Geschichte

Der Traum vom ewigen Frieden: Vor 100 Jahren entstand der Völkerbund

Die Vollversammlung der Friedenskonferenz in Versailles trat achtmal zusammen. Am 28.April 1919 hiess sie die Völkerbundssatzung gut. Bettmann Archive/Getty

Die Vollversammlung der Friedenskonferenz in Versailles trat achtmal zusammen. Am 28.April 1919 hiess sie die Völkerbundssatzung gut. Bettmann Archive/Getty

Vor 100 Jahren schlossen sich Staaten aus aller Welt zu einer grossen Gemeinschaft zusammen: dem Völkerbund.

Der Völkerbund genoss bei den Historikern noch nie viel Kredit. Im Rückblick hat er auch klar versagt. Er war nicht in der Lage, die zunehmende Aggression in Europa in den 1930er-Jahren unter Kontrolle zu halten. Hitler lachte nur über die Quasselbude in Genf und trieb seine expansive Aussenpolitik unbeirrt voran, bis der Zweite Weltkrieg schliesslich nicht mehr zu verhindern war.

Man weiss: Gut gemeint ist das Gegenteil von gut. Und der Völkerbund war zweifellos gut gemeint. Aber es fällt schwer, ihm als Konzept humanitäre Grösse abzusprechen. Was kann der denkende Mensch mehr wollen als das? Eine Idee, die Realität wird – anstatt dass die Staaten Krieg gegeneinander führten, sollten sie zusammen in einem Gremium ihre Probleme diskutieren und lösen. Und zwar gemäss Regeln, die von allen anerkannt und respektiert würden. Frieden schaffen durch Recht – das war eine Idee, die seit der Aufklärung in Europa weitherum diskutiert worden war. Eigentlich hätten monarchische Systeme ja die besten Voraussetzungen geboten, so etwas zustandezubringen. Denn zur Vernunft gekommene Fürsten und Könige, die ja beständig behaupteten, nur Wohlbefinden und Glück ihrer Untertanen als Ziel ihrer Regierungstätigkeit zu kennen, hätten sich schwerlich dem Wunsch nach Frieden, den die von ihnen Regierten immer wieder laut werden liessen, verschliessen können.

Aber das war – das hatte der Philosoph Immanuel Kant bereits vor 1800 scharfsinnig erkannt – dann doch eine Drehung zu viel an der Schraube. Zuerst müssten alle Staaten Republiken werden, Freiheit und Mitbestimmung der Bürger nach innen garantieren, erst dann wären die Staaten untereinander in der Lage, auch als faire Partner zu agieren. So wenigstens hatte es Kant in seiner Altersschrift «Zum ewigen Frieden» (1795) gefordert. Die Idee wirkt heute noch nach in der Theorie des «Demokratischen Friedens», die auf der Annahme gegründet ist, dass es unwahrscheinlich sei, dass Demokratien gegeneinander Krieg führen würden.

«Balance of Powers» hat ausgedient

Neben seiner ideengeschichtlichen Herkunft hatte der Völkerbund auch eine realpolitische Grundlage. Der Erste Weltkrieg hatte die Welt mitten in einer wirtschaftlichen Globalisierungsphase getroffen. Intellektuelle wie der Brite Norman Angell hatten argumentiert, in Zeiten der wirtschaftlichen Verflechtung wie diesen (sein Buch «The Great Illusion» wurde ab 1910 in mehrfacher Auflage veröffentlicht) sei die Idee, einen Krieg zu führen, so absurd, dass sie keine Chance hätte. Nichts wäre dabei zu gewinnen, aber alles zu verlieren. Mit der zweiten Hälfte des Satzes sollte Angell zumindest völlig recht behalten. Garantie für die globale Prosperität sah man im System einer «Balance of Powers», die durch wechselseitige Bündnissysteme gewährleistet wurde.

Was sich nach 1914 abspielte, hatte zumindest die Überlegungen Angells als absurd entlarvt, aber auch die Idee eines Gleichgewichts der Mächte diskreditiert. An die Stelle einer solchen Balance sollte ein «sorgfältig konstruierter Völkerbund» (League of Nations) treten. So äusserte sich US-Präsident Woodrow Wilson am 3. Januar 1919 in Rom und andernorts auf seiner Tournee durch Europa. Nach seinem Eintreffen auf dem Kontinent am 13. Dezember 1918 war der amerikanische Präsident vom französischen Aussenminister Pichon mit den Worten begrüsst worden: «Wir sind so dankbar, dass Sie herübergekommen sind, um uns die richtige Art Frieden zu bringen.»

