Im Dezember vergangenen Jahres machten die Bewohner der amerikanischen Westküste eine merkwürdige Beobachtung: Am Nachthimmel zog ein mysteriöser Silberstreif auf, der von einem unbekannten Flugobjekt zu stammen schien. Der kalifornische Himmel war hell erleuchtet. Ein spektakuläres Schauspiel. Schnell schossen in sozialen Netzwerken Spekulationen ins Kraut, es könnte sich um ein Ufo handeln. Doch was sich über dem Nachthimmel der US-Westküste abspielte, war kein feindlicher Angriff von Ausserirdischen, sondern die Überbleibsel eines überaus irdischen Vorgangs: ein Raketenstart.

Das Raumfahrtunternehmen SpaceX des Milliardärs Elon Musk hatte kurz zuvor vom Luftwaffenstützpunkt Vandenberg Air Force Base in Zentralkalifornien eine mit zehn Satelliten bestückte Rakete ins Weltall geschossen. Es war eine Show ganz nach dem Gusto des umtriebigen Unternehmers. Effektvoll (mit Knalleffekt und Leuchtshow), dramaturgisch perfekt orchestriert und mit der nötigen öffentlichen Resonanz. Indem er den Himmel in eine Schaubühne verwandelte, zog Musk die Aufmerksamkeit auf sich, die er für sein Projekt benötigt. Der Techno-Utopist hat die Vision, den Mars zu besiedeln. In den nächsten 40 bis 60 Jahren sollen eine Million Menschen auf dem Roten Planeten leben. Die Zukunft der Menschheit liege nicht auf der Erde, sondern auf dem Mars, ist Musk überzeugt. Mithilfe von Raumschiffen sollen 2025 die ersten Menschen auf die Marskolonie transportiert werden.

Pionier-Rakete in den Startlöchern

Das klingt reichlich kühn und selbst für den Fortschrittsfuror im Silicon Valley verwegen, doch Musk wäre nicht Musk, würde er nicht alle Hebel in Bewegung setzen, seine Pläne in die Realität umzusetzen. Jedenfalls kommt er mit der neuesten Entwicklung aus dem Hause SpaceX seinem Ziel schon viel näher: der «Falcon Heavy». Sie ist mit ihren 27 Raketentriebwerken, die so viel Schubkraft wie 15 Jumbojets erzeugen, die stärkste Trägerrakete der Welt. Ende Januar soll sie zum ersten Mal überhaupt ins Weltall geschossen werden. Das vom legendären Raketenstützpunkt Cape Canaveral aus – dem historischen Ort, wo die «Apollo»-Missionen starteten.

Spektakulär ist auch die Raketenfracht: Musk will ihr einen Tesla Roadster mitgeben. Dieser soll dann in die Umlaufbahn des Mars katapultiert werden. Witziges Detail: Während des Abkopplungsprozesses soll David Bowies Hymne an das Weltall «Space Oddity» laufen. All das ist ein PR-Gag, sicher, aber nicht nur. Der Tesla als Testlast hat praktische Sicherheitsgründe: Die Gefahr einer Explosion beim Start ist real, weshalb er auf eine kommerzielle Fracht zunächst verzichtet.

Es ist nicht das erste mal, dass SpaceX Dummy-Ladung mit ins All schickt. So hatte die Raumkapsel «Dragon» auf ihrem Jungfernflug 2010 einen Käselaib Gruyère geladen – inspiriert von einer legendären Nummer zu einem Käsekauf der britischen Komikergruppe Monty Python. Vor SpaceX schickten 1957 bereits die Sowjets eine besondere Fracht ins All. An Bord des Satelliten «Sputnik 2» befand sich die Mischlingshündin Laika. Ratten und Affen verliessen ebenfalls bereits auf diesem Weg die Erde.

Mit der «Falcon Heavy» setzt Musk zudem auf Nachhaltigkeit: Fast alle Bauteile sollen wiederverwendet werden. So sollen die Raketenstufen nicht einfach verglühen, sondern nach dem Start wieder zurückkehren. Die Zentralstufe soll nach dem Start auf einem Landeplatz an Cape Canaveral landen, die Seitenbooster auf schwimmenden Plattformen im Atlantischen Ozean.

