Er war 32 Jahre alt und gerade frisch verheiratet, da lief es plötzlich nicht mehr im Bett. Der frisch Vermählte bekam keinen mehr hoch, im Fachjargon nennt man dies «erektile Dysfunktion». Nach ein paar Wochen traute er sich zum Urologen in die Hirslanden Klinik in Aarau. Nach einigen Untersuchungen schickte ihn Martin Schumacher zu einem Kollegen. Im Zentrum für Gefässmedizin soll ihm der Angiologe Nicolas Diehm helfen. «Da herrschte wirklich tote Hose», erklärt Diehm in seiner Praxis in Aarau.

Was den Gefässmediziner irritierte, denn auf den ersten Blick wirkte sein Patient mit der Potenzstörung gesund. Kein Raucher, kein Diabetiker, Normalgewicht. Doch Diehm erkannte: Der Patient leidet an einer vererbten Stoffwechselstörung und hat sehr hohe Cholesterinwerte. Dies führt dazu, dass seine Penis-Arterien verengt sind. Deshalb ist sein Penis nicht genug durchblutet und er kann keine Erektion bekommen.

150 Millionen Männer leiden

Die erektile Dysfunktion, kurz ED genannt, definiert die wiederholte Unfähigkeit, eine Erektion aufzubauen oder diese während des Geschlechtsverkehrs aufrechtzuhalten. Sie betrifft weltweit mehr als 150 Millionen Männer. Gemäss Nicolas Diehm nimmt sie zu. Ein Grund dafür ist die Zunahme von Diabetes; die Erkrankung gilt als eine der Hauptursachen für Erektionsstörungen. Doch oft sprechen Männer die Flaute im Bett beim Arzt gar nicht an, aus Schamgefühl oder weil sie erst gar nicht zum Arzt gehen.

Männer konsultieren seltener einen Arzt als Frauen. Die häufigste Ausrede: zu beschäftigt! Viele Männer geben auch zu, dass sie nicht zum Arzt gehen, weil sie Angst vor unangenehmen Untersuchungen und schlimmen Diagnosen haben. «Männer mit ED schämen sich, das Thema ist ein Tabu. Sie recherchieren lieber im Internet und bestellen irgendwelchen Schrott», sagt der Arzt.

Mögliche Ursachen

Für Erektionsstörungen kommen unterschiedliche Ursachen infrage. Doch gemäss Diehm liegt sehr häufig eine Durchblutungsstörung vor, nämlich bei bis zu 40 Prozent. 30 Prozent haben Potenzprobleme, weil sie an Diabetes leiden. Medikamente, Hormone, oder auch psychische Leiden sind weitere Risiken. Doch die psychische Verfassung – Stress, Kummer, Angst – ist nicht so oft der Grund, wie man glauben mag. Treffen kann es jeden Mann – auch einen 32-jährigen.

Doch gefährdet sind insbesondere ältere Männer (meistens zwischen 50 und 65 Jahren), Raucher und Übergewichtige. So sitzen bei Diehm oft starke Raucher, die über Probleme mit ihrer Potenz klagen. Auch übermässiger Alkoholkonsum kann zu Erektionsproblemen führen.

Mit einem Ballon aufdehnen

Oft werden Erektionsstörungen mit Medikamenten wie Viagra behandelt, ohne der Ursache auf den Grund zu gehen. Viagra war übrigens als Herz-Medikament vorgesehen. Die Erektion war «bloss» eine Nebenwirkung. Eine Nebenwirkung, die sich als Jackpot entpuppte. Doch gemäss Diehm reagieren bis zu 50 Prozent der Männer nicht ausreichend auf Viagra.

Diehm zeigt Röntgenbilder, auf denen man Arterien mit einer Sanduhr-förmigen Verengung sieht. Sie sind verkalkt. Der Gefässmediziner setzt dafür einen Ballon-Katheter ein. Während er den Eingriff erklärt, spricht er immer wieder vom «ballönle». Damit meint er das Aufweiten der Arterien. Über einen kleinen Schnitt in der Leiste wird ein Draht bis zur verengten Stelle geschoben. Diese erkennt der Arzt auf dem Röntgenbild. So arbeitet er sich langsam vor. Ein Ballon dehnt die Verengung wieder auf, die Arterie wird von innen aufgedehnt, damit das Blut wieder durchfliessen kann.

Mini-Ballon

Diese Mini-Ballon-Katheter haben einen Durchmesser von 1,5 bis 4 Millimeter. Bei der Hälfte der Männer reicht eine Aufdehnung, bei welcher der Mini-Ballon wieder herausgezogen wird. Die andere Hälfte braucht als Unterstützung einen Stent. Stents sind kleine, medizinische Implantate, die Gefässe offenhalten. Sie werden bei Herz- und Gefässeingriffen verwendet und sehen aus wie kleine Drahtgitter-Röhrchen. Die Neuheit: Sie werden nun auch bei Verengung der Penis-Schlagadern eingesetzt.

Nur schon ein paar Tage danach, berichtet der Gefässmediziner, hatten viele seiner Patienten wieder eine Erektion. «Viele hatten danach auch wieder die natürliche Morgenerektion», erklärt Diehm. Auch beim eingangs erwähnten 32-Jährigen war der Eingriff erfolgreich. Die Operation erfolge minimal-invasiv im Katheterlabor der Hirslanden Klinik in Aarau. Sie dauere ein bis zwei Stunden und geschehe unter örtlicher Betäubung. Der Patient bleibt lediglich zwei Nächte im Krankenhaus.

Seit April 2016 hat Diehm 50 Eingriffe durchgeführt. Es funktioniert. Doch es gebe noch zu wenig Langzeitstudien, die zeigen, wie lange die Arterien-Aufweitung anhält und ob man öfter «ballönle» müsse. Daher führt sein Team auch wissenschaftliche Untersuchungen durch. Eine Doktorandin der Universität Bern begleitet es dabei. Diehm gilt als Pionier auf dem Gebiet der Katheter-Behandlung bei Erektionsstörungen.

Wie kam er denn dazu, wenn das kaum ein Arzt macht? Als er noch im Inselspital in Bern arbeitete, wurde ein Schwinger aus dem Wallis zu ihm geschickt. Er hatte eine Penisverletzung. Bei einem Kampf wurde eine Arterie in seinem Penis verletzt. So beschäftigte sich der Mediziner das erste Mal genauer mit den Gefässen im männlichen Geschlechtsorgan.

Warnsignal des Körpers

Diehm ist optimistisch und sieht weitere Chancen für Patienten. Denn interessanterweise kann eine Erektionsstörung ein frühes Anzeichen für einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Das heisst: Funktioniert es untenrum nicht mehr einwandfrei, kann das ein Warnsignal sein für weitere Erkrankungen. Mehr als 70 Prozent von Patienten, die einen Herzinfarkt erlitten, geben im Nachhinein an, dass sie zuvor Probleme mit der Potenz hatten.

So kann das erste Symptom für einen drohenden Herzinfarkt oder Schlaganfall unter Umständen eine Erektionsstörung sein. «Eine Gefässverkalkung schlägt oft erst am Penis zu», sagt Diehm. Doch Erektionsprobleme als Symptom für bisher nicht erkannte Erkrankungen werden häufig noch stark unterschätzt. Deshalb sei es wichtig, dass Männer wissen: Eine Erektionsstörung muss auch als Fenster in den Körper wahrgenommen werden.

«Betroffene sollten das Problem ernst nehmen und sich nicht scheuen, das Thema mit dem Hausarzt oder Urologen zu besprechen», sagt Diehm.