Vor allzu hohen Erwartungen sei gewarnt: Der Besuch von Papst Franziskus beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK, kurz Weltkirchenrat) in Genf dürfte kaum zu einer Annäherung zwischen Katholiken und Protestanten führen. Denn für den Pontifex aus Argentinien steht die Ökumene nicht im Vordergrund.

Das wurde auch in den vergangenen Wochen deutlich: Anfang Juni erteilte die vatikanische Glaubenskongregation mit der ausdrücklichen Genehmigung des Papstes der Kommunion für Protestanten einmal mehr eine Absage – sogar dann, wenn es sich um den Ehepartner eines Katholiken oder eine Katholikin handelt. Nur eine Woche zuvor hatte die höchste katholische Glaubensbehörde bereits Nein zur Frauenordination gesagt. «In Treue zum Plan Christi» sei es unmöglich, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, liess der Vatikan verlauten. Das Verbot der gemeinsamen Kommunion und die Frage der Frauenordination gehören zu den wichtigsten Hindernissen der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten. Vor allem die Entscheidung Roms im «Hostien-Streit», also in der Frage der gemeinsamen Kommunion, ist denn auch von Protestanten und von progressiven katholischen Bischöfen als unverständlich und hinderlich oder sogar als Rückschritt auf dem Weg zur Ökumene bezeichnet worden.

Auch in zahlreichen anderen theologischen Streitfragen und insbesondere bezüglich der katholischen Sexualmoral hat Franziskus die Hoffnungen auf Reformen enttäuscht. Praktizierte Homosexualität bleibt eine Sünde, und deswegen kommen auch Homo-Ehen» nicht infrage. Abtreibung und selbst Verhütung bleiben ebenfalls verboten, und nicht einmal bei den wieder verheirateten Geschiedenen hat sich der Papst ein klares Bekenntnis zugunsten dieser Paare entlocken lassen.

In Glaubensfragen hat sich Franziskus als fast so konservativ wie sein Vorgänger Benedikt XVI. erwiesen. Dennoch zielt der Vorwurf, Franziskus sei ein halbherziger Reformer, am Kern seines Pontifikats vorbei. Der «Papst vom anderen Ende der Welt» hat einen ganz anderen Blick auf die Kirche als seine europäischen Vorgänger. Die Themen Bergoglios – Sohns eines italienischen Einwanderers – sind die tiefe Armut, in der Millionen Menschen leben, die Not der Kriegsflüchtlinge und der Migranten, die rücksichtslose Ausbeutung und Zerstörung der Natur, die Dominanz der Wirtschaft und der Finanzmärkte in der Politik, aber auch die Verfolgung von Millionen Katholiken in unzähligen Krisenherden der Welt. Die Zensur des Sexuallebens der Gläubigen und die Frage des gemeinsamen Abendmahls von Christen unterschiedlicher Konfessionen zählen – um es vorsichtig auszudrücken – nicht zu den obersten Prioritäten des argentinischen Kirchenoberhaupts.

Die eigentliche, die wahre Reform des 81-jährigen Pontifex ist eine andere: Franziskus will eine Reform des Herzens, nicht der Strukturen oder der Lehre. Er fordert Respekt und Mitgefühl auch für Kirchenmitglieder, die vom Pfad der katholischen Tugend abgewichen sind. «Moralische Gesetze sind keine Felsblöcke, die man auf das Leben von Menschen wirft», heisst es im päpstlichen Schreiben «Amoris Laetizia» – ein völlig neuer Ton im Vergleich zu seinen Vorgängern. Letztlich fordert Franziskus eine pastorale Umkehr: «Die grösste Veränderung unter Franziskus ist die Zuwendung der Kirche zu den Ärmsten, zu den Sündern und zu denen, die am gesellschaftlichen Rand leben», betont der italienische Vatikan-Kenner Andrea Tornielli. Der Papst hat eine Reform angestossen, die bis heute weder von seinen konservativen noch von seinen progressiven Kritikern wirklich verstanden wird.

Deshalb ist es unsinnig, Franziskus als «Bremser» in der Ökumene zu bezeichnen. Der Lateinamerikaner denkt viel weniger formalistisch, als man dies in der Schweiz oder in Deutschland gewohnt ist. Franziskus weiss ganz genau, dass viele Pfarrer und Bischöfe die Hostie auch Protestanten reichen – und vermutlich empfindet er diese Vorschriftsverletzung im Innersten als lässliche Sünde, wenn nicht sogar als richtiges, weil barmherziges Handeln.

Franziskus verfolgt bei allen seinen Reformen einen praktischen Ansatz – auch im Weltkirchenrat. Obwohl die katholische Kirche nicht Mitglied des ÖRK ist, arbeiten ihre Vertreter in zahlreichen Kommissionen mit. Dass die katholische Kirche nicht Mitglied des Weltkirchenrats ist, hat nicht zuletzt numerische Gründe: Der ÖRK, in dem über 300 christliche Kirchen vertreten sind, vertritt insgesamt rund eine halbe Milliarde Gläubige; die katholische Kirche kommt allein auf 1,3 Milliarden. Rom hätte damit ein unverhältnismässiges Gewicht – und ausserdem versteht sich die katholische Kirche selber als «Universalkirche».

Die Nicht-Mitgliedschaft im Weltkirchenrat ist genauso wenig als Absage an die Ökumene zu verstehen wie das (vorläufige) Nein zur Kommunion für Protestanten. «Wir müssen gehen und voranschreiten, aber nicht ungestüm vorpreschen, um begehrte Ziele zu erreichen, sondern gemeinsam geduldig gehen unter dem Blick Gottes», sagte der Papst nach dem Nein der Glaubenskongregation zum gemeinsamen Abendmahl. Dieses bleibt aber auch für den Papst ein «begehrtes Ziel».