Erst als wir die Treppe hinunter steigen und die nervösen Besucher sehen, wie sie wie eingepferchtes Vieh vor dem Ausgang warten und partout nicht in die Nacht treten wollen, ahnen wir Schlimmes. Und wir behielten Recht.

Regenguss. Regenhölle. Wie der Himmel am Donnerstag etwa zwischen 22 und 1 Uhr nachts die Stadt Zürich ertränkte, war paranormal. Wer zur Regenzeit unterwegs war, dachte an Weltuntergangsfilme wie «The Storm» oder «Die letzte Flut» und fragte sich ob er «The Day After Tomorrow» noch erleben würde. Die Limmat floss nicht unter, sondern über den Brücken.

Klar, dass man in so einer Extremsituation auch noch zu diskutieren beginnt: «Ich hab ja gesagt, wir brauchen einen Schirm.» «Ja, und dann stünden wir immer noch an der Garderobe an? Oder hättest ihn wie all deine Schirme liegen lassen?»

Irgendwann verpufften die Worte im Rausch des Regens. Haben oder nicht haben, auch Menschen mit Schirm hatten bei diesen Konditionen kaum eine Chance trocken zu bleiben. Für die Art Wasserlass, den wir seit Anfang Juni in der Schweiz erdulden müssen, sind die Knirpse aus China nicht gemacht.

Macht, Mode und Alltagshilfe

Derweil wurden Regenschirme einst traditionell von Schirmmachen entworfen und angefertigt. Das war aber lange bevor die industrielle (Billig-)Produktion den Markt beherrschte. Dennoch gilt China als Ursprungsland des Schirmes. So wie er heute von vielen Asiaten als Sonnenschutz verwendet wird, wurde er auch 2000 v. Chr. zunächst gegen die stechend-brennende Hitze eingesetzt.

Erst viel später wurden Schirme als Regenschutz verwendet. Aus Bambusstäben, Palmblätter und Ölpapier. Später hat man Schirme mit Seide bespannt, mit Gold verziert und die Stangen mit Elfenbein und Edelsteinen geschmückt. In Europa wurde ein Regenschirm angeblich erstmals im Jahr 800 schriftlich erwähnt. Damals – so die Geschichte – schickte ein Abt aus Frankreich dem Bischof Arno von Salzburg einen Schirm und soll geschrieben haben: «Ich sende dir ein Schutzdach, damit es von deinem verehrungswürdigen Haupte den Regen abhalte.»

Vom Herrenschirm zum Symbol des Konservatismus

Einst war der Schirm ein Zeichen von Macht und der Würde, später wurde er zum Modeaccessoire erkoren. Mitte des 19. Jahrhunderts galt der Herrenschirm insbesondere in England als unerlässliches modisches Attribut des eleganten Herrn. Dann wurde er als Ur-Symbol des Konservatismus abgestempelt und verstaubte im Keller.

Doch einer kramte diese Schirme wieder hervor. Der Wahlpariser Michel Heurtault schwärmt für Schirme. Er restauriert historische Stücke und gastierte von November bis April mit 400 Sammlerstücken im Spielzeug Welten Museum Basel. Sein Wissen und Können gilt heute als einzigartig und führte zu seinem weltweiten Ruf als Schirmherr.

Der Schirm musste seit seiner Entstehung einiges mitmachen. Der Stil trägt also nicht nur ein Stück Stoff (Nylon), sondern auch eine schwere Bürde auf sich. Teenager finden ihn besonders öde. Während sie eine Aversion gegen Schirme haben und sich lieber die Kapuzen ihrer Hoodies über den Kopf ziehen und jeder Mitdreissiger im Besitz einer funktionalen Regenjacke ist, setzen lediglich ältere Leute konsequent auf den Schirm. Ihnen würde es diese Tage nicht in den Sinn kommen, das Haus ohne ihn zu verlassen.

Wenn es giesst, bleiben wir treu

Wir stehen in einer Art Hass-Liebe zu diesem Alltagsgegenstand. Wir empfinden ihn als lästig. Kommt es aber drauf an, sind wir froh ihn aufspannen zu können. Hand auf den Griff, wie viele Schirme haben Sie in ihrem Leben schon liegen gelassen? Gehören Sie in die Gruppe der Vergesslichen? Im Zug auf dem Boden, im Restaurant im Ständer vergisst man ihn, weil das menschliche Hirn auf «Gut Wetter» und «Sonnenschein» eingestellt ist. Man hofft ja, dass man ihn nicht braucht.

So gibt es zahlreiche herrenlose Regenschirme. Und auch wenn sie gefunden werden, holt sie niemand ab. Laut Daniela Baldauf, Leiterin des Fundbü-ros der Stadt Zürich, sind Regenschirme neben Plastiksäcken der Fundgegenstand, der am meisten abgegeben wird. Das Hudelwetter hat noch mehr Regenschirme ins Fundbüro geschwemmt. «Wir haben sehr viele Regenschirme bei uns.

Allein letzten Montag wurden 80 Stück abgegeben», sagt Baldauf. Ein Drittel der Schirme seien kaputt. Klar, ein Schirm, der sich nicht mehr aufspannen lässt oder mit abgebrochenen Speichen, lassen wir liegen. Warum geben wir fremde ab, holen unsere eigenen aber nicht? Weil wir billige Schirme haben und uns gleich wieder einen neuen kaufen. Von den etwa 80 wartenden Schirmen in Zürich wurden gemäss der Fundbüro-Chefin bis jetzt nur zehn abgeholt.

Baldauf fürchtet schon die nächste grosse Regenschirminvasion. Weil es gestern endlich auch mal Regenpausen und manchmal sogar etwas Sonnenschein gab, weiss Baldauf, dass am Montag wieder die Schwemme an Knirpsen kommt: «Wenn es am Tag immer wieder auftut, ist die Chance, dass man seinen Schirm irgendwo liegen lässt viel grösser. Regnet es in einem Guss, legen wir den Schirm nicht mehr aus der Hand. Er wird plötzlich zu unserem liebsten Begleiter.