Das war mehr als Schmeichelei, denn Wilson hatte sich seit Kriegsbeginn und dann zunehmend ab 1916 dem Kontinent als Friedensbringer angedient. Mit seinem Vorschlag eines «Friedens ohne Sieger» hatte er Sympathien auf beiden Seiten erweckt. Auf deutscher Seite fand der Vorschlag Resonanz im – politisch wenig präsenten – Reichstag. Immerhin genug, dass die konservativ-monarchisch-militärisch-preussische Allianz mit der Bildung einer «Vaterlandspartei» reagierte, einer ausserparlamentarischen Oppositionsbewegung – gewissermassen eine AfD avant la lettre. Den Friedensbringernimbus bekräftigte er dann mit seinen legendären «14 Punkten».

Sein Problem war, dass er innenpolitisch unter Druck war und dass – auch vor dem Kriegseintritt – die Neutralität der USA schon lange gelitten hatte, weil Frankreich und Grossbritannien den Krieg mit amerikanischen (Privat-)Krediten führten. Einen anderen Ausgang als einen Sieg der Alliierten durfte dieser Krieg nach Ansicht der Wall Street keineswegs nehmen. Aber Deutschlands Oberste Heeresleitung (OHL), die nach 1916 das Land am Kaiser vorbei praktisch diktatorisch regierte, verschwendete eh keinen Gedanken an einen Verständigungsfrieden. Auch hier regierten die Interessen der Industrie, und die erhoffte sich eine Bereinigung auf dem europäischen oder dem Weltmarkt durch einen deutschen Sieg.

«Völkerbund first»

Innenpolitisch motiviert war auch Wilsons Vorpreschen. Die Völkerbundskommission wurde gleich am Tag der Konferenzeröffnung in Versailles gegründet. Sie tagte im Hôtel de Crillon, dem Sitz der US-Delegation, und Wilson führte den Vorsitz. Die Kommission bestand aus 15 Mitgliedern, je zwei der Grossmächte Frankreich, Grossbritannien, Italien, Japan und den USA, dazu durften Belgien, Brasilien, China, Portugal und Serbien ein Mitglied stellen. Sie tagte erstmals am 3. Februar 1919 und hatte bereits am 14. Februar einen Entwurf fertig. Wilson dachte, einen ersten Erfolg gelandet zu haben, und fuhr zurück in die USA. Am 28. April verabschiedete die Vollversammlung den Entwurf. Entgegen den Vorstellungen Wilsons, der gehofft hatte, dass «es der Völkerbund richten würde», wenn der Friedensvertrag zu hart ausfallen würde, wurde die Satzung in den Friedensvertrag von Versailles integriert. Und der wurde dann prompt vom US-Senat abgelehnt, sodass die USA nicht Völkerbundsmitglied wurden.

Den Vorsitz der Friedenskonferenz hatte Wilson den gastgebenden Franzosen überlassen. Mit seinem Vorgehen in Sachen Völkerbund überrumpelte er die Alliierten aber trotzdem. Die Franzosen hatten gedacht, man würde zuerst die territorialen und anderen realpolitischen Dinge klären und dann den Völkerbund angehen. Ihr Hauptziel war, eine garantierte Sicherheit vor dem Erzfeind Deutschland zu kriegen. Verständlich, wenn man die Geografie betrachtet. Aber die Briten, die den Völkerbund als eine Art Empire sahen – «Das britische Empire ist ein Völkerbund», sagte Premierminister Lloyd George –, hatte Wilson auf seiner Seite. Das sollte sich allerdings als schwere Bürde erweisen, denn der Völkerbund bekam dadurch eine paternalistische und vielleicht sogar rassistische Schlagseite, denn er zementierte die Vormachtstellung der europäischen Kolonialmächte. Daran leidet der Mittlere Osten noch heute. Überhaupt fiel die erhoffte Entkolonialisierung völlig aus den Traktanden. Das «Selbstbestimmungsrecht der Völker», das Wilsons Punkte vollmundig erklärt hatten, galt offenbar bestenfalls für ein paar europäische Nationen. Und denen tat es auch nicht gut. Sie kamen nicht zurecht mit der Demokratie und ihren ethnischen Problemen. Ende der 1930er-Jahre war Europa ein Land der Diktaturen.

Den wichtigsten Beitrag lieferte der Völkerbund, indem er 1945 klarmachte, dass es einen Frieden wie 1919 nicht mehr geben durfte. Die Vereinten Nationen wurden explizit nicht als Nachfolgeorganisation gegründet, aber 1946 wurde der Völkerbund aufgelöst. Ob die UNO die kollektive Sicherheit der Nationen besser garantiert, muss vorderhand offenbleiben. Aber gibt es eine Alternative?

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