Der südafrikanische Milliardär Musk geht mit SpaceX grosse Risiken ein. Das Projekt verschlingt viel Geld. Vor wenigen Monaten erhielt er bei einer Finanzierungsrunde 100 Millionen Dollar frisches Kapital. Google und der Finanzinvestor Fidelity haben eine Milliarde Dollar investiert. Die Erwartungen der Investoren sind riesig. Das Risiko, dass etwas schiefgeht ebenso. Immer wieder musste Musk Rückschläge hinnehmen. Mehrmals explodierte die Trägerrakete oder missglückte die Landung. Der Start der «Falcon Heavy», der ursprünglich für 2013 geplant war, musste mehrmals verschoben werden. Auch diesmal blickt die ganze Welt mit Spannung auf den Start. Sollte die Mission gelingen, wäre es ein Meilenstein für die Raumfahrt. Zum einen würde eine wiederverwertbare Rakete die Kosten für die ganze Raumfahrt erheblich reduzieren. Zum anderen würde die Schwerlastträgerrakete die Nutzlast von Raketen deutlich erhöhen.

«Falcon Heavy» kann einiges mehr an Nutzlast aufnehmen, als die Raketen-Generationen vor ihr: 54 Tonnen. Im Vergleich zu den 24 Tonnen des «Space Shuttles», das die US-Raumfahrtbehörde Nasa entwickelte, ist das ein Quantensprung. Die höhere Nutzlast hat Vorteile. Die Trägerrakete «Falcon 9», die Vorgängerin der «Falcon Heavy», kostet in der Herstellung 60 Millionen Dollar (plus 200 000 Dollar Treibstoff je Flug) und soll ohne grosse Veränderungen an der Hardware zehnmal verwendet werden können. Je öfter die Rakete startet, desto billiger wird es. Ein Pound (ca. 0,45 Kilogramm) Ladung ins Weltall zu befördern, kostet mit der «Falcon 9» rund 2500 Dollar. Mit der «Falcon Heavy» sollen die Frachtkosten auf 1000 Dollar pro Pound sinken.

Auch die US-Regierung profitiert

Wenn Ende Januar alles gut geht, sendet Musk mit seiner Mission auch eine Botschaft an die Nasa: Seht her, wir schaffen das, was ihr nie erreicht habt: Wir fliegen bis zum Mars! Gleichsam wäre es eine grosse Erleichterung für die US-Regierung. Derzeit müssen die USA ihre Astronauten mit der russischen Sojus-Kapsel ins All schicken, was sie 82 Millionen Dollar pro Ticket und jede Menge geopolitisches Prestige kostet. Das soll sich mit SpaceX ändern. Noch in diesem Jahr sollen dank Musk wieder Astronauten mit einer US-Rakete ins All fliegen.

Der ehemalige US-amerikanische Astronaut Jeffrey A. Hoffman, der an mehreren «Space Shuttle»-Missionen beteiligt war und im All unter anderem Reparaturen am Weltraumteleskop «Hubble» durchführte, ist zuversichtlich, dass die SpaceX-Mission gelingen wird. Auf Anfrage dieser Zeitung sagt er: «Musk hat seine Entwicklungsversprechen nie pünktlich eingelöst, aber er kann Rückschläge wegstecken. Das gilt auch für die «Falcon Heavy». Sie ist ein paar Jahre zu spät und wird nicht auf Anhieb funktionieren, aber am Ende wird sie erfolgreich sein.»

SpaceX ist nicht das einzige private Unternehmen, das ins All will. Auch Boeing baut an einer Raumfähre, die im Rahmen einer bemannten Mission zum Mars fliegen soll. Der Milliardär Richard Branson plant mit seinem Raumfahrt-Unternehmen Virgin Galactic Flüge ins All. Und Amazon-Gründer Jeff Bezos will mit seinem Raumfahrtunternehmen Blue Origin Touristen ins All schicken. Ein neuer Wettlauf ist entbrannt. Wetteiferten im Kalten Krieg die Supermächte USA und die Sowjetunion um die Vorherrschaft im All, tobt heute ein Konkurrenzkampf zwischen privaten Akteuren. Und es scheint, als hätte Musk in diesem Rennen die Nase vorn.