Regierung hasst die Bolschewisten aus tiefster Seele, aber ihre Interessen und die internationale Lage treiben sie gegen ihren eigenen Willen zum Frieden mit Sowjetrussland.»

Die historischen Kapriolen gingen weiter. Im Vertrag von Rapallo 1922 fanden sich die «Verlierer» des Ersten Weltkriegs gegen den Westen. Und bereits zuvor hatte begonnen, was heute unbegreiflich scheint: Hitlers Angriffsmaschinerie, die Wehrmacht, entstand in Russland. Dort entwickelten die deutschen Militärs weit weg von jeglicher Kontrolle, was der Versailler Vertrag Deutschland verboten hatte: Panzer und Luftwaffe.